Jüdisches Leben
in Bayern

Nenzenheim Synagoge

Eine Synagoge taucht in den Zinsbüchern der frühen Neuzeit nicht auf. Anfang des 18. Jahrhunderts konnte wohl kein regelmäßiger Gottesdienst stattfinden, da nicht genügend mündige Männer für einen Minjan im Ort lebten. Vermutlich verfügte die jüdische Gemeinde aber Mitte des 18. Jahrhunderts über einen einfachen Betraum in einem Privathaus: Ein Toravorhang aus Seidendamast hatte laut der Erfassung von Theodor Harburger die Jahreszahl 1739 eingestickt. Gestiftet hatte ihn ein Mosche ben Samuel aus Laibach, und seine Frau Jetta bar Salomon aus Mühlhausen. Im Jahr 1790 wurde in einer Prozessakte erstmals eine Synagoge im Haus des Schutzjuden Anschel Pfeiffer erwähnt; die Entscheidung in diesem rein innerjüdischen Streitfall überließ die schwarzenbergische Kanzlei dem Rabbinatsgericht.

51 Jahre später (1841) wird die Nenzenheimer Synagoge wieder im Zusammenhang mit einer geplanten Ersetzung der Synagogenstände durch Bänke erwähnt. 1849 hatte die Nenzenheimer Kultusgemeinde eine an einem öffentlichen Platz gelegene Haushälfte nordwestlich vom ehemaligen Schloss der Hutten erworben und wohl dort im ersten Stock einen Betsaal eingerichtet (Plan-Nr. 18, heute: Krassolzheimer Straße 4). Die zweite Haushälfte erwarb die Gemeinde 1869 vermutlich im Zusammenhang mit der 1861 erfolgten Auflösung des gemeinsamen Schulsprengels mit Hüttenheim. Beide Häuser wurden wohl im 19. Jahrhundert in Fachwerkbauweise errichtet. Die einfach und sparsam ausgeführte Synagoge erschloss ein schmaler Treppenaufgang im Inneren des Hauses. An den Betsaal der Männer mit einer Breite von rund 6 Metern und einer Länge von rund 5 Metern schloss sich der kleine L-förmige Frauenraum an. Der Toraschrein stand wahrscheinlich zwischen den Fenstern vor der südöstlichen Giebelseite der Synagoge. Der relativ kleine, nur von zwei Fenstern erhellte Schulsaal war im Obergeschoss des Nachbarhauses untergebracht und wies die Maße von rund 4 Meter auf 4 Meter auf. Da der Fachwerkbau wiederum 50 Jahre später baufällig war, schlug der Scheinfelder Bezirksbaumeister Geist 1891 eine umfassende Renovierung der Synagoge vor. Die in solchen Fällen üblicherweise durchgeführte landesweite Kollekte erbrachte 1893 nur rund 1900 Mark und deckte damit nur einen Bruchteil der für das Projekt veranschlagten Kosten von rund 8000 Mark. Da trotz der Einsturzgefahr die Nenzenheimer weiter in der baufälligen Synagoge Gottesdienst hielten, erinnerte die Bezirksregierung 1895 das Bezirksamt an die überfälligen Baumaßnahmen. Daraufhin ordnete das Bezirksamt die Schließung der Synagoge und einen Ortstermin an. Die Einweihung der neuen Synagoge fand dann am 27. November 1895 statt. Die Synagoge war ein zweigeschossiges, repräsentatives Bauwerk aus Ziegelsteinen auf einem Hausteinsockel. Die sakrale und profane Funktion des Mehrzweckbaus mit Synagoge, Religionsschule, Lehrerwohnung und Mikwe ließ sich bereits an der Fassade ablesen: Während lange Fensterbahnen den Betsaal auch von Außen als Sakralbau kennzeichneten, erhellten einfache Rechteckfenster den zweigeschossigen Schul- und Wohntrakt. Unter dem Giebelfenster erinnerte eine Tafel mit der Inschrift "Erbaut im Jahre 1895" an das Baudatum der Synagoge.

Am 10. November 1938 (Novemberpogrom) zerschlug ein SA-Mann das Mobiliar der Synagoge, die dann in Brand gesteckt wurde. Löscharbeiten begannen erst, als die Synagoge fast niedergebrannt war, um die benachbarten Anwesen zu schützen.

Das ausgebrannte Gebäude mit Synagoge und Schule erwarb die Gemeinde Nenzenheim am 1. Januar 1939 von der Kultusgemeinde für 2700 Reichsmark und richtete dort eine behelfsmäßige und eine ordentlich bewohnbare Wohnung ein. Während des Zweiten Weltkriegs diente die ehemalige Synagoge als Gefangenenlager. 

1950 übernahm die JRSO die Rechte der aufgelösten IKG Nenzenheim. Die ehemalige Synagoge erwarb ein Privatmann, der die erhaltene Bausubstanz sie in den 1960er Jahren in ein neues Wohnhaus integrierte. Den ehemaligen Betsaal ersetzte nun ein zweigeschossiger Neubau. Mitte der 1980er Jahre wurde eine Gedenktafel, die an die ehemalige jüdische Gemeinde in Nenzenheim erinnert, nicht an der früheren Synagoge, sondern etwa 200 Meter entfernt in einem Torturm der Kirchenburg angebracht. 


(Patrick Charell)

Bilder

Literatur

  • Hans Schlumberger / Cornelia Berger-Dittscheid: Nenzenheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, 1241-1258.