Jüdisches Leben
in Bayern

Eichenhausen Synagoge

Bereits im 18. Jahrhundert bestand in Eichenhausen in einem jüdischen Haus eine Synagoge bzw. Betraum, der vom Schlosshof zugänglich war (Plan-Nr. 64, heute Ortsstraße 37). Nachdem Karl Graf von Soden 1852 das Rittergut Eichenhausen an die örtliche Gemeindeverwaltung verkauft hatte, wurde ein Teil der zum Schlossareal gehörenden Häuser auch an Eichenhäuser Juden verkauft. Rund zehn Jahre später erwarb die israelitische Kultusgemeinde 1861 das Haus mit der Synagoge.

Da die Gemeinde das alte Gotteshaus abbrechen und durch einen Neubau ersetzen wollte, wurde der Neustädter Maurermeister Carl Müller mit der Erstellung eines Bauplans beauftragt. Bei einem vom Bezirksamt am 1. August 1862 durchgeführten Ortstermin, an dem die Mitglieder der jüdischen Kultusgemeinde teilnahmen, wurden Details der zu errichtenden Synagoge besprochen. Da auch der von Müller revidierte Bauplan nicht die Zustimmung der Beteiligten fand, legte der königliche Bauinspektor Raimer von der Baubehörde Bischofsheim am 31. Mai 1863 einen Alternativplan vor, der auch akzeptiert wurde. Um den Bau finanzieren zu können, beantragte die Kultusgemeinde die Durchführung einer Kollekte, die rund ein Jahr später, im März 1864, bewilligt wurde. Wiederum ein Jahr später, am 24. Juli 1865, waren die Arbeiten an den Umfassungsmauern fast abgeschlossen. Insgesamt beliefen sich die Kosten des Synagogenneubaus auf rund 2100 Gulden. Die neue, rund sechs Meter breite und rund zehn Meter lange Synagoge wurde von der Dorfstraße erschlossen. Sie lag an einer Böschung, die ein bis zu 1,50 Meter hoher Sockel aus Haustein ausglich. Auf dem Sockel saß der an der Längsseite von drei langen Rundbogenfenstern erhellte Betsaal. Ein Rundbogenportal und ein Rundbogenfenster mit Maßwerk schmückten die als Hauptansicht konzipierte Westfassade, auf deren Giebelspitze die Doppeltafel der Zehn Gebote stand. Über die im Westen gelegene Vorhalle gelangte man in den Männerbetsaal, der Platz für 22 Personen bot. Die Bima stand frei in der Mitte des von einer Flachdecke abgeschlossenen Saals. Von der Vorhalle gelangte man über eine Treppe zur Frauenempore mit zehn Sitzplätzen. Um die verbliebenen Schulden in Höhe von 650 Gulden abtragen zu können, beantragte die Kultusgemeinde eine zweite Kollekte, die am 28. Januar 1867 bewilligt wurde und rund 410 Gulden Spenden erbrachte. 

1907 wurden die Fundamente und das Dach der Eichenhäuser Synagoge mit dem Erlös der abgebrochenen Synagoge von Rödelmaier saniert. Nach 1912 fanden in Eichenhausen wohl keine jüdischen Gottesdienste mehr statt. Die noch brauchbaren Ritualien, darunter sieben Thorarollen, wurden wohl schon 1912 oder 1913 von der israelitischen Kultusgemeinde Neustadt übernommen und während des Novemberpogroms vernichtet. Bereits Ende 1936 wurde die Synagoge zum Verkauf angeboten, die schließlich die politische Gemeinde Eichenhausen 1937 für 150 Reichsmark von der Neustädter Kultusgemeinde erwarb. Das bereits zu dieser Zeit als wertlos angesehene, alte Mobiliar der Synagoge ist seitdem verschollen. 1950 wurde die Synagoge von einem Privatmann erworben und zu einem Wohnhaus umgebaut. Da sich das ehemalige Synagogengebäude in Privatbesitz befindet, ist derzeit eine Bauuntersuchung nicht möglich. Seit 1987 erinnert eine 2007 restaurierte Gedenktafel am Kriegerdenkmal an die ehemalige jüdische Kultusgemeinde und die Synagoge.


(Stefan W. Römmelt)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Ortsstraße 37, 97618 Wülfershausen an der Saale

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Cornelia Berger-Dittscheid: Eichenhausen mit Rödelmaier. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 684-698.