Die Bedingungen für die Ansiedlung von Juden in dieser Region waren gut, denn hier konkurrierten drei Herrschaften auf engem Raum miteinander: das katholische Sommerau, das den Freiherren von Fechenbach und dem Kurfürstentum Mainz unterstand, und das benachbarte Eschau, das im Besitz der evangelischen Grafenfamilie Erbach-Erbach war. Spätestens seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts gab es in Sommerau eine Gemeinde, da archivalische Quellen auf einen Synagogenbau um das Jahr 1787 verweisen und um 1800 jüdische Familien im Ort nachgewiesen sind. Die ansässigen Schutzjuden nutzten vorbeiführenden wichtigen Handelswege und arbeiteten vor allem im Viehhandel.
1814 hatte Sommerau mit 20 christlichen und 14 jüdischen Familien einen relativ hohen israelitischen Bevölkerungsanteil. Sommerau wurde wie Eschau in das Aschaffenburger Rabbinat inkorporiert und musste einen Beitrag zum Gehalt des dortigen Oberrabbiners leisten. Beim Anlegen der Matrikellisten im Jahr 1817 wurden für den Ort 12 jüdische Haushalte festgelegt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts ging ihre Zahl jedoch durch Ab- und Auswanderung stark zurück: 1855 gab es noch 9 jüdische Familien; 1897 umfasste die jüdische Bevölkerung noch 30 Personen; 1910 waren es nur noch die Hälfte. Die Gemeinde gehörte dem Distriktsrabbinat Aschaffenburg an, die Toten wurden auf dem jüdischen Friedhof in Reistenhausen beigesetzt.
Die Kultusgemeinde im katholischen Sommerau stand in enger Beziehung zur Kultusgemeinde im evangelischen Eschau. Seit 1832 organisierte man einen gemeinsamen Schulsprengel mit Sitz in Eschau. Ab 1835 konnten die jüdischen Kinder aus Sommerau neben dem Religionsunterricht auch die jüdische Elementarschule in Eschau besuchen. Sie bestand 22 Jahre lang und musste dann aus finanziellen Gründen wieder auf eine Religionsschule reduziert werden. Daher fand ab 1857 der Elementarunterricht für die Kinder der Kultusgemeinde wieder in der katholischen Schule im Ort statt.
Zur Besorgung der religiösen Aufgaben der Gemeinde war in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit Eschau ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Kantor und Schächter tätig war. So war für die Sommerau, Eschau sowie für Hobbach und Münchberg von 1884 bis 1937 der Lehrer Leopold Lehmann (*1862 Spachbrücken, + 1950 Haifa) zuständig. 1925 lebten noch zehn Jüdinnen und Juden in Sommerau. 1931 gab es im Ort noch drei jüdische Haushalte mit insgesamt vier Personen, die ihren Lebensunterhalt größtenteils durch Viehhandel bestritten. 1934 wurde Sommerau als eigenständige Gemeinde formell aufgelöst und die ehemaligen Mitglieder der IKG Eschau zugeteilt. Ein Jahr später folgte der Verkauf der Synagoge an einen Privatmann. Bis 1938 lebte nur noch ein jüdisches Ehepaar im Ort. In der Nacht vom 10. auf 11. November 1938 überfielen Parteifunktionäre der NSDAP deren Haus, raubten es aus und zerstörten die Einrichtung und den Hausrat. Das geflüchtete Ehepaar hatte bei einem Nachbarn Unterschlupf gefunden, wurde jedoch aufgespürt, festgenommen, deportiert und ermordet. Am 23. November 1938 meldete die Gendarmeriestation Eschau: "Der ganze Dienstbezirk ist jetzt judenfrei".
Das Landgericht Aschaffenburg verurteilte 1948 die Täter des Novemberpogroms 1938 in Sommerau zu Gefängnisstrafen zwischen einem und eineinhalb Jahren. Eine Gedenktafel am Historischen Rathaus in Eschau erinnert seit 2014 an die jüdischen Mitbürger der Gemeinde, die während des NS-Regimes ermordet wurden.
(Christine Riedl-Valder)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Axel Töllner / Cornelia Berger-Dittscheid: Eschau und Sommerau. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 383-394.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 238.
