Nach ihrer Neugründung hatte die jüdische Gemeinde bereits 1815 den Bau einer Synagoge beschlossen. Eine Gruppe um Eduard Marx wollte das Gotteshaus unbedingt in der Ledererstraße errichten, also im Herzen der Münchner Altstadt, was die Behörden jedoch ablehnten. Erst 1822 konnte sich der liberal denkende Gemeindevorstand Israel Hirsch Pappenheimer (1777–1837) durchsetzen. Für 6.300 Gulden erwarb er vom Nervenarzt Dr. Johann Baptist Sax ein geeignetes Grundstück an der Theaterstraße (in etwa Westenriederstraße 7). Am 26. Juli 1824 wurde der Grundstein für die von dem königlichen Baurat Jean Baptist Métivier (1781–1853) geplante Synagoge gelegt. König Ludwig I. von Bayern (reg. 1825–1848) nahm persönlich an der Einweihung des Gotteshauses am 21. April 1826 teil.
Noch im selben Jahr erschien die gedruckte Festrede des neuen Rabbiners Hirsch Aub (1796–1875), sowie eine offizielle Synagogenordnung. Katasterpläne von 1849 und 1865 zeigen ein längliches Grundstück, dessen gesamte nördliche Breite von der Synagoge ausgefüllt wurde. Am anderen Ende grenzte ein kleineres Rückgebäude an die Frauenstraße an. Dort war vermutlich das Ritualbad untergebracht, und im Garten dazwischen konnte die Gemeinde das Laubhüttenfest (Sukkot) feiern.
Die verhältnismäßig schlichte, im Stil der Hochrenaissance gestaltete Fassade war repräsentativ und würdevoll, ließ aber keine Rückschlüsse auf seine Bestimmung als Sakralbau zu. Als Schauseite fungierte die an der Straßenflucht gelegene Giebelseite, von Eckrisaliten eingefasst und mit zwei horizontalen Reihen Rundbogenfenstern ausgestattet, die im ersten Stock durch Rahmenädikulen hervorgehoben waren. Zwei getrennte, von Pilasterädikulen mit Dreiecksgiebeln gerahmte Portale boten Männern und Frauen jeweils separaten Zugang zum Gotteshaus.
Für die Gestaltung des Innenraums orientierte sich Métivier wohl an Friedrich Weinbrenners von 1798 bis 1806 in Karlsruhe errichteten Synagoge und an dem lokalen Vorbild des 1818/19 von Leo von Klenze nach Pariser Vorbild geplanten Redoutensaals in der Prannerstraße. Das im klassizistischen Stil gehaltene Innere der Synagoge erinnerte an römische Thermen oder Basiliken: Den Saal mit einem kassettierten Tonnengewölbe schloss im Osten eine Apsis ab, die man über mehrere Stufen erreichte. Der Thoraschrein war nach dem Vorbild einer antiken Tempelfront mit Pilastern und Säulen gestaltet. Auf den jüdischen Charakter des Gotteshauses wiesen die Mosaischen Gesetzestafeln über dem Frontispiz des Thoraschreins und das in die Apsis integrierte Misrachfenster hin. In der Mitte des Saals stand der achteckige Almemor. Flankiert wurde der Saal von den mit hohen Brüstungen versehenen Frauenemporen, die auf Säulen mit Palmettenkapitellen ruhten. Vier der Säulen aus Tegernseeer Marmor hatte König Max I. Joseph (reg. 1799/1806–1825) noch zu Lebzeiten gestiftet.
Nachdem die IKG München eine neue, ungleich größere Synagoge an der Maxburg errichtet hatte, ließ sie das nun leerstehende Gotteshaus 1886 versteigern. Das Gebäude wurde 1889 abgebrochen und an seiner Stelle ein Wohn- und Geschäftshaus im Prinzregentenstil errichtet.
Das Wohn- und Geschäftshaus Westenriederstraße 7 wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Lange blieb das Grundstück eine Brache. Unter anderem wurde erwogen, dort eine Synagoge für die liberale Münchner Gemeinde Beth Shalom zu errichten. Im Bezirksausschuss Altstadt-Lehel gab es Unterstützung für diese Idee. 2011 errichtete die Baywobau an dieser Stelle wieder ein Wohn- und Geschäftshaus. Bei Ausgrabungsarbeiten, die den eigentlichen Baumaßnahmen vorangingen, wurden Reste der Zwingermauer und eines Schalenturms gefunden, aber nicht von der Synagoge.
(Stefan W. Römmelt | Patrick Charell)
Bilder
Literatur
- Angela Hager / Frank Purrmann: München. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm uns Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. I: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 360-385.
- Michael Brenner: Jüdisches München. München 2006.
- Münchner Stadtmuseum / Stadtarchiv München (Hg.) / Franz Schiermaier: Stadtatlas München. Karten und Modelle von 1570 bis heute. München 2003, S. 86f., 98f., 106f. mit Kartenbeilagen.
- Münchner Stadtmuseum / TU München (Hg.) / Winfried Nerdinger u.a.: AK Klassizismus in Bayern, Schwaben und Franken. Architekturzeichnungen 1775-1825. München 1980, S. 112.
- Stadtarchiv München (Hg.) / Andreas Burgmaier / Gustav Schneider (Illustrationen): Häuserbuch der Stadt München, Bd. IV: Anger Viertel. München 1958, S. 558.
- Joseph Perles: Rede, gehalten bei der Trauerfeier für Weiland Seine Majestät König Ludwig II. am 22. Juni 1886 in der Synagoge zu München. München 1886.
- Joseph Perles: Predigt zur 50jährigen Jubelfeier der Synagoge zu München am 1. Peßach-Tage 5636 (9. April 1876). München 1876.
- Carl Seitz / Max Ravizza: Plan Monumental von München (Detail: Synagoge in der Westenriederstraße). Chromolithografie, München 1864 (?). BSB, Mapp. XI,462 (PDM 1.0).
- Gustav Wenng (Hg.): Topographischer Atlas von München in seinem ganzen Burgfrieden [...]. München 1849-1851, Blatt Nr. 6 © BSB, Mapp. XI,453p (PDM 1.0).
Weiterführende Links
- Jean Baptiste Métivier, Grund-Pläne [...] der Synagoge in München, 1825
- Feyerliche Einweihung der Synagoge in München: den 21. April 1826, München 1826
- Hirsch Aub: Rede bei der Einweihungsfeier der Synagoge in München: am 21. April 1826
- Gottesdienst anläßlich der Thronbesteigung König Ottos von Griechenland, 1833
- Programm zum feierlichen Trauergottesdienst für die ... Königin Wittwe Friederike Wilhelmine Caroline von Bayern (1841)
- Rede bei dem [...] Trauergottesdienste für die höchstselige Königin Wittwe, Friederike Wilhelmine Caroline von Bayern 18
- Programm zum feierlichen Trauergottesdienst für die allerhöchstselige Königin Therese von Bayern (1854)
- Predigt beim Trauergottesdienst für Königin Therese von Bayern, 1854
- Hirsch Aub: Was Maximilian II. uns war: Predigt bei dem ... Trauergottesdienste, 1864
- Hirsch Aub: Predigt bei dem ,,, am 16. März 1868 ... stattgefundenen Trauer-Gottesdienste ... König Ludwig I.
- Joseph Perles: Predigt zur 50jährigen Jubelfeier der Synagoge zu München am 1. Peßach-Tage 5636 (9. April 1876)
