Jüdisches Leben
in Bayern

Zeitlofs Gemeinde

Zeitlofs gehörte bis 1803 zum Besitz der Freiherren von Thüngen, wechselte dann mehrfach die Herrschaft und kam 1814 zu Bayern. Die Thüngens förderten im 16. Jahrhundert nicht nur reformatorische Kräfte, sondern auch die Ansiedelung von Juden in ihrem Markt. Nach Ansicht des Heimatforschers Leo Uebelacker waren dabei drei Faktoren entscheidend: Die regionale reichsritterliche Judenpolitik, ein regelmäßig abgehaltener Viehmarkt und die günstige Lage an der Handelsstraße nach Frankfurt am Main. Abraham Rülschte und seine Ehefrau werden als erste Juden in Zeitlofs am 3. April 1592 aktenkundig. Sie ließen sich in einem Haus nahe der Kirche nieder und erwarben einige zusätzliche Wiesen und Felder. 1682 werden drei Schutzjuden erwähnt, die zusammen 28 Gulden 12 Batzen an die Herrschaft zahlten. 

Die Vergabe von 21 Matrikelplätzen im Jahr 1817 lässt darauf schließen, dass die Thüngen bis zuletzt die Anwesenheit von (zahlenden) Juden im Ort förderten und sich eine verhältnismäßig große, Minjan-fähige Gemeinde im Markt etabliert hatte. Auch die im heutigen Ortsteil von Zeitlofs Detter lebenden Juden gehörten zur Gemeinde in Zeitlos; 1817 wird dort Süßmann Isack Gutmann mit seiner Familie genannt, der von Spezereihandel und vom Schlachten lebte. Das jüdische Leben konzentrierte sich entlang einer Straße am südlichen Ortsrand, die bis heute den Namen Obere und Untere Judengasse trägt. Hier stand auch eine recht stattliche Synagoge, in der die Religionsschule untergebracht war, und ein koscherer Gemeindebackofen. Eine Kellermikwe befand sich 1813 im Haus Marktplatz 10, die bei der staatlichen Untersuchung durch Amtsgerichtsarzt Bayerlein als absolut ungenügend beurteilt wurde. Trotzdem dauerte es bis 1829, dann erst mühte sich die Kultusgemeinde um einen alternativen Standort. Da gestaltete sich durch den offenen Antisemitismus der restlichen Bevölkerung als schwierig. Das Landgericht ignorierte die Einwände und genehmigte schließlich den geplanten Bau am Ufer der Sinn (heute Wassergasse 16). Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Würzburg, die Verstorbenen wurden auf dem jüdischen Friedhof in Altengronau (Hessen) bestattet.

Die Judengasse unterschied sich baulich von der restlichen Ortschaft, hier waren die Parzellen dicht gedrängt und boten lediglich Platz für schmale, traufständige Häuser. 1828 verzeichnet das Steuerkataster in der Judengasse vierzehn jüdische Hausbesitzer, denn ab 1800 hatten die Freiherren ihre "Juden-Wohnungen am heimgraben hinter dem Wirtshaus zu Zeitlos" (heute Gasthaus Fränkischer Hof) nach und nach verkauft. Die meisten immatrikulierten Männer verdienten ihren Lebensunterhalt nach wie vor als Viehhändler, viele schlachteten auch im Nebenberuf.

Die Gottesdienste hatte ab 1791 der Kolonialwaren- und Finanzhändler Amschel Löb Schlüchterer geleitet, der jahrelang als geachteter Unterrabbiner im Markt wirkte. Sein strenger Konservatismus war der lokalen Obrigkeit allerdings ein Dorn im Auge war. Als er 1829 starb, errichteten ihm die Gemeindemitglieder einen ungewöhnlich reich verzierten Grabstein auf dem Friedhof von Altengronau. Ab März 1835 übernahm der erst 22-jährige Schulamtsanwärter Jakob Wildberg aus Kleinbarsdorf neben dem Religionsunterricht auch das Amt des Vorsängers. Der junge Reformer kam mit orthodoxen Gemeindemitgliedern in Streit, vor allem, weil er den traditionell laut gesungenen Gottesdienst reformieren wollte. Mit der neuen Zeitlofser Synagogenordnung vom 2. Juni 1835 setzte sich die moderne Gebetspraxis letztlich durch. In diesem Jahr befand sich die Kultusgemeinde mit 120 Personen in 21 Familien auf ihrem zahlenmäßigen Höchststand, danach nahm ihre Zahl durch Abwanderung und Emigration ins Ausland wie fast bei allen fränkischen Landgemeinden kontinuierlich ab. Die jüdischen Kinder besuchten die örtliche Elementarschule und den Religionsunterricht in der Synagoge, der von häufig wechselnden Lehrkräften erteilt wurde. 1840 schloss sich die Kultusgemeinde Zeitlofs dem Distriktrabbinat Gersfeld (Hessen) und wechselte 1892 zum Distrikt Bad Kissingen. Ab 1842 zerschnitten Unbekannte regelmäßig die Sabbat-Drähte, eine ursprünglich antisemitisch fundierte Tat, die sich im Lauf der Jahrzehnte (sic) wohl eher zu einem immer wiederkehrenden Ritual unter Betrunkenen etablierte.

Noch im März 1881 zahlten die Zeitlofser Juden Stolgebühren in Höhe von 1,54 Mark an den evangelischen Pfarrer, erst 1903 wurden sie durch einen Entscheid des Verwaltungsgerichtshofes von diesen überkommenen Zwangsabgaben befreit. Als finanziell "leistungsschwache" jüdische Gemeinde erhielt Zeitlofs im Jahr 912 einen Zuschuss für die Sanierung der Lehrerwohnung. Im Ersten Weltkrieg kämpften etliche jüdische Zeitlofser, Leo Nußbaum und Moritz Reich wurden 1915 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

In den wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach Kriegsende wurde der Religionsunterricht nur noch von auswärtigen Lehrern bestritten, wobei die stark geschrumpfte Gemeinde Schwierigkeiten hatte, den Unterricht überhaupt noch bezahlen zu können. Trotzdem wurde 1925 der dringend benötigte Neubau des Ritualbads gestemmt, der sich direkt an die Südwestkante der Synagoge anschmiegte. Bis in die 1930er Jahre gehörten die jüdischen Familien mit ihren Ritualen und Festen zum Alltag der Marktgemeinde. Siegfried Regensburger führte ein Kaufhaus mit Fotostudio am Marktplatz (heute Altengronauer Str. 2) und besaß das erste Radio im Ort. Isidor Regensburger handelte mit Stoffen und Bettwaren (heute Marktplatz 3), de Schuhmacher Samuel Goldner hatte sein eigenes Ladengeschäft (heute Marktplatz 8), die Familie Wormser verkaufte Lebensmittel, hinter ihrem Haus wurde an Sukkot die Laubhütte der Gemeinde aufgebaut (heute Altengronauer Str. 3). Die Familien Frank und Stern vertrieben Tabak und Pelzwaren (heute Altengronauer Str. 3), und Max Reich besaß eine Stoffhandlung (heute Wassergasse 7). Lediglich Bernhard und Leopold Goldner lebten noch vom Viehhandel. Es gab eine einzige jüdische Vereinigung, den 1896 gegründeten Israelitischen Wohltätigkeitsverein, doch jüdische Gemeindemitglieder waren in den anderen christlichen Vereinen präsent.

Mit der NS-Machtübernahme 1933 begann auch in Zeitlofs die systematische Ausgrenzung und Anfeindung. 1935 mussten die jüdischen Geschäfte schließen. Im September 1937 lebten nur noch drei Familien im Markt, aber die Franks und Goldners standen ebenfalls kurz vor der Auswanderung. Bis Mitte Juli 1938 hatten alle Juden Zeitlofs verlassen, als letzter ging vermutlich Adolf Reich mit seiner Familie. Von den 33 jüdischen Männern, Frauen und Kindern, die bis 1933 in Zeitlofs gelebt hatten, konnten zehn ins Ausland emigrieren, die anderen wurden aus ihren neuen Wohnorten in die Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt. Nach dem Krieg kehrte nur der Viehhändler Josef Goldner 1946 nach Zeitlofs zurück (Altengronauer Str. 5) und übte seinen alten Beruf zusammen mit dem Heimkehrer Isidor Adler aus Völkersleier aus. Er starb im Jahr 1979.

An der ehemaligen Zeitlofser Elementarschule (Baumallee 2) befindet sich eine Gedenktafel, die in knappen Worten an die jüdische Gemeinde erinnert. Jährlich am Volkstrauertag findet on der Pfarrkirche und vor dem Schulgebäude eine Gedenkfeier für die Opfer der Shoah statt. Seiner in Ausschwitz ermordeten Großmutter Lilli Jahn (1900-1945) aus Zeitlofs setzte der Redakteur und Historiker Martin Doerry mit dem Roman "mein verwundetes Herz" ein literarisches Denkmal.


(Patrick Charell)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Zeitlofs. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 387-408.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 211.