Jüdisches Leben
in Bayern

Geroldshausen Synagoge

Spätestens um 1790 konnten die Geroldshauser Juden einen Minjan bilden und war somit berechtigt, gemeinsame Gottesdienste zu veranstalten. Auch die Bezahlung von Abgaben an die Herrschaft für das Recht "Schul" zu halten, verweist auf einen Betraum im Dorf. Die älteste Synagoge von Geroldshausen befand sich wohl im Dachgeschoss des Wohnhauses Nr. 6 (heute Standort Hauptstraße 16), das zwei jüdischen Gemeindemitgliedern gehörte. 1840 erwarb Isaak Weinberger für die Gemeinde das von der Straße zurückversetzt gelegene Anwesen Nr. 4 (heute Standort Hauptstraße 20). In ihm waren damals vermutlich die Religionsschule, die Lehrerwohnung und das Ritualbad eingerichtet. Nebenan plante die Kultusgemeinde ab 1841 einen Synagogenneubau.

 

Durch Spenden von der Gutsherrschaft und von auswärtigen Glaubensgenossen konnte das Vorhaben realisiert werden. Über rechteckigem Grundriss entstand ein schlichter zweigeschossiger Bruchsteinbau mit Zeltdach. Sein Betsaal bot Platz für rund 25 Männer- und 16 Frauenplätze. Da die Kultusgemeinde bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert nur mehr wenige Mitglieder verzeichnete – im Jahr 1900 noch 17, 1910 noch 12 Personen – muss man annehmen, dass ab dieser Zeit kein Minjan mehr zustande kam und gemeinsame Gottesdienste wohl nicht mehr veranstaltet werden konnten. Lediglich an hohen Feiertagen, wenn auswärtige Verwandtschaft oder andere Gäste zu Besuch kamen und den Minjan ergänzten, dürfte die Synagoge noch in Benutzung gewesen sein.

Während des Novemberpogroms 1938 erfolgten keine größeren antisemitischen Anschläge gegen die jüdischen Einrichtungen im Ort. In der Synagoge wurden in der Nacht vom 10. auf 11. November jedoch die Fenster eingeschlagen. Am 4. August 1942 fielen die Synagoge, das Wohnhaus und der Hofanteil der Israelitischen Kultusgemeinde Geroldshausen an die politische Gemeinde. Die Ritualien aus der Synagoge, die der letzte Vorstand Jakob Maier auf Anraten des Bürgermeisters in sein Haus in Verwahrung genommen hatte, sind verschollen.

Die einstige Synagoge wurde nach dem 2. Weltkrieg zeitweise als Glaslager genutzt. 1951 erwarb es ein Privatmann, der es zum Wohnhaus umbaute. Die ehemalige Bausubstanz blieb dabei größtenteils erhalten. Das Gebäude wird noch heute als privates Wohnhaus genutzt.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Hauptstraße 20, 97256 Geroldshausen

In zweiter Reihe, nicht öffentlich zugängliches Privatgrundstück.

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Geroldshausen mit Kirchheim, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 640-650.