Jüdisches Leben
in Bayern

Gunzenhausen Synagoge

Über eine mittelalterliche Synagoge in Gunzenhausen ist nichts bekannt. Erst 1583 wird eine „Judenschul“ erwähnt, dann wieder 1602. Ob es sich um dieselbe Synagoge handelte, die in der heutigen Waagstraße 1 stand und regelmäßig im 17. Jahrhundert durch Rechnungen des Bürgermeisteramtserwähnt wird, ist unklar. Dieses Gotteshaus wurde jedenfalls im Jahr 1700 für einen Neubau abgebrochen, weil sie die stetig größer werdende Schar der Gläubigen nicht mehr fassen konnte. Während der Baumaßnahmen mussten die Gottesdienste in einem Privathaus der „Judengasse“ (heute wahrscheinlich Waagstraße 3) stattfinden.

1708 wandte sich die Kultusgemeinde an den Ansbacher Hof und baten um die Erlaubnis, eine neue Synagoge inmitten in der „Judengasse“ (heute Auergasse 3) errichten zu dürfen. Rat und Bürgerschaft von Gunzenhausen protestierten vergeblich beim Markgrafen, bis 1718 wurde das neue Gotteshaus fertiggestellt. Die kleine Synagoge besaß einen annähernd quadratischen Grundriss und bestand aus einem einzigen Raum, den die Männer über einen seitlich angegliederten Synagogenhof betraten. Der Platz reichte nur für 40 Männer, auch der Frauenbereich war sehr klein und befand sich möglicherweise über einen kleinen, gewölbten Anbau mit einer Mikwe („alte Duck“) an der Rückseite. Weitere sieben oder acht Mikwen befanden sich in den Kellern von Privathäusern und wurden nach der Verabschiedung neuer staatlicher Hygienevorschriften nicht mehr benutzt. Eine letzte Neuerung machte im Jahr 1838 die Raumnot deutlich: Der Betsaal bekam feste Stände, damit „dadurch bestimmte Gänge in der Synagoge gewonnen werden“. Wegen seiner Baufälligkeit wurde die Synagoge 1879/80 abgerissen, heute steht an der Stelle ein privates Wohnhaus.

Bis zur Fertigstellung des Neubaus wurden jüdische Gottesdienste im Haus der Familie Joseph Blumenstein (Marktplatz 5) gefeiert.

Pläne für ein großes Gotteshaus reiften bereits 1878. Schließlich erwarb die Gemeinde das sogenannte Dreßler‘sche Anwesen mit Garten in der Judengasse (heute Hafnermarkt 20). Nach einer schwierigen Planungszeit und begleitet von Interventionen der königlichen Baubehörde errichtete hier der Nürnberger Architekt Carl Evora bis zum 11. September 1883 eine Synagoge im orientalisierenden, romanisch-barocken Baustil. Das imponierende Gebäude gehörte mit seinen zwei Zwiebeltürmen, die in vergoldeten Davidsternen ausliefen, zu den Hauptsehenswürdigkeiten von Gunzenhausen. In seinem inneren Aufbau lehnte sich das Gotteshaus entsprechend dem deutschen Reformjudentum an christliche Sakralbauten an. Der Toraschrein stand in einer erhöhten Apsis an der Ostwand, davor stand die Bima und bildete eine architektonische Einheit. Anstelle der orthodoxen Stehpulte wurden zwei Reihen von Subsellien installiert, die im Norden und Süden der Halle in Blickrichtung zum Toraschrein standen. An der repräsentativen Fassade führte eine Freitreppe zu drei Portalen, die in den Betsaal und seitlich zu den Türmen überleiteten. Über dem Haupttor prangte ein Davidstern. Wohl durch separate Zugänge auf der Rückseite der Türme gelangten die Frauen zur Mikwe im Keller.

Im November 1938 wurde geplant, das inzwischen städtische Gebäude als Festhalle der HJ oder als „Volkshaus für das kommende Jahrhundert“ umzubauen. Dazu kam es jedoch nicht, 1942 diente es zur Unterbringung von Kriegsgefangenen. Im Sommer 1948 bekam das Gebäude ein neues Dach und wurde so vor weiterem Verfall geschützt. 1951 ging es im Rahmen der Rückerstattung an die JRSO über, die es ihrerseits an das Unternehmen „Eisenwarenfabrik Theodor Loos“ veräußerte. Am 15. November 1979 kaufte die Stadt das Anwesen zurück und ließ es mit Zustimmung des Landesverbands israelitischer Kultusgemeinden in den 1980er Jahren abreißen. Auf dem Areal errichtete die Kommune eine Tiefgarage, die zugleich als Luftschutzkeller für die Bevölkerung angelegt wurde. Daneben entstand ein Neubauensemble mit Geschäften und Wohnungen. 


(Patrick Charell)

Literatur

  • Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid / Hans-Christof Haas: Gunzenhausen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 350-371.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2., Fürth 1998, S. 231-242.