Jüdisches Leben
in Bayern

Thüngen Gemeinde

Das Reichsrittergeschlecht von Thüngen führte 1551 an seinem Stammsitz die Reformation ein und gewährte jüdischen Flüchtlingen aus dem Hochstift Würzburg Aufnahme. Sie durften an der West- und Nordseite der Burg sogenannte „Schutzjudenhütten“ erbauen. Auf diesem Areal befanden sich auch christliche Tropfhäuser. Der Bereich wird heute von der Schlossstraße, der Hauptstraße und der Bauerngasse eingefasst. Im Jahr 1628 verkaufte der hochverschuldete Neidhardt von Thüngen sein Viertel des Gutes Thüngen und Heßlar zusammen mit dem Judenregal an das Juliusspital in Würzburg. Das Juliusspital siedelte mit Erlaubnis des Würzburger Fürstbischofs 13 jüdische Familien in Thüngen an. Sie mussten sich entweder selbst neue Häuser bauen oder konnten Unterkünfte mieten, die das Juliusspital errichtet hatte. 

Im Jahr 1699 gab es 28 jüdische Haushalte mit rund 135 Personen in der Stadt. 16 Familien unterstanden als "Spitaljuden" dem Juliusspital, die restlichen waren "Burgjuden" der Herren von Thüngen. Die in der heutigen Obergasse 1 befindliche Synagoge wurde von beiden Kultusgemeinden genutzt. Nach einer Renovierung und Aufstockung des Hauses im Jahr 1760 entschlossen sich die beiden Gemeinden, den Bau künftig gemeinsam zu unterhalten. 1783 ist in den Quellen ein Ortsrabbiner verzeichnet, der vom Heidingsfelder Oberrabbiner examiniert wurde. Von den Schutzjuden des Juliusspitals lebten 1787 zehn zur Miete in herrschaftlichen Häusern, sieben zur Miete in Privathäusern und sieben verfügten über eigenes Hauseigentum. Die Verstorbenen fanden auf dem Verbandsfriedhof in Laudenbach ihre letzte Ruhestätte.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war die beiden Thüngener Kultusgemeinden stark angewachsen: 1814 gab es in der Stadt 71 jüdische Haushalte mit insgesamt rund 325 Personen. 47 Familien gehörten der ritterlichen Herrschaft an, der Rest war dem Juliusspital untertan. Ihren Lebensunterhalt verdienten sich die Hausväter v.a. durch den Handel mit Vieh, Wein, Wollwaren, Spezereien, Schnitt- und Kramwaren. Daneben gab es einige Makler (Schmuser), die Geschäftsbeziehungen vermittelten, Metzger, eine Garküchenwirtschaft, die David Jacob Schwarzschild betrieb und einen Feldbauer. Die nunmehr vereinte IKG Thüngen gehörte zum Distriktsrabbinat Würzburg, die Verstorbenen wurden weiterhin in Laudenbach bestattet.

Seit 1815 beschäftigte die Kultusgemeinde den Rabbiner Mendel Neuburger, der auch als Vorsänger und Schächter tätig war. Seine Frau übernahm die Aufsicht über das Ritualbad, das 1817 im Hinterhof des Hauses Nr. 141 neu errichtet wurde. Eine Überprüfung dieser beheizbaren Mikwe im Jahr 1829 durch den zuständigen Arzt brachte keine Beanstandungen. Ab 1829 war das Verhältnis zwischen Gemeindemitgliedern und dem Rabbiner durch Unstimmigkeiten bei der Überwachung der Synagoge getrübt. Dazu kam noch ein langwieriger Kompetenzstreit zwischen Neuburger und dem Würzburger Distriktsrabbiner Abraham Bring, der erst mit dem Tod Neuburgers 1835 ein Ende fand. Im Jahr 1840 übereignete Zerla Elias der jüdischen Gemeinde ihr Haus mit der Nr. 87 (nicht mehr vorhanden; einst hinter Obergasse 3), die darin ein Armenhaus einrichtete.

1844 bestand die jüdische Gemeinde in Thüngen aus 44 Familien mit rund 200 Personen. Sie hatte zwei Vorstände und drei Pfleger. Letztere waren für die Synagoge, die Heiligen Gemeinschaften und die Elementarschule zuständig. Der Religions- und Elementarunterricht der jüdischen Kinder erfolgte bis 1817 durch Privatlehrer. Laut eines Berichts aus dem Jahr 1808 unterrichtete der dem Juliusspital zugehörige Schutzjude Seligmann Simon damals 16 bis 18 Kinder in seinem Haus; daneben gab es drei weitere Privatlehrer. Die Kultusgemeinde kaufte 1819 das Grundstück mit der Hausnummer 50 ½ (heute Bauerngasse 19). 1823 hat man hier mit dem Bau eines Schulhauses mit Lehrerwohnung begonnen, in das der seit 1819 in Thüngen tätige Lehrer Maier Haium Kraft 1825 mit seiner Familie einzog. Bei einer Visitation im Jahr 1841 stellte der Distriktsrabbiner erhebliche Defizite im Hebräischunterricht fest, so dass Kraft mehrmals, auch von Seiten der Regierung, zur gewissenhaften Pflichterfüllung ermahnt werden musste. Einer seiner Nachfolger, der aufgrund seiner hervorragenden Fähigkeiten und seines großen Einsatzes für die Gemeinschaft große Beliebtheit genoss, war Ascher Eschwege (1850-1931). Er unterrichtete von 1879 bis 1920 an der israelitischen Volksschule in Thüngen und galt als ausgezeichneter Pädagoge. 1884 schrieb er für die Synagoge eine neue Torarolle, die allseits große Anerkennung fand. Eschwege wirkte tatkräftig in den örtlichen Vereinen mit und engagierte sich um die Jahrhundertwende auch während einer Typhusepidemie an der Spitze des Hilfsdienstes.

Eine erste Gemeindesatzung, die auch eine Synagogenordnung enthielt, kam im Jahr 1900 zustande. Zu diesem Zeitpunkt war die Mitgliederzahl der Kultusgemeinde leicht angestiegen und betrug rund 230 Personen. 1908 war eine Trockenlegung und Renovierung des Schulgebäudes nötig geworden und bis zum Folgejahr ausgeführt. Gleichzeitig zeichnete sich ein Schülerrückgang ab: während im Schuljahr 1904/05 noch 53 Werktags- und 13 Feiertagsschüler die jüdische Volksschule besuchten, waren es 1908/09 nur noch 44 Werktags- und 12 Feiertagsschüler. Die Mikwe war 1902 stark renovierungsbedürftig und musste geschlossen bleiben. Aufgrund des benachbarten landwirtschaftlichen Betriebes war auch der Wasserzufluss verunreinigt. Da die Suche nach einem neuen Standort für das Ritualbad erfolglos blieb, reparierte die IKG das alte Ritualbad provisorisch, konnte das Wasserproblem erst 1908 beseitigen. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren in Thüngen im Gesellschafts- und Wirtschaftsleben voll integriert. Sie stellten Gemeinderäte, beteiligten sich am Vereinsleben und trugen mit ihren Geschäften zum florierenden Gewerbe in der Stadt bei. Im Ersten Weltkrieg ließen drei Juden aus der Stadt ihr Leben, drei weitere blieben vermisst. Bereits in den 1920er Jahren machte sich in Thüngen jedoch eine antisemitische Stimmung breit. 1923 gründete Lutz Freiherr von Thüngen eine Ortsgruppe des rechtsextremen Bundes "Bayern und Reich", der Juden von der Mitgliedschaft ausschloss und die Absicht verfolgte „Juden aus allen leitenden Stellen im öffentlichen Leben“ zu vertreiben. Wenig später veranstaltete diese Ortsgruppe in Thüngen eine sog. "Deutschen Tag", bei dem rechtsnationalistische Gruppierungen aus der ganzen Gegend eintrafen und auf ihrem Zug durch die Stadt Tumulte auslösten. Daneben wurde im selben Jahr ein Turnverein ins Leben gerufen, der ebenfalls ausdrücklich keine Juden aufnahm. Unbekannte Täter beschmierten im Herbst 1923 die Synagoge und viele jüdische Privathäuser mit Hakenkreuzen. Auch die jüdischen Grabdenkmäler auf dem Verbandsfriedhof in Laudenbach erlitten zahlreiche Beschädigungen.

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 lebten rund 150 Jüdinnen und Juden in Thüngen. Sie waren zunehmend Anfeindungen, Hetzkampagnen und Übergriffen ausgesetzt. Man hat sie als Volksverräter und Rassenschänder beschimpft und aus dem Gesellschafts- und Wirtschaftsleben der Stadt verbannt. 1935 hatte sich die Schülerzahl auf 8 Kinder reduziert. Daher wurde die staatliche jüdische Volksschule aufgehoben und die Einrichtung als private jüdische Schule weitergeführt. Der Viehhändler Julius Vorchheimer erhielt 1936 erst eine Geldstrafe, weil er ein nichtjüdisches Dienstmädchen und deren Tante beschäftigt hatte. Dann wurde er wegen angeblicher Gesetzesübertretungen und Betrugsverdacht wiederholt inhaftiert, schließlich in das KZ Sachsenhausen deportiert und dort übel misshandelt. Im Juli 1938 gelang ihm mit seiner Familie die Ausreise in die USA.

Die schlimmsten judenfeindlichen Ausschreitungen fanden 1938 anlässlich des Anschlusses von Österreich im März, der Annexion des Sudetenlandes im September, und während des Novemberpogroms in Thüngen statt. Am 10. November fielen SA-Leute aus Thüngen, Arnstein und anderen umliegenden Orten zusammen mit zahlreichen Einwohnern über die Mitglieder der Kultusgemeinde her, brachen die Türen zur Synagoge, zu ihren Häusern und Wohnungen auf, plünderten die Wertgegenstände, schleppten Möbel und Hausrat nach draußen, fuhren die geraubten Sachen zum Sportplatz, und verbrannten dort alles. Die jüdischen Männer hat man verhaftet und ins Gefängnis gesperrt. Das Schulgebäude, die Mikwe und das Armenhaus wurden nur deshalb nicht beschädigt, weil sie kurz zuvor zwangsweise in den Besitz der Stadt Thüngen überführt worden waren. Das Schulhaus wurde in der Folgezeit als Wohnhaus, die Mikwe als Lager verwendet. Das Armenhaus wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt abgerissen. Nach den schrecklichen Ereignissen im November 1938 versuchten die meisten jüdischen Thüngener, ihre Heimat zu verlassen. 1939 lebten noch 14 Israeliten im Ort; Ende 1940 waren es noch vier Personen. Am 25. April 1942 konnte die Gendarmerie Thüngen als "judenfrei" deklarieren. Insgesamt fielen zwanzig Jüdinnen und Juden aus Thüngen der Shoah zum Opfer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte das Landgericht Würzburg in drei Prozessen die Vorkommnisse des Novemberpogroms in Thüngen aufzuarbeiten, doch wollte laut Kommentar eines ermittelnden Beamten „niemand etwas gesehen haben“. Ein Großteil der Täter, die zu Haftstrafen von drei bis zehn Monaten verurteilt waren, musste die Haftstrafe wegen der "Weihnachtsamnestie", die 1949 erlassen wurde, nicht antreten. Ein früherer SA-Truppführer erhielt ein Jahr Gefängnis.

Die Stadt leistete Ausgleichszahlungen und erwarb offiziell die Synagoge und die jüdische Schule. Das Ritualbad kaufte der Besitzer des Nachbargrundstücks. Neben der einstigen jüdischen Synagoge und der früheren jüdischen Volksschule haben sich bis heute zahlreiche Wohnhäuser der Thüngener Juden erhalten. Bei den Verantwortlichen der Stadtverwaltung herrschte lange Zeit Unklarheit, ob und wie man an die einstigen jüdischen Mitbürger und ihr Schicksal erinnern sollte. 1988 lehnte der Stadtrat die Aufstellung eine Gedenktafel ab. Sie wurde schließlich am 9. November 2007 an der ehemaligen Synagoge enthüllt. 2009 hat man auf dem Planplatz neben den beiden Kriegerdenkmalen einen zentralen Gedenkstein aufgestellt. Auf ihm sind die Namen aller Thüngener Jüdinnen und Juden aufgeführt, die dem vom NS-Regime veranlassten Massenmord zum Opfer fielen. Die Inschrift lautet: "Wider das Vergessen und im Gedenken an die jüdischen Mitbürger, die in der Zeit von 1933 bis 1945 den Nationalsozialisten zum Opfer fielen, verfolgt und ermordet wurden". Die Kommune will sich an der Initiative DenkOrt Deportationen beteiligen und als Mahnmal die Skulptur eines Koffers aufstellen, der an die deportierten Opfer der Shoah erinnert. Ein Gegenstück erweitert das zentrale Mahnmal auf dem Würzburger Bahnhofsplatz.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Axel Töllner / Cornelia Berger-Dittscheid: Thüngen. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 309-331.
  • Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken, in: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012, S. 95-113.
  • Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt/Main 1937, S. 90-93.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 223.