Jüdisches Leben
in Bayern

Steinach/Bad Bocklet Gemeinde

Steinach ist heute ein Ortsteil von Bad Bocklet. Im Mittelalter lag die Siedlung in einem wirtschaftlich attraktiven Gebiet zwischen alten Handels- und Königsstraßen, die das Rheinland mit dem Alpenraum verbanden. Wohl wegen der Möglichkeiten für Handel und Finanzwirtschaft hatten sich im Laufe des 13. Jahrhunderts erste jüdische Familien niedergelassen und eine kleine Gemeinde gebildet, die aber 1337/38 von der Armleder-Verfolgung betroffen und ausgelöscht wurde. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand eine neue jüdische Gemeinde. Eine Synagoge gab es nachweisbar seit 1676 (datierter Torawimpel), ansonsten bleibt die bislang bekannte Quellenlage über das ganze 18. Jahrhundert hinweg sehr dürftig.

Um 1815 war der jüdische Bevölkerungsanteil mit 17,9% von insgesamt 631 Einwohnern verhältnismäßig groß. Als im Rahmen des Bayerischen Judenedikts im Jahr 1817 insgesamt 24 Matrikelstellen vergeben wurden, lauten die Namen und die Berufe der Hausväter:

Haium Gerson Gessner (Viehhandel), Joseph Schloma Nußbaum (Vieh- und Warenhandel), Salomon Maier Hochheimer („Schmusen“, d.h. Vermittler), Moses Löw Frank (Vieh- und Schnürhandel), Simon Wolf Siegel (Schlachter), Abraham Maier (Spezerei- und Schnitthandel), Aron Haium Treuhold (Viehhandel, Warenhandel), Wolf Schloma Wolf (Viehhandel, Schlachter), Joseph David Stern (Schlachter und Metzger), Moses Abraham Lion (Viehhäute-, Hopfen- und Wollenhandel), Feist Schloma Straus (Vermittler), Löw Maier (Honig- und Landproduktenhandel), Schloma Gumpel Marx (Schnitthandel), Löw David Stern (Viehhandel), Samuel Maier, Reitz, Witwe des Isaac Eisenmann (Pferdehandel), Jacob Joseph Spiegel (Schlachter und Metzger), Moses Salomon Straus (Viehhandel), Jonas Maier (Schnitthandel), Manche Salomon Gutmann (Schnitthandel, Zehngeboteschreiber), Maier Haium Goldberg (Vermittler, Schlachter), Isaac Freudenlieb (Seifen- und Lichterhandel), Marx Hirsch (Vermittler), Marx Moses Frank (Häutehandel).

Der hohe Anteil von nutztierbezogenen Berufen war typisch für unterfränkische Landgemeinden. Steinach gehörte zum Distriktsrabbinat in Bad Kissingen und nutzte bis 1874 den jüdischen Friedhof in Kleinbardorf. Dann erwarb sie nördlich des Ortes ein Grundstück im Wald, um dort eine eigene Begräbnisstätte anzulegen. Neben der barocken Synagoge gab es ab den 1820ern eine Israelitische Volksschule mit Lehrerwohnung und Bibliothek. Die Mikwe im Keller der Synagoge (heute Fürstengasse 1) scheint angesichts der fehlenden Aktenlage bei den verschiedenen staatlichen Kontrollen keinen Anstoß erregt zu haben. Zur Besorgung religiöser Aufgaben unterhielt die Gemeinde eine Lehrerstelle (ab 1923 noch Religionslehrer), der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. 1875 lebten 140 Jüdinnen und Juden im 609-Seelen-Dorf, rund 22% der Gesamtbevölkerung.

In benachbarten Bad Bocklet gab es zu keiner Zeit eine jüdische Gemeinde, allerdings lebten und arbeiteten dort im Zusammenhang mit den Kureinrichtungen einigen jüdische Geschäftsleute. Das Hotel Maier machte sich in den 1870er-Jahren in der orthodox-jüdischen Zeitschrift "Der Israelit" mit Anzeigen bekannt. Bei der Eröffnung des "Königlichen Stahlbades Bocklet" im Mai 1878 wurde mit dem Hinweis auf eine "eigene Küche für israelitische Kurgäste" in derselben Zeitschrift geworben. 

1888 zog der gebürtige Steinacher Josef Maier Mayer (1860-1924) nach München und gründete im selben Jahr eine Steinzeugwarenhandlung. Sehr bald spezialisierte er sich auf die Krugveredelung, das heißt die Verarbeitung von rohen Bierkrügen aus dem Westerwald durch Zinnapplikationen sowie der farbigen Gestaltung mit Malerei und Druck. Dieser Geschäftszweig war im München der Jahrhundertwende überwiegend in jüdischer Hand. Mayer arbeitete unter anderem mit dem Münchner-Kindl-Bräu zusammen, der 1905 mit dem Unionsbräu des jüdischen Brauers Josef Schülein fusionierte.

Im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Gemeinden in Franken blieb Steinach zunächst von der großen Aus- und Abwanderungswelle verschont. Erst ab 1880 setzte ein deutlicher Schrumpfungsprozess ein, bis 1910 nur noch 80 Jüdinnen und Juden im Ort lebten. 1923 musste die israelitische Volksschule wegen Geld- und Schülermangel schließen. Im Gebäude fand danach nur noch der Religionsunterricht für die wenigen jüdischen Kinder statt, den der Hauptlehrer aus Neustadt an der Saale an wenigen Tagen erteilte.

1933 wurden noch 39 jüdische Gemeindeglieder gezählt. Diese Zahl ging in den ersten Jahren der NS-Herrschaft nur langsam zurück. Als die Gestapo Würzburg im Juli 1933 eine Durchsuchung bei den jüdischen Einrichtungen in Steinach anordnete, wies die Ortspolizei in ihrer Antwort nur darauf hin, dass die zehn Familien in dürftigen Verhältnissen lebten und keinerlei regierungsfeindlicher Aktivitäten verdächtigt seien. Die jüdischen Gewerbebetriebe - u.a. ein Schuhgeschäft, ein Baumaterialien- und ein Fettgeschäft, Pferde- und Viehhandel - konnten sich relativ lange halten, weil sich die Mehrheit der Steinacher nur teilweise an die Boykottaufrufe der NS-Regierung hielt. Gewalttätigkeiten im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 fanden erst am 11. November 1938 statt. Zu dieser verspäteten Aktion kam es, weil die Ortsgruppe der NSDAP den Zorn der Bevölkerung fürchtete und Verstärkung zusammentrommelte. Auswärtige SS- und SA-Sturmeinheiten (die es in Steinach selbst nicht gab) plünderten dann nach dem üblichen Muster die jüdischen Häuser und Geschäfte. Das Inventar der Synagoge wurde zerstört; das Gebäude selbst blieb aber erhalten, da bereits geplant war, dass dort künftig die Gemeindeverwaltung einziehen sollte. Wertvolle Kultgegenstände hatten Gemeindemitglieder bereits Ende 1936 nach München verbracht und dem Verband der Israelitischen Gemeinden in München zur Aufbewahrung übergeben. Bis 1941 hatten weitere 31 jüdische Personen Steinach verlassen, acht waren in andere Städte gezogen, 23 konnten ins Ausland emigrieren. Im Februar 1942 lebten noch sechs jüdische Personen in Steinach. Vier wurden im April über Würzburg nach Izbica bei Lublin deportiert, die letzten beiden über Würzburg in das Ghetto Theresienstadt. Insgesamt 34 in Steinach geborene oder dort lebende Jüdinnen und Juden starben in der Shoah.

Am weißen Sonntag, dem 08. April 1945, erreichte die US-Armee Steinach an der Saale. Bei Kämpfen mit Resten der Wehrmacht wurden rund 75 Prozent aller Gebäude durch Beschuss mit Spreng- und Phosphorbrandgranaten zerstört oder beschädigt. Nach Kriegsende blieb das jüdische Leben erloschen. Nach Abschluss des Restitutionsprozesses erwarb die politische Gemeinde im Juni 1952 das Synagogengrundstück, brach die Mauern Mitte September nieder und errichtete 1971 eine Schule. Reste der Mikwe sind noch im Keller des Schulhauses vorhanden. Ein Gedenkstein am Schulhaus erinnert seit 1996 an die frühere Funktion des Ortes. Links vor der Mauer führt eine Gasse in den Ort hinein, sie wurde von der Kultusgemeinde einst als Zugang zur Synagoge genutzt. Sie heißt seit 1987 offiziell "Judengäßchen".


(Patrick Charell) 

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Berger-Dittscheid, Cornelia: Steinach an der Saale, in: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries, Lindenberg im Allgäu 2021, S. 274-301
  • Bernhard Purin: "Großartige Auswahl in Bierkrüge aller Art". Münchens jüdische Bierkrugveredler. In: Lilian Harlander / Bernhard Purin (Hg.): Bier
    ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten (Ak Jüdisches Museum München). München 2016, S. 106-112.
  • Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken. In: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hrsg.): Die Juden in Franken. München 2012, S. 95-113.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, 2. Aufl. München 1992 (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit A85), S. 124.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 226.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36). S. 197.