Der erste jüdische Betsaal wurde vermutlich um 1700 eingerichtet und lag im Wohnhaus des Jehuda Löw. Er war rund 20 Jahre lang in Benutzung. Christliche Bürger, die in der Nachbarschaft wohnten, beschwerten sich aber über den ständigen "Lärm", den die Gottesdienste verursachten. Deshalb stellte Abraham Fromb 1720 sein Haus (Nr. 102, heute Sonnemannstraße 36) am Südrand des Dorfes zur Verfügung. Er verpflichtete sich, für den Einbau einer Synagoge in sein Privathaus und deren Unterhalt zu sorgen. In dem zweigeschossigen Bau mit Halbwalmdach lag unter einem Vorbau im Erdgeschoss der Zugang zu einer kleinen Vorhalle, die über zwei Türen in den tonnengewölbten Betsaal mit der Männer- und Frauenabteilung führte. Der Erbauer und weitere wohlhabende Mitglieder der Kultusgemeinde sorgten für eine wertvolle Ausstattung. Im Obergeschoss lag die Privatwohnung des Stifters. Diese Synagoge diente über 200 Jahre als Gemeindezentrum, 1753 ging das Gebäude in den Besitz der jüdischen Kultusgemeinde über.
Eine Generalsanierung mit Neugestaltung des Betsaales und Umbau der Frauensynagoge erfolgte 1855. Danach verfügte die Synagoge über 33 Männer- und 35 Frauensitze. Da die Mikwe im Gemeindehaus durch den Distriktsrabbiner für unbrauchbar erklärt worden war, wurde 1908 in der Synagoge ein neues Ritualbad, das sich aus Regenwasser speiste, eingebaut. Stücke der wertvollen Ausstattung, u.a. Toramäntel, Wand- und Kronleuchter, die zum Teil aus der Frühzeit des 18. Jh. stammten, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts dem Fränkischen Luitpoldmuseum in Würzburg übergeben und gelangten von dort in das heutige Mainfränkische Museum Würzburg. Der letzte feierliche Akt, der in der Höchberger Synagoge stattfand, war 1932 die Einbringung einer neuen Torarolle unter Leitung des Bezirksrabbiners Dr. Siegmund Hanover.
Während des Novemberpogroms 1938 kamen am Nachmittag des 10. November NS-Parteiangehörige ins Dorf, drangen in die Synagoge ein, warfen die Fenster ein und zerstörten die Inneneinrichtung. Sie schändeten die Ritualien, stahlen die Wertsachen, zerrissen die Textilien, Thorarollen und Gebetbücher, zerschlugen den barocken Almemor und das Gestühl. Die Enteignung der Synagoge erfolgte am 4. Juli 1939.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der ehemalige Sakralbau als Unterstellraum genutzt. 1951 erwarb die Evangelisch-Lutherische Gesamtkirche Würzburg das Gebäude und baute es zum evangelischen Gotteshaus um. 1978/79 erfolgte ein weiterer einschneidender Umbau mit Vergrößerung des Kirchenraumes. In dem nun evangelischen Sakralbau, der seit 1962 den Namen „Matthäuskirche“ trägt, wird das jüdische Erbe vielfältig mit einbezogen; u.a. erhielt ein Chuppastein aus dem Jahr 1661, der sich einst in der Außenwand der Synagoge befand, einen Platz im Innenraum. Eine Gedenktafel an der Fassade erinnert an die Geschichte des Hauses.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Sonnemannstraße 36, 97204 Höchberg
Literatur
- Jüdisches Museum München / Museum für Franken in Würzburg (Hg.): "Sieben Kisten mit jüdischem Material", Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute, Berlin/Leipzig 2018, S. 126, Nr. 1.
- Cornelia Berger-Dittscheid / Hans-Christof Haas: Höchberg. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 718-749.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 289-296.
