Jüdisches Leben
in Bayern

Wolfratshausen Gemeinde

Wolfratshausen war durch seine Lage nahe des Zusammenflusses von Loisach und Isar ein bedeutender regionaler Handelsknotenpunkt und jahrhundertelang Sitz eines herzoglichen/kurfürstlichen Rentamts. Trotzdem hat es dort zu keiner Zeit eine jüdische Gemeinde gegeben. Auch im späten 19. Jahrhundert bot die Kleinstadt nicht genügend Anreize für einen nennenswerten Zuzug. Ein dunkles Kapitel bildet der Stadtteil Waldram (früher Föhrenwald). Ab 1940 entstand dort eine NS-Siedlung für deutsche Rüstungsarbeiter, in der 1945 Überlebende des Todesmarsches aus dem KZ Dachau untergebracht wurde. Anschließend fanden dort jüdische DPs bis 1956 eine Heimat auf Zeit.

Im späten 19. Jahrhundert verursachte die zunehmende Luftverschmutzung in den Großstädten gerade bei Kindern und Heranwachsenden Erkrankungen der Atemwege. Daher entstanden in jener Zeit Initiativen, Kinder gerade aus einkommensschwachen Familien zur Erholung auf das Land zu schicken. Im Falle der jüdischen Kultusgemeinden kam hinzu, dass spürbare antisemitische Tendenzen es ratsam machten, ihre Kinder in eigenen Häusern einen unbeschwerten Aufenthalt zu ermöglichen. Auf Initiative führender Mitglieder der IKG München hin wurde ein jüdisches Land- und Erholungsheim für Kinder im Münchner Umland geplant. Der "Verein Jüdisches Landheim Wolfratshausen", der sich ehrenamtlich um die für den Betrieb notwendigen Mittel bemühte, konnte das Hotel "Zur Kronmühle" in Wolfratshausen (Beuerberger Straße 11) erwerben und entsprechend umbauen. Das Heim wurde am 15. Mai 1921 eröffnet; im Sommer und Herbst verbrachten 184 Kinder durchschnittlich 20 Verpflegungstage im Heim. Bis zu 60 Kinder konnten gleichzeitig im Haus wohnen. Die ärztliche Leitung des Heimes wurde von Dr. Karl Oppenheimer aus München übernommen; er kam mindestens einmal in der Woche nach Wolfratshausen und starb dort auch im Jahr 1926. Im Heim selbst sorgte für die dauernde Überwachung der Gesundheit der Kinder eine Ärztin, die zugleich als Lehrerin tätig war. Die rituelle Aufsicht über das Heim übernahmen beide Rabbiner der jüdischen Gemeinde in München.

Der Trägerverein bemühte sich auch eine Finanzierung, wenn Eltern die Kosten für ihre Kinder nicht selbst aufbringen konnten. Sie wurden dann zumindest teilweise auch durch das Wohlfahrtsamt des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden sowie andere Wohlfahrtseinrichtungen, oder die für ein Kind zuständige jüdische Kultusgemeinde übernommen. Zum Tagesablauf gehörte auch die Einhaltung von gemeinsamen Gebeten wie dem Tisch- und Nachtgebet, an denen auch die nicht-religiösen Schülerinnen teilzunehmen hatten. Die koschere Ernährung und Einhaltung des Schabbat spielten eine große Rolle. Gegen Ende der 1920er-Jahre ging das Interesse am Landheim zurück, möglicherweise auf Grund der allgemein schwierigen finanziellen Lage. Im Jahr 1930 wurden Überlegungen zu einer Neukonzeption des Hauses angestellt. Schließlich öffnete das Landheim zur Saison 1931 als allgemeines jüdisches Erholungsheim für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Neuer Träger war nun der religiös-karitative "Jüdischen Frauenbund München".

Der "Jüdische Frauenbund München" betrieb in Wolfratshausen auf dem Gelände des Erholungsheims ab 1926 eine staatlich genehmigte "Wirtschaftliche Frauenschule auf dem Land". Das Institut bot jüdischen Mädchen nach ihrem Volksschulabschluss eine einjährige hauswirtschaftliche Ausbildung. Die räumliche Situation war schwierig, daher folgten mehrere Um- und Anbauten; anfangs mussten die rund 22 Schülerinnen den Speisesaal im Erholungsheim mit nutzen, bis sie ihren eigenen bekamen. Ansonsten war das Gelände ebstens für den praktischen Unterricht geeignet: Es gab einen Obst- und Nutzgarten, eine Hühnerzucht, Unterrichtsräumen im ehemaligen Hotelgebäude und einer Molkerei, Waschaus und Bügelzimmer in einem rückwärtigen alten Bauernhaus, ebenjener "Kronmühle". Dort befanden sich auch bei Eröffnung der Schule die Aufenthalts- und Schlafzimmer der Schülerinnen. Den Mittelpunkt des Alltags bildete eine große Lehrküche, in der auch die gemeinsamen Mahlzeiten gekocht wurden.

Das Institut wurde 1926-1931 von Hannah Bodenheimer geführt, 1931-1934 von Elisabeth Mirabeau und 1934-1938 von Caroline K. Meier. Die Haushaltsschule beruhte in ihrer Grundungscharta auf einer "streng ritueller Grundlage", denn der Jüdische Frauenbund wollte die Mädchen mit den religiösen Traditionen des Judentums vertraut machen und ihnen dadurch Sicherheit und Stabilität vermitteln. Der Schabbat war ein wesentlicher Bestandteil des schulischen Lebens, auch auf die koschere Ernährung legte die Schulleitung großen Wert. Mit der NS-Machtübernahme wurde gerade letzteres zunehmend schwieriger, denn mit dem Schächtverbot vom 21. April 1933 musste man alle Fleischprodukte aus dem Ausland einführen. Seit 1934 war die landwirtschaftliche Ausbildung in Wolfratshausen als Hachschara anerkannt. Nach dem diskriminierenden "Reichsschulpflichtgesetz" am 6. Juli 1938 und den schrecklichen Ereignissen der Novemberpogrome im selben Jahr musste die erfolgreiche und beliebte Schule schließen. Das "Wolfratshauser Tagblatt" verkündete noch im gleichen Monat triumphierend, dass mit der Vertreibung der Lehrerinnen und Schülerinnen der Ort nun endlich "judenfrei" sei.

Das gesamte Anwesen wurde 1939 von der IKG München weit unter Wert verkauft. In die Gebäude der ehemaligen Wirtschaftlichen Frauenschule und des früheren Erholungsheimes zogen 1940 Angestellte der Wolfratshauser Munitionsfabriken ein. Mehrere der ehemaligen Schülerinnen der "Wirtschaftlichen Frauenschule auf dem Land" wurden in der Shoah ermordet: Frieda Bergmann, Marianne Bing, Margot Eichhorn, Minna Fischl. Irene Frank, Anita Frank, Ruth Gittler, Ruth Lilli Goldmann, Eva Hamburger, Lore Hanf, Bella Hess. Ilse Hohenberg, Rosa Joskowitz, Ingeborg Kaufmann, Hanna Königsfeld, Ruth Ladenburger, Lotte Mainzer, Käthe Östreicher, Elfriede Schuld, Susanne Schwab, Frieda Seligmann, Martha Seligmann, Sofie Sommer, Hertha Spatz, Lore Speier, Lilo Stern, Lore Trolowitz, Adeline Wainschel, Ilse Wartelski.

Das Hotel und die alte Kronmühle mussten in den 1980er Jahren privaten Neubauten weichen. Der Historische Verein Wolfratshausen e.V. konnte jedoch vor dem Anwesen als 10. Station für seinen "Historienpfad" eine Informationstafel aufstellen. Die ehemalige Schulleiterin Hannah Bodenheimer äußerte sich bei einem Treffen der ehemaligen Lehrerinnen und Schülerinnen in Jerusalem 1988: "Soweit ich es übersehen kann, haben die ehemaligen Absolventinnen der Schule sich in den schweren Veränderungen unserer Zeit tapfer bewiesen und noch ein erfolgreiches Leben aufbauen können. Wir denken in diesem Moment aber auch an die Wolfratshauser Absolventinnen, die das grausige Schicksal des Holocaust erreicht hat, das wir alle nicht verstehen und nie verstehen können".

Nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur richteten die US-Armee und die UNRRA in Wolfratshausen ein Sammelzentrum für jüdische Displaced Persons ein, wofür in erster Linie Wohnraum von belasteten ehemaligen NSDAP-Parteigenossen requiriert wurde. Das Verwaltungszentrum der größtenteils autonom organisierten DP-Gemeinde kam in der Alten Schule (Untermarktstraße 196) unter. Die Leitung bestand aus einem gewählten Gremium: Jona Hermann, Heinrich Reismann und der Religionslehrer Wolf. Sämtliche sozialen, kulturellen und religiösen Einrichtungen lagen im Stadtteil Waldram (früher Föhrenbach), wo auf dem Gelände einer ehemaligen NS-Siedlung ein "Stettl" für jüdische DPs entstanden war. Im Mai 1946 bestand die DP-Gemeinde aus 125 Jüdinnen und Juden, im August erreichte sie mit 187 Personen einen vorläufigen Höhepunkt und pendelte dann bei um die 180 Mitgliedern. Spätestens mit der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 wanderten die DPs nach und nach aus. Im Februar 1951 lebten nur noch 22 Personen in Wolfratshausen, die Gemeinde löste sich wahrscheinlich im Laufe des Jahres auf.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Kirsten Jörgensen / Sybille Krafft (Hg.) / Dagmar Bäuml-Stosiek: "Wir lebten in einer Oase des Friedens..." Die Geschichte einer jüdischen Mädschenschule 1926-1938. München 2009 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit).
  • Historischer Verein Wolfratshausen e.V. / Bernhard Reisner / Sybille Krafft (Hg.): Historienpfad Wolfratshausen. Geschichte auf Schritt und Tritt. Wolfratshausen 2003.