Jüdisches Leben
in Bayern

Unsleben Gemeinde

Juden sind in Unsleben erstmals 1545 im Rahmen einer Steuerveranlagung nachweisbar. 1571, rund 25 Jahre später, wohnten zwei jüdische Familien im Dorf. 1690 wurden zwei Juden von den Herren von Speßhardt, den Bewohnern des Unslebener Wasserschlosserschlosses, aufgenommen. 1731 lebten auf dem Gutshof bereits elf jüdische Familien mit 26 Personen, die zusammen nur über ein geringes Vermögen von 468 Gulden verfügten. Nachdem einige jüdische Familien aus dem Schlosshof in das Dorf umgezogen waren, beschwerte sich der katholische Dorfpfarrer bei der Würzburger Regierung. Daraufhin verwies der Dorfherr 1737 darauf, dass die wohlhabenden Unslebener Juden vor allem Viehhandel in den angrenzenden sächsischen Territorien betrieben.

Als 1749 der würzburgische Hofkanzler Cornelius von Habermann das Unslebener Schloss erwarb, lebten bereits 26 jüdische Familien im Ort und machten damit ein Sechstel der Dorfbevölkerung aus. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es 1781 zu einem Konflikt zwischen dem Burgwalbacher Martin Kirchner und dem jüdischen Viehhändler Jacob Moses, der in Unsleben ansässig war, der angeblich eine doppelte Bezahlung für eine Viehlieferung gefordert habe.

1810 lebten in Unsleben 38 Schutzjuden der Freiherren von Habermann und sieben Schutzjuden, die dem Großherzog von Würzburg als Rechtsnachfolger der Fürstbischöfe von Würzburg unterstanden. Insgesamt gehörten laut einer Volkszählung aus dem Jahr 1813 162 Jüdinnen und Juden zur jüdischen Gemeinde. Ein Jahr später, als Unsleben an das Königreich Bayern gefallen war, bestand die jüdische Gemeinde aus 42 Familien mit 249 Personen und war somit die größte jüdische Gemeinde im heutigen Landkreis Rhön-Grabfeld. Die jüdische Gemeinde in Unsleben gehörte zum Bezirksrabbinat Bad Kissingen.1825 waren in der Judenmatrikel für Unsleben 46 jüdische Haushalte erfasst, die sich vor allem vom Viehhandel, Schlachten und Schmusen ernährten. 1831 verfügte Hirsch Adler mit 6000 Gulden über das größte Vermögen in der Unslebener jüdischen Gemeinde.

1830 gründete die jüdische Gemeinde eine eigene Elementarschule, an der Lazarus Kohn (Cohn) als Religionslehrer über zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1851 unterrichtete. Anders als meist üblich war er nicht als Vorsänger und Schächter tätig. Nachdem 1835 die Frist für die Errichtung eines jüdischen Schulhauses abgelaufen war, gelangte schließlich 1838 der von dem Oberstreuer Maurer Joseph Börzel vorgelegte Bauplan zur Ausführung. Nach etwas mehr als einjähriger Bauzeit war das rund zwölf Meter lange und rund zehn Meter breite, eingeschossige, von einem Satteldach abgeschlossene Schulgebäude im November 1839 fertiggestellt. Gemäß den Vorgaben des Baukunstausschusses schlossen Segmentbögen alle Wandöffnungen ab. In der Mitte des 19. Jahrhunderts besuchten rund 40 Kinder die jüdische Volksschule, für die jeder jüdische Haushaltsvorstand 15 Gulden zu entrichten hatte. Von 1852 bis 1868 unterrichtete Baruch Blümlein als Volksschullehrer in Unsleben.

1810 wurde in Unsleben Lazarus Levi Adler geboren, der nach dem der Gelnhausener Jeschiwa des Rabbiners Hirsch Kunreuther auch an der von Oberrabbiner Abraham Bär Bing geleiteten Würzburg Jeschiwa unterrichtet wurde. Auf eine Initiative Lazarus Adlers ging die 1837 erfolgte Gründung des „Israelitischen Wohltätigkeitsvereins“ zurück, der einerseits die Berufsausbildung junger Menschen finanziell unterstützte und andererseits an jedem Fest- und Feiertag Erbauungsstunden in der Unslebener Synagoge veranstaltete.

Nachdem Adler 1833 an der Universität Erlangen mit einer lateinischen Dissertation über das Buch Hiob promoviert worden war, wurde er 1840 zum Kissinger Bezirksrabbiner ernannt. Der Theologe behielt auch nach 1840 seine Heimatgemeinde im Blick: 1844 stellte sich bei einer von ihm veranlassten Umfrage heraus, dass 15 Meister, 19 Gesellen, sechs Lehrlinge und sechs Bauern, zwei Knechte und ein landwirtschaftlicher Lehrjunge zur jüdischen Gemeinde in Unsleben gehörte. Acht Jahre später wurde Adler 1852 zum Landesrabbiner in Kassel berufen und starb 1886 in Wiesbaden. Da die bayerische Matrikelgesetzgebung die Mobilität der jüdischen Bevölkerung stark einschränkte, entschieden sich auch Unslebener Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Auswanderung in die USA. Zu ihnen gehörte auch Simson Thormann, der 1839 Unsleben verließ und im selben Jahr in Cleveland/Ohio die erste jüdische Gemeinde der Stadt gründete. An die Unslebener Auswanderer erinnern noch heute unter anderem auf dem Friedhof im New Yorker Stadtteil Brooklyn zahlreiche Grabsteine. Ab 1861 schrumpfte die jüdische Gemeinde in Unsleben kontinuierlich, da zahlreiche Juden nach Aufhebung der Matrikelpflicht in größere Städte der Region wie Nürnberg, Fürth, Erlangen und Frankfurt abwanderten. 1862 gehörten sieben der acht Unslebener Metzger der jüdischen Gemeinde an, die nicht nur das Dorf, sondern auch die Nachbarorte mit Fleischwaren versorgten. 1870 gründete die Israelitische Kultusgemeinde einen „Armenunterstützerverein“ für arme durchreisende Juden, dessen Vorstand mit dem Vorstand der Kultusgemeinde identisch war.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten rund 140 Jüdinnen und Juden in Unsleben, die vor allem als Händler und Handwerker tätig waren und sich im Gemeinderat, der Feuerwehr, dem Turnverein und dem Kriegerverein engagierten. Im Ersten Weltkrieg fielen drei jüdische Unslebener. Zu einer innerjüdischen Auseinandersetzung kam es Anfang 1919, als Kultusvorsteher Adolf Liebenthal die Teilnahme der jüdischen Gemeinde an einer in der katholischen Kirche stattfindenden Gedenkveranstaltung für die Gefallenen des 1. Weltkriegs befürwortete. Lehrer Maier Blumenthal, der in Unsleben von 1906 bis zu seiner Pensionierung 1935 unterrichtete, lehnte hingegen die Teilnahme am aus seiner Sicht „interreligiösen“ Gottesdienst ab und fand hierfür auch die Unterstützung des Rabbiners Seckel Bamberger. Nach der Aufhebung der Schulaufsicht durch den katholischen Dorfpfarrer wurde Blumenthal 1920 zum Hauptlehrer und 1931 zum Oberlehrer befördert. Im Schuljahr 1932/33 unterrichtete der Lehrer zehn Kinder aus sieben unterschiedlichen Altersstufen in einem Klassenzimmer. Wirtschaftlich erfolgreich war Adolf Liebenthal, der bis zu seinem Tod 1923 als Vorsteher der Kultusgemeinde amtierte. Vom Wohlstand der Liebenthals, die in Unsleben seit 1914 eine Fabrik für Elektroartikel betrieben, zeugt noch heute die 1928 erbaute, ehemalige "Villa Liebenthal". Theo Mittel, der 1929 in den Unslebener Gemeinderat gewählt wurde, betrieb bis 1938 im Ort eine Likör- und Essigfabrik. 1929 wurde auch Sally (Salomon) Krämer in den Unslebener Gemeinderat gewählt.  

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten machte sich auch bald in Unsleben bemerkbar, als Lehrer Blumenthal zur Feier des Zusammentretens des neu gewählten Reichstags im März 1933 eine Schulfeier durchführte. Einen Monat später mussten Theo Mittel und Sally Krämer im April 1933 den Unslebener Gemeinderat verlassen. Zwischen 1934 und 1938 emigrierten insgesamt 39 jüdische Unslebener, davon fanden 30 Zuflucht in den USA. Zahlreiche Unslebener Emigranten ließen sich im New Yorker Stadtteil Queens nieder und bildeten dort das „Elmhurst Jewish Center“, wo auch zwei aus Unsleben gerettete Torarollen benutzt wurden. Nachdem Maier Blumenthal Unsleben nach seiner Pensionierung 1935 verlassen und nach Würzburg gezogen war, wanderte er mit seiner Frau Selma 1939 in die USA aus und wohnte bis zu seinem Tod 1945 im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn. 1936 trat Max Rosenbaum die Nachfolge Blumenthals als Volksschullehrer an. 1937 unterrichtete er 19 Schülerinnen und Schüler, da in Unsleben die Kinder aus mehreren Gemeinden zu einer Klasse zusammengefasst wurden. Am 1. März 1939 wurde die jüdische Volksschule in Unsleben geschlossen. Nach 1934 sahen sich die Unslebener Jüdinnen und Juden zahlreichen antisemitischen Übergriffe ausgesetzt. Nachdem der Käsehändler Adolf Brandis 1934 Anzeige wegen der Verwüstung seines Gartens erstattet hatte, fanden vor seinem Haus von örtlichen SA-Männern organisierte Kundgebungen statt, worauf Adolf und Justin Brandis in Schutzhaft genommen wurden und sich nach ihrer Freilassung verpflichteten, nicht mehr nach Unsleben zurückzukehren. 1938 wurde der Kaufmann Theo Mittel Opfer nationalsozialistischer Gewalt, nachdem er sich regimekritisch geäußert hatte. Er starb 1944 in New York an den Folgen der dabei erlittenen Verletzungen. Nachdem die Liebenthals 1938 unter Zwang Fabrik und Villa verkauft hatte, wanderte die Familie in die USA und nach Chile aus. Während des Novemberpogroms wurden auch die Geschäfte und Wohnungen der Unslebener Juden verwüstet. Zwölf jüdische Männer wurden verhaftet und im Bad Neustadter Bezirksgefängnis inhaftiert. Ende 1939 lebten nur noch 17 zumeist ältere Jüdinnen und Juden in Unsleben. Opfer eines gewalttätigen Übergriffs wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. September 1939 Max Donnerstag. Am 22. April 1942 wurden zehn Unslebener Jüdinnen und Juden über Bad Neustadt nach Würzburg gebracht und am 25. April 1942 in das Durchgangslager Krasniczyn verschleppt und dort getötet. Fünf Monate später wurden die sieben letzten Unslebener Juden von Würzburg nach Theresienstadt deportiert. Insgesamt fielen 55 Juden der Shoa zum Opfer, die in Unsleben geboren wurden oder dort längere Zeit gelebt hatten.

Vor dem Landgericht Schweinfurt fand im September 1949 ein Prozess gegen die an den antijüdischen Ausschreitungen der Jahre 1938 und 1939 beteiligten Unslebener statt. Der Haupttäter wurde zu zweieinhalb Jahren Haft und drei Jahre Ehrverlust verurteilt. 1999 besuchten ehemalige jüdische Unslebener mit ihren Familien das Dorf, darunter die in Unsleben geborene Lottie Hess, Fred Nauman, Ruth Derison und Trudy Naumann Dreyer. 2007 wurde in der Nähe der ehemaligen Synagoge ein Mahnmal errichtet, das die Namen von 17 jüdischen Unslebenern nennt, die Opfer der Shoa wurden. Im September 2020 wurde in Zusammenarbeit mit dem DenkOrt Deportationen Würzburg ein Mahnmal in Form eines Gepäckstücks enthüllt. Ein identisches Gegenstück ergänzt den Denkort auf dem Würzburger Bahnhofsplatz.


(Stefan W. Römmelt)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Cornelia Berger-Dittscheid: Unsleben. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 875-907.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 236.