Vor 1800 fanden die Gottesdienste der jüdischen Gemeinde wohl in einem privaten Betsaal statt. 1800 lässt sich erstmals eine Synagoge am Rand der Altstadt in einem kleinen, 1626 errichteten Eckhaus nachweisen, das sich bereits seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in jüdischem Besitz befand. Der windschiefe Betsaal befand sich im Obergeschoss des Gebäudes und war mit seinen 16 m² für die Männer und 8 m² für die Frauenabteilung, der östlich des Toraschreins lag, nur äußerst schmal dimensioniert. Nachdem die zahlenmäßig seit 1861 stark gewachsene jüdische Gemeinde im Jahr 1864 eine Veränderung in der Synagogenausstattung beschlossen hatte, ließ Kultusvorsteher Jakob Hirschberger 1865 die Sitzplätze am Boden fest verankern.
Da die alte Synagoge nicht mehr den Ansprüchen der Gemeinde entsprach – und weil das staatliche Sanitätsamt den alten Betsaal als unbrauchbar eingestuft hatte – erwarben neun jüdische Privatpersonen 1872/73 ein Wohnhaus mitsamt einem unregelmäßig zugeschnittenen Grundstück. Es stand im Bereich der Spitalvorstadt, an der Ausfallstraße nach Osten. Für die Finanzierung des geplanten Neubaus mit Lehrerwohnung wurden mehrere Kollekten sowie eine bayernweite Sammlung durchgeführt. Im nördlichen Teil des rechteckigen, rund 16 auf 9 Meter messenden Gemeindehauses war die Synagoge, im südlichen Teil Lehrerwohnung und Schulsaal untergebracht.
Lange, rundbogige Fensterbahnen erhellten den Betsaal, der die gesamte Gebäudehöhe einnahm. Der rund 7 auf 8 Meter messende Betsaal war mit zwei Bankblöcken und dem Toraschrein an der Ostwand ausgestattet. Die Frauenempore, die auf drei Seiten des Raumes verlief, ruhte auf zwei Rundstützen. Während sich die Höhe des Betsaals über beide Geschosse erstreckte, blieb der angrenzende profane Schulbau in zwei Geschosse unterteilt. Zum Schutz des Gotteshauses wurde eine Brandmauer eingezogen. Die Stockwerke wurden durch ein rundumlaufendes Gurtgesims voneinander abgehoben. Im Erdgeschoss des Schulhauses lag die aus Küche, Wohn- und Schlafzimmer bestehende Lehrerwohnung und im Obergeschoss der rund 5 Meter lange und 4 Meter breite Lehrsaal für den Religionsunterricht. Der Zustand der Mikwen war häufig Anlass für Beanstandungen. Die jüdische Kultusgemeinde in Gerolzhofen unterhielt während des 19. Jahrhunderts kein eigenes Tauchbad, sondern benutzte stattdessen die Mikwe im Privathaus des Religionslehrers.
Ende November 1936 schlugen unbekannte Täter Fensterscheiben der Synagoge ein. Am Nachmittag des 10. November 1938 zerschlugen Uniformträger und Zivilisten die Inneneinrichtung der Synagoge, die dann auf dem Sportplatz verbrannt wurde. Am Sabbat nach dem Pogrom wurden die inhaftierten Gerolzhöfer Juden gezwungen, die Synagoge aufzuräumen. Am 4. September 1939 erwarb die Stadt Gerolzhofen die leere Synagoge. Nachdem die Stadt Gerolzhofen die Synagoge 1952 von der JRSO erworben hatte, verkaufte sie das Gebäude 1957 an einen Privatmann. Danach wurde die Synagoge zu einem Wohn- und Geschäftshaus umgebaut, dessen Substanz bis heute steht.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Steingrabenstraße 51, 97447 Gerolzhofen
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Gerolzhofen. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1325-1364.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 228.
