Die Entstehung einer jüdischen Gemeinde in Steinhart, heute ein Ortsteil von Hainsfarth, geht in die Zeit Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. 1560 standen unter dem Schutz des damaligen Ortsherrn Georg Daniel von Gundelsheim sechs jüdische Familien (namentlich wird "Jud Falchle" genannt). Allerdings mussten sie auf Befehl des Grafen Ludwig den Ort verlassen. Bereits einige Jahre später lebten wieder jüdische Familien am Ort.
In den Nördlinger Messgeleitbüchern werden von 1589 bis 1600 an Juden aus Steinhart genannt: Josep, David, Lazarus, Isak Simon, Mossy, Liebmann, Samson, Jakob, Löw, Samuel und Benedikt. 1625 lebten 23 jüdische Familien mit zusammen 98 Personen am Ort. Vier dieser Familien gehörten dem Freiherr von Crailsheim, die anderen dem mittelfränkischen Adelsgeschlecht von Wildenstein. Um auch im benachbarten öttingischen Gebiet handeln zu können, bezahlten die jüdischen Gemeinden von Steinhard und Trendel in diesem Jahr zusammen 48 Reichsthaler an die oettingische Herrschaft. Wahrscheinlich als Folge des 30jährigen Kriegs lebten 1660 nur mehr 12 Familien in Steinhart. Neuer Zuzug erfolgt 1741 nach der Vertreibung der jüdischen Familien aus dem Fürstentum Pfalz-Neuburg.
1792 gab es im Dorf 17 Judenhäuser. 1809/10 waren mehr als 40 % der Bevölkerung Juden bei einer Gesamteinwohnerschaft von 362 Personen. Die Familien lebten vom Handel mit Vieh, Gütern und Landesprodukten. Einige ärmere waren als Hausierer unterwegs. Mehrere erlernten im 19. Jahrhundert ein Handwerk.
Rabbiner Josef Steinhart wurde anfangs des 18. Jahrhundert in Steinhart geboren. Nach dem Besuch einer Jeschiwa in Frankfurt unterhielt er 1746/47 in Schwabach eine Talmudschule. 1759 übernahm er das Rabbinat der ritterschaftlichen Juden im Elsaß in Rixheim. und wurde nach 1753 Rabbiner des Fürstbistums Straßburg. 1764 wurde er Rabbiner in Fürth. Er starb 1778. Zu den Rabbinern der Emanzipationszeit zählt der in Steinhart geborene Jakob Meschullam Veit Hurwitz. Er war seit etwa 1789 bis zu seinem Tod 1820 als Rabbiner in Treuchtlingen tätig.
Die jüdische Gemeinde unterhielt eine Synagoge, eine Volksschule in dem 1844 erbauten jüdischen Schul- und Gemeindehaus und einen Friedhof. Der Bau des Schul- und Gemeindehauses wurde auf Grund der Stiftung eines in London lebenden jüdischen Gemeindegliedes aus Steinhart ermöglicht (Joel Emanuel'sche Stiftung von 1842). Im Gebäude befand sich im Obergeschoss ein Schul- und Versammlungsraum. Im Erdgeschoss war der Zugang zum rituellen Bad im Untergeschoss.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Die Gemeinde war 1799 zunächst Teil des Rabbinats Oettingen, dann gehörte sie seit 1856 dem Bezirksrabbinat Wallerstein.
In Steinhart gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen jüdischen Wohlfahrtsverein und einen Verein zur "Beförderung armer Jünglinge zu einem ordentlichen Handwerk". Nach der Liberalisierung des Niederlassungsrechts 1861 verringerte sich durch Wegzug die Zahl der jüdischen Einwohner Steinharts rapide. 1867 lebten noch 89 jüdische Einwohner, d.h. 26,6 % der Gesamteinwohnerschaft, in Steinhart, während es 1880 nur mehr 26 jüdische Einwohner, d.h. 7,9 % der Gesamteinwohnerschaft waren. Nach der Auflösung der jüdischen Gemeinde 1883 wurden die letzten hier noch lebenden jüdischen Einwohner der Gemeinde in Oettingen zugeteilt.
Von den in Steinhart geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen: Auguste Buckmann (1882), Joseph Buckmann (1880), Hedwig Gutmann geb. Steiner (1874), David Heymann (1868), Rosalie Lehmann geb. Buckmann (1875), Karoline Oberdorfer geb. Steiner (1864), Heinrich Steiner (1861), Moritz Steiner (1868).
Aus Alemannia Judaica:
Materialien zu Steinhart, erarbeitet von Rolf Hofmann, harburgprojekt, auf Grundlage der Forschungen von Mario Jacoby
STEINHART JEWISH VITAL RECORDS - compiled by Rolf Hofmann, based on Mario Jacoby's previous research
(2) marriage records 1816-1875
(5) cemetery map
Die ehemalige Gemeinde ist Teil der digitalen Bavarikon-Sammlung Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens. Kultur und Alltag des Landjudentums von 1560-1945, die 2025 mit einem Festakt in der Augsburger Synagoge online gegangen ist.
Weiterführende Links
- Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens: Steinhart (Bavarikon)
- Gemeinde Steinhart (Alemannia Judaica)
- Ehemaliges jüdisches Wohnhaus, Frankenstr. 13 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Ehemaliges jüdisches Wohnhaus, Schützenstr. 9 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Jakob Meschullam Veit Hurwitz (Biographisches Portal der Rabbiner)
