Jüdisches Leben
in Bayern

Großlangheim Synagoge

Eine Synagoge existierte in Großlangheim zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht, da 1809 im Zusammenhang mit der Tätigkeit eines jüdischen Schullehrers ein angemieteter Gebetsraum erwähnt wird. Rund eineinhalb Jahrzehnte danach griff die jüdische Kultusgemeinde 1826 den Vorschlag des Landgerichts Kitzingen von 1809 auf und plante den Bau einer Synagoge. Das Landgericht unterstützte eine geplante landesweite Kollekte, jedoch lehnte die Kreisregierung das Projekt 1827 ab, da für eine offizielle Synagoge zumindest 50 Familien im Ort leben müssten.

Sieben Jahre später hatte sich die Haltung der Kreisregierung erneut geändert. Im Dezember 1834 legte sie an das Innenministerium einen – nicht erhaltenen – Bauplan des Zivilbauinspektors Johann Gottfried Gutensohn vor, dessen überarbeitete Fassung Anfang April 1835 von König Ludwig I. genehmigt wurde. Wie schon im Jahr 1826 unterstützte das Landgericht Kitzingen einen (erneut von der Kreisregierung abgelehnten) Antrag für eine Kollekte.

Ende der 1830er Jahre konnte die Kultusgemeinde das Bauprojekt dann tatsächlich verwirklichen. Das auf rechteckigem Grundriss errichtete, elf Meter lange und neun Meter breite Gotteshaus wurde völlig aus Stein errichtet und von einem Satteldach abgeschlossen. Die Fassade gliedern vertikal breite Ecklisenen und horizontal Gurtgesimse, die das Gebäude in zwei ungefähr gleichhohe Zonen teilen. Während die untere Zone über keine Fenster verfügt, sitzen in der oberen Wandzone an den Langseiten jeweils vier Rundbogenfenster. An der West- und Ostseite finden sich im oberen Bereich jeweils zwei eng nebeneinander stehende Rundbogenfenster. Der Betsaal, dessen westlichste Achse die Frauenempore einnahm, reichte ursprünglich bis zur gewölbten, möglicherweise mit einem blauen Sternenhimmel bemalte Tonnendecke und wurde von den großen Rundbogenfenstern erleuchtet.

Fotografien erlauben die ungefähre Rekonstruktion der Innenausstattung. Über dem flachen Dreiecksgiebel des mit vier kannelierten Säulen geschmückten Toraschreins ragten die beiden Gesetzestafeln auf. Die Wand hinter dem Schrein zierte eine Rahmenarchitektur. Über den in zwei Blöcken seitlich des Mittelgangs angeordneten Sitzbänken hingen mindestens vier mehrflammige Kronleuchter. Wie schon 1827 und 1835 lehnte die Kreisregierung auch nach Abschluss der Baumaßnahmen ein drittes Mal die Genehmigung einer die Finanzierung des Neubaus unterstützenden Kollekte ab.

In den späten 1920ern inventarisierte der Kunsthistoriker Theodor Harburger (1887-1949) im Auftrag des Verbands Bayerischer Israelitischer Gemeinden die Ritualien der Synagoge. Am 10. November 1938 verwüstete ein vierköpfiges SS-Kommando, das auch die örtliche Bevölkerung zu diversen Straftaten anstiftete, in den meisten Gemeinden des Landkreises Kitzingen die Synagogen und misshandelte die örtlichen Juden – beides unter Beteiligung der Bevölkerung. Dieses "Rollkommando" ist wohl auch für die Verwüstung und Plünderung der Großlangheimer Synagoge verantwortlich, deren Torarollen entweiht wurden. Bis heute spurlos verschwunden sind das Torasilber und andere Ritualgegenstände wie ein Beschneidungsbecher aus Silber. Im Zweiten Weltkrieg wurde die ausgeraubte Synagoge als Unterkunft für Kriegsgefangene und 1945 als Lazarett genutzt. Im April 1998 beschloss die Gemeinde Großlangheim, die von ihr erworbene und bis dahin von der Freiwilligen Feuerwehr genutzte, ehemalige Synagoge zu sanieren und zu erweitern, um dort ein Kultur- und Informationszentrum einzurichten. 2001 waren die Baumaßnahmen abgeschlossen.


(Stefan W. Römmelt)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Schloßhof 18, 97320 Großlangheim

Literatur

  • Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Großlangheim mit Rödelsee, in: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 987-1019.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 230.