Der Zeitpunkt, wann die jüdischen Männer in Ermershausen den Minjan von zehn religionsmündigen Männern erreichten und damit eine feste Gemeinde bildeten, ist unbekannt. Eine Synagoge, die vermutlich mit dem 1849 im Urkataster aufgeführten Gotteshaus identisch ist, wurde erstmals 1766 aktenmäßig erwähnt. Der zweigeschossige, von einem Halbwalmdach abgeschlossene Kernbau wurde auf einem rund 16 Meter langen und acht Meter breitem Grundriss an der Hauptstraße errichtet und stand zur Erbauungszeit am östlichen Ortsrand. Der Plan zeigt sogar eine Toranische, die noch in der mittelalterlichen aschkenasischen Bautradition an der östlichen Außenmauer vorkragte.
Ursprünglich wurde die Synagoge über einem Sandsteinsockel als Fachwerkbau errichtet. Während die östliche Hälfte den zweigeschossigen Betsaal aufnahm, den an Süd-, Ost- und Nordwand je zwei hohe Rechteckfenster belichteten, besaß die westliche Hälfte der Synagoge eine zweigeschossige Fassadengliederung mit unregelmäßig angeordneten Fensterachsen. Über den im südlichen Drittel der Westwand gelegenen Eingang gelangte man zu einem Flur, an dessen östlichem Ende der Eingang in den rund acht Meter langen und rund fünf Meter hohen Männergebetsaal lag. Am nördlichen Ende des Flurs lag die Lehrerwohnung. Über eine Treppe erreichte man das Obergeschoss, in dem ein weiteres Zimmer der Lehrerwohnung und die zweiseitige Frauenempore mit 26 Plätzen untergebracht waren. In den 1920er Jahren waren noch einige Thorawimpel erhalten, die Kunsthistoriker Theodor Harburger in das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts datierte.
Laut einem Statistischen Jahrbuch aus der Zeit um 1810 handelte es sich bei der Synagoge um einen zweigeschossigen Bau, in deren Obergeschoss 1835 neben der Frauenabteilung ein Schulzimmer eingerichtet wurde. Zuvor hatte der Unterricht im Wohnzimmer der Lehrerwohnung im Erdgeschoss stattgefunden. Die Synagoge war somit Teil eine Mehrzweckgebäudes, zu dem Betsaal, Schulzimmer, Lehrerwohnung und Ritualbad gehörten. Eine Mikwe ist in Ermershausen erstmals 1834 nachweisbar, als der Hofheimer Landgerichtsarzt Dr. Hammer das in der Lehrerwohnung gelegene Ritualbad aus sanitätspolizeilicher Perspektive beurteilte und als unhygienisch beschrieb. Während der Mediziner einen kompletten Neubau forderte, plädierten die Vertreter der Kultusgemeinde erfolgreich für eine Renovierung der Mikwe. Wahrscheinlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Betsaal gemäß den Anforderungen einer reformierten Liturgie umgebaut. Dies legt ein Bestandsplan aus dem Jahr 1907 nahe, der im Norden und Süden zwei nach Osten ausgerichtete Bankblöcke mit insgesamt 64 Sitzplätzen erkennen lässt. Der Almemor war im Osten vor dem an der Ostwand aufgestellten Thoraschrein platziert. Aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammten laut Theodor Harburger vier Hängeleuchter, die den Kunsthistoriker an den Mittellüster der Synagoge in Reckendorf erinnerten.
Am 10. November 1938 wurde während der Novemberpogrome auch die Ermershäuser Synagoge verwüstet. Die Thorarollen steckte Bürgermeister Karl Bornkessel auf einer Wiese selbst in Brand, nachdem er versucht hatte, Juden aus Ermershausen dazu zu bewegen.1957 ließ der neue Eigentümer der Synagoge im demolierten Betsaal eine Wohnung mit vier Zimmern einbauen, den Thoraerker abbrechen und in die Öffnung für den ehemaligen Thoraschrein die Haustür einpassen. Das Gebäude wird bis heute als Wohnhaus genutzt.
(Patrick Charell)
Adresse / Wegbeschreibung
Hauptstraße 18, 96126 Ermershausen
Literatur
- Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Ermershausen. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 471-484.
