Jüdisches Leben
in Bayern

Wörth a.Main Gemeinde

Bereits im Mittelalter gab es jüdisches Leben in Wörth. Laut einer 1429 datierten Urkunde ließ der Mainzer Erzbischof Konrad III. Juden aus dem Ort einsperren und beschlagnahmte ihren Besitz. Ab dem letzten Drittel des 16. Jh. erscheinen in den Rechnungen immer wieder ein bis zwei kurmainzische Schutzjuden aus Wörth. 1699 lebten vier jüdische Familien in der Stadt. Der Wörther Schultheiß beschwerte sich 1722 beim Oberamt Klingenberg darüber, dass ihnen zwei weitere Schutzjuden zugewiesen worden waren, obwohl die Stadt traditionell nicht mehr als zwei jüdische Haushalte aufnehmen musste. Im selben Jahr stellten die Wörther Juden, die durch Viehhandel ihre Geld verdienten, den Antrag, ihre Tiere auf den Gemeindeflächen weiden lassen zu dürfen.

Diese Erlaubnis wurde ihnen verweigert. Als 1785 ein weiterer Jude die Aufnahme in Wörth beantragte, hat man ihn darauf hingewiesen, dass sich die übliche Anzahl von zwei jüdischen Haushalten in der Stadt schon verdoppelt hatte und man "gedenket also auch nicht mehr aufzunehmen, wo die Juden im ort mehr schädlich als nützlich seind". Das kurmainzische Oberamt in Klingenberg erwähnt 1781 erstmals einen Betraum in einem Wörther "Judenhaus", den die Israeliten aus Wörth und dem benachbarten Trennfurt gemeinsam benutzen. Über dessen Lage und Ausstattung gibt es keine Nachrichten. Ab 1779 ist in den Quellen eine jüdische Familie in Trennfurt verzeichnet. Als Begräbnisstätte nutzten die Wörther Israeliten den jüdischen Friedhof in Reistenhausen. 1816 lebten acht jüdische Familien in Wörth und drei in Trennfurt. Bis zur Jahrhundertmitte umfasste die örtliche Kultusgemeinde Wörth-Trennfurt zwischen 7 bis 11 Familien mit rund 40 bis 60 Personen. Sie gehörten dem Distriktsrabbinat Aschaffenburg an und bestatteten ihre Verstorbenen auf dem Verbundfriedhof in Reistenhausen. Sie waren zum Teil völlig mittellos. Vier der Familien waren so arm, dass sie zur Besoldung des Aschaffenburger Rabbiners keine Beiträge leisten konnten.

Im Keller des Privathauses von Babette Stern (Adresse unbekannt) befand sich ein Ritualbad. Der Gerichtsarzt erklärte es 1825 für unhygienisch und ließ es zumauern. Die Kultusgemeinde konnte jedoch das Geld für eine neue Mikwe nicht aufbringen. Es misslang auch der Versuch des langjährigen Gemeindevorstehers Marx Berlinger, auf eigene Kosten ein beheizbares Ritualbad in seinem Keller einzurichten. Deshalb wanderten die Israeliten fortan zur rituellen Reinigung in umliegende Orte oder nutzten den Main.

Der Privatraum, in dem sich Juden in Wörth und Trennfurt zum gemeinsamen Gottesdienst trafen, erwies sich 1840 als baufällig und musste ersetzt werden. Da in der 1843 eingeweihten neuen Synagoge (heute: Mainstraße 9), die eine Grundstücksfläche von rund 37 qm hatte, kein Platz für einen Schulraum und eine Lehrerwohnung bestand, plante man die Bildung einer gemeinsamen Religionsschule mit der Kehilla von Klingenberg. Dadurch konnte man sich die Bezahlung des Lehrers aufteilen. In jener Zeit beschäftigte die Kultusgemeinde für den Religionsunterricht der Kinder noch einen schlecht entlohnten Lehramtsanwärter, der die Kost meist in natura erhielt.

Seit der Abschaffung des Matrikelparagraphen 1861 schrumpfte auch in Wörth der jüdische Bevölkerungsanteil zusehends. Von den 1880er Jahren bis 1925 umfasste er noch rund 25 Personen, die jedoch fest Gesellschafts- und Vereinsleben der Stadt integriert waren. Durch den erfolgreichen Geschäftsmann Wilhelm Fernheimer besaßen sie sogar einen Vertreter im Stadtrat.

Zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 umfasste die jüdische Gemeinde Wörth noch 13 Personen. Ihr prominentestes Mitglied, der Stadtrat Wilhelm Fernheimer, wurde bereits am 10. März 1933 verhaftet. Er galt als scharfer Kritiker der Nationalsozialisten. Obwohl er ein angesehener Geschäftsmann war und sich große Verdienste als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg erworben hatte, wurde er – trotz einer Zuckererkrankung – in das Konzentrationslager Dachau überstellt. Erst im Herbst 1935 kam er wieder frei. Schwer gezeichnet von der Lagerhaft, verstarb er ein Jahr später. Während des Novemberpogroms 1938 warfen unbekannte Täter die Fenster jüdischer Geschäfte und Wohnungen ein und demolierten die Eingangstüren. Am 10. November rottete sich vor dem Wörther Rathaus "eine lärmende Volksmenge" zusammen. Anschließend zog ein Teil dieser Leute zur Synagoge und verwüstete sie völlig, der andere Teil fiel in die jüdischen Geschäfte, Häuser und Wohnungen ein, misshandelte die jüdischen Mitbürger, schlug die Einrichtung kurz und klein und vernichtete den gesamten Hausrat, Vorräte und Waren. Die jüdischen Männer wurden verhaftet und eingesperrt.

Ab Ende 1938 und im Laufe des folgenden Jahres beschlagnahmte die Stadt neben dem Synagogengrundstück auch alle jüdischen Häuser und enteignete die jüdischen Wörther. Die meisten von ihnen zogen in Großstädte um, gerieten aber auch dort in die Fänge der Nazis, wurden in die Vernichtungslager im Osten deportiert und dort ermordet. Es überlebte nur die Jüdin Jenny Hart, die durch ihre Ehe mit einen Nicht-Juden geschützt war. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab Otto Hart, der Ehemann der Jüdin Jenny Hart, 1946 einen umfangreichen Bericht über die Ereignisse während des Novemberpogroms in Wörth ab. Nachdem er 1949 verstorben war, schändeten unbekannte Täter zweimal sein Grab. Das Landgericht Aschaffenburg führte einen langwierigen Strafprozess gegen neun Männer, die der Teilnahme am Novemberpogrom 1938 in Wörth beschuldigt wurden. Aufgrund des 1949 erlassenen Amnestiegesetzes wurden die Verfahren jedoch eingestellt.

Um an die jüdischen Mitbürger und ihr Schicksal zu erinnern, ist die Verlegung von Stolpersteinen auf dem Synagogenplatz und in der Stadt geplant. Die Kommune nimmt an der Initiative DenkOrt Deportationen 1941-1945 in Würzburg teil: Eine Rucksack-Skulptur wird an die Deportierten aus Wörth erinnern und ein identisches Gegenstück das zentrale Mahnmal am Würzburger Hauptbahnhof ergänzen.


(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Axel Töllner: Wörth. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 472-481.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 238.