1911 mietete die Kultusgemeinde Lendershausen(-Hofheim) einem Raum im Obergeschoß des Lendershäuser Tors, einem Teil der mittelalterlichen Stadtmauer mit einem im 18. Jahrhundert aufgesetztem Fachwerkbau. Sie richtete dort – wahrscheinlich an der Nordostseite – einen Betraum ein, der nur für private Wochentagsgottesdienste bestimmt war. Über die Ausstattung des gewiss zweckmäßig-einfachen Raums ist nichts bekannt. Die bauliche Situation erlaubte keine Frauenempore, daher dürfte ein eingebautes Holzgitter die beiden Abteilungen getrennt haben. Der Zugang erfolgte entweder über das westliche Nachbarhaus, das direkt an die Toranlage angrenzte, oder über eine schmale Seitentür im Torbogen, die heute vermauert und verputzt ist. Noch lag das religiöse Zentrum der Gemeinde in Lendershausen, aber die dortige barocke Synagoge verlor mit der zunehmenden Verlagerung des Gemeindelebens nach Hofheim immer mehr an praktischer Bedeutung. Schnell wurde klar, dass der Betraum im alten Stadttor nur eine Übergangslösung sein konnte, daher legte die Kultusgemeinde schon 1915 einen Fonds zur Errichtung eines neuen Gemeindezentrums in Hofheim an.
Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation in der frühen Weimarer Republik konnte die Kultusgemeinde eine ehemalige Färberei östlich des Marktplatzes erwerben (heute Kirchgasse 11). Hier wurde ein typisches Gemeindezentrum geplant, das die Synagoge, Lehrerwohnung, Schule und Mikwe unter einem Dach vereinen sollte. Zum eigenen Glück entschied sich der Kultusvorstand im Jahr 1922, ein Jahr vor der großen Hyperinflation, die geplanten Baumaßnahmen anzugehen. Das L-förmige Anwesen war ursprünglich ein dreiseitiger Bauernhof. Es bestand aus einem Wohnhaus im Südwesten, erbaut im frühen 19. Jahrhundert, dem sich ein trapezförmiger Wirtschaftsbau anschloss. Wohl wegen seiner Ostausrichtung und weil es durch die frühere Landwirtschaftliche Nutzung keine Zwischenwände gab, entstand hier der neue Betsaal der Gemeinde. Der Toraschrein stand and er östlichen Giebelseite. Die Synagoge besaß offenbar nur einen Zugang vom südlich gelegenen Hofraum her. In das Erdgeschoss des Vorderhauses kam die Schule, darüber im Obergeschoß die Lehrerwohnung. In der Männerabteilung saßen die Betenden gemäß der neuen Synagogenordnung in zwei parallelen Bankreihen (Subsellien) mit Blick auf den Toraschrein, davor die Bima. Die Frauenabteilung im nur einstöckigen, flach gedeckten Saal verlief entlang einer südwestlich gelegenen Trennwand zum Vorderhaus. Insgesamt bot dieses Gotteshaus 55 Personen Platz. Einige wenige Teile der Ausstattung wurden aus der alten Lendershausener Synagoge übernommen, die aber trotzdem noch in sporadischer Benutzung blieb: Theodor Harburger verzeichnete in den späten 1920er Jahren einen silbernen Toraschild, den die Chevra Kaddischa (Beerdigungsverein) im Jahr 1857 gestiftet hatte, zwei silberne Jads (Torazeiger) und das 1790 angelegte Memorbuch der Kultusgemeinde. Sein besonderes Interesse wurde durch einen Chanukka-Leuchter aus Messing geweckt, der in der Mitte eine männliche Figur zeigte. Im südlichen Hofraum befand sich das neue, rechteckige Ritualbad, das als kleiner Satteldachbau neu errichtet wurde. Sämtliche Baumaßnahmen gingen gut voran, kamen aber im Inflationsjahr 1923 zum Erliegen und wurden erst 1924 abgeschlossen. Nach dem Novemberpogrom 1938 mussten Theodor Vandewart und Felix Kuhn als letzter Vorstand die Auflösung ihrer Kultusgemeinde betreiben und verkauften das Synagogenanwesen im Juni 1939 an zwei Fuhrunternehmer. Die neuen Besitzer zogen im Betsaal Zwischenwände ein, ertüchtigten den Kamin und passten die Fenster auf der Südseite an. 1949/50 führte die JRSO als Rechtsnachfolgern der Gemeinde mit den neuen Eigentümern ein Vergleichsverfahren und erhielt eine Ausgleichszahlung von 5.500 DM. Das Gebäude steht in seiner Substanz noch heute.
(Patrick Charell)
Adresse / Wegbeschreibung
Kirchgasse 11, 974761 Hofheim
Literatur
- Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Lendershausen-Hofheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 514-527.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 297.
