Jüdisches Leben
in Bayern

München 5, Herzog-Rudolf-Straße (1892-1938) Synagoge

Bereits seit der Gründung der Münchner Kultusgemeinde kam es trotz Ausgleichsbemühungen des von 1826 bis 1871 in München tätigen Rabbiners Hirsch Aub zu Konflikten zwischen liberalen, konservativen und orthodoxen Juden. Als Aubs Sohn Max, der von 1874 bis 1878 als Gemeindevorsteher amtierte, einen gemischten Chor, eine Orgel und 1876 ein neues Gebetbuch gemäß der reformierten neuen Liturgie eingeführt hatte, zogen sich die orthodoxen Juden aus der Kultusgemeinde zurück und gründeten nach Nürnberger Vorbild den Verein "Ohel Jakob" (hebr. Zelt Jakobs).

Die Anhänger der Orthodoxie trafen sich ab 1874 in einem Betsaal, den der Bankier Emil Neustädter in seinem Privathaus eröffnet hatte (Kanalstraße 29). Ab April 1886 zogen sie in die Hartmannstraße 3 um. Auf der Suche nach einer Synagoge hatten die im Verein "Ohel Jakob" organisierten orthodoxen Juden zunächst die sanierungsbedürftige alte Synagoge in der Westenriederstraße ins Auge gefasst. Der Plan, das Gebäude von der Kultusgemeinde zu mieten scheiterte jedoch am Widerstand der liberalen IKG München. Nachdem der Verein dank großzügiger Spender ein Grundstück in der späteren Herzog-Rudolf-Straße 5 im Lehel erworben hatte, wurde 1891 der Grundstein für die orthodoxe Synagoge gelegt. Die Pläne hatte der Architekt August Exter (1858-1933) entworfen, der vor allem Wohn- und Geschäftshäuser in München plante und für die Pasinger Villenkolonie bekannt wurde. An die Synagoge war die Israelitische Volksschule (Herzog-Rudolf-Straße 3) angeschlossen, die den Status einer öffentlichen Konfessionsschule besaß.

Die Straßenfront der stilpluralistischen ("eklektischen") Synagoge Ohel Jakob war nach dem Vorbild romanischer Sakralbauten, mit zusätzlichen frühgotischen Elementen gestaltet. Das große Rundfenster war wohl ein Zitat der Hauptsynagoge, deren Monumentalität die eher an eine kleine Pfarrkirche erinnernde Synagoge allerdings nicht besaß. Die von der Frontseite abgesetzte, zentrale Mittelkuppel zitierte mit den Rundbogenfenstern und der flachen Kuppelschale byzantinischen Vorbildern und war vom Davidsstern bekrönt, der auch in der Mitte der Fensterrose erschien.

Das Äußere der Synagoge orientierte sich an der Organisation des Innenraums: Der von einem Turm bekrönte Baukörper markierte den Standort des von einem übergiebelten, von zwei Säulen flankierten Thoraschreins, über dem ein neogotisches Rippengewölbe angebracht war. Die Kuppel verwies auf den in der Mittel des von einer Kassettendecke im Renaissancestil abgeschlossenen Gemeinderaums stehenden Almemor. Die hölzernen Frauenemporen saßen auf Arkadenreihen mit Würfelkapitellen auf. Am 25. März 1892 wurde das 250.000 Mark teure Gotteshaus von Gemeindrabbiner Dr. Josef Perles und Heinrich Ehrentreu, der seit 1885 als Vereinsrabbiner der orthodoxen Juden fungierte, eingeweiht. Ein Jahr später wurde die Synagoge um eine gemauerte Laubhütte ergänzt.

Seit 1907 beherbergte ein neues Seitengebäude im Erdgeschoss eine Bibliothek und im ersten Stock eine Hausmeisterwohnung. Nachdem SA-Männer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die orthodoxe Synagoge und die benachbarte Schule in Brand gesteckt hatten, brannte die Gebäude völlig aus. Nur das Eingreifen eines SA-Manns verhinderte, dass Rabbiner Dr. Ernst Ehrentreu beim Versuch, die Thorarollen zu retten, von völlig enthemmten Schergen in die Flammen geworfen wurde. Im Juli 1939 wurden die Ruinen der orthodoxen Synagoge abgerissen. Von ihr sind keine Spuren geblieben.


(Stefan W. Römmelt)

Bilder

Literatur

  • Angela Hager / Frank Purrmann: München. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm uns Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. I: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 360-385.
  • Michael Brenner: Jüdisches München. München 2006.
  • Landeshauptstadt München (Hg.) / Benedikt Weyrer: München 1933-1949. Stadtrundgänge zur politischen Geschichte. München 1996, S. 42f.
  • Wolfram Selig (Hg.): Synagogen und jüdische Friedhöfe in München. München 1988.