Jüdisches Leben
in Bayern

Schweinshaupten Gemeinde

Die Anfänge der Kultusgemeinde in Schweinshaupten liegen im beginnenden 18. Jahrhundert, als die Freiherren von Fuchs einzelnen Juden Schutzbriefe ausstellten. Die frühen Spuren sind aufschlussreich: Aus den Jahren 1688 und 1698 stammen zwei Torawimpel, die auf eine rituelle Religionsausübung im Ort hinweisen. 1720 lebten laut einem Steuerurbar vier jüdische Familien im Ort. Seit 1748 ist eine organisierte jüdische Gemeinde (Kehillah) durch ihr Totenbuch belegt. Im 1750 eingerichteten Synagogengebäude stand ein Chanukka-Leuchter von 1765. Auf das Jahr 1767 datieren zwei erhaltene freiherrliche Schutzbriefe für die Juden Nathan Löw und Hirsch Pinges. Mit mehreren Vertretern der Familie Sonn lebten in Schweinshaupten angesehene rabbinische Autoritäten, deren Meinung in der weiten Umgebung hochgeachtet war.

Nach Reichsdeputationshauptschluss, Revolutionskriegen und Wiener Kongress kam das Gebiet um Schweinshaupten erst im Jahr 1814 endgültig zu Bayern. Die Freiherren von Fuchs behielten zwar bis 1848 eine Patrimonialgerichtsbarkeit, doch die jüdische Bevölkerung unterstand nun dem Bayerischen Judenedikt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte die Kultusgemeinde Schweinshaupten ihre Blütezeit. Die Juden stellten 1814 mit 138 Personen rund 33,7 Prozent der insgesamt 409 Einwohner. Bei der Erstellung der Matrikel (1817) wurden 32 Familienoberhäupter aufgelistet, deren Haupterwerb im Vieh-, Schnitt- und Kleinhandel lag. Schweinshaupten gehörte zum Distriktsrabbinat Burgpreppach und nutzte bis 1869 den jüdischen Friedhof in Kleinsteinach, anschließend nutzte sie den eigenen Friedhof bei Bundorf.

1817 werden in der Matrikelliste der Unterrabbiner Wolf Isaac Weißbarth, der Vorsänger und Schochet Wolf Abraham Kahn Kling und seit 1825 als "Privatlehrer" Samuel Weißbarth genannt. Später erfüllte der Religionslehrer auch die Rolle des Vorsängers, verbunden mit dem Schächterdienst. Mosche Sonn (1789–1856) gilt als bekanntester Sohn der Gemeinde: Als Sohn und Enkel von Rabbinern erhielt er von Kindheit an eine intensive Ausbildung, anschließend studierte Mosche an der Jeschiwa (jüdische Religions-Hochschule) von Burgpreppach und Frankfurt an Main, wo er 1813 die Lehrerlaubnis bestätigt bekam. Nebenbei bewirtschaftete er ein Stück Land und betrieb mit seiner wachsenden Familie den Kolonialwarenladen des Vaters weiter, weshalb ihn die christlichen Nachbarn auch "Zuckermosche" nannten. Während einer längeren Zeit der Vakanz des Burgpreppacher Rabbinates wirkte Mosche Sonn als Rabbinatsvertreter und gewann dabei so viel Anerkennung, dass ihm 1843 der Ehrentitel "Morenu Raw" (Unser Meister) verliehen wurde. Noch im Jahr 1837 gehörte fast ein Drittel der Dorfbevölkerung der Kultusgemeinde an. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann jedoch wie in fast allen fränkischen Landgemeinden ein großer Schrumpfungsprozess: Vor allem junge Jüdinnen und Juden emigrierten ins Ausland oder zogen ab 1861 in die wachsenden Industriezentren, um sich dort eine bessere Existenz aufzubauen. Bis 1880 halbierte sich die Zahl der Mitglieder. Trotzdem erwarb der Gemeindevorstand ein Grundstück östlich von Schweinshaupten auf einer Anhöhe und gründete dort 1869 einen eigenen Friedhof.

Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Josef Friedmann (1894-1918), Josef Lippstädter (1887-1916) und Julius Müller (1885-1916). Um 1925 kam als Lehrer und Schächter David Kissinger aus Ermhausen, Großvater des späteren US-Außenministers Henry Kissinger, regelmäßig nach Schweinshaupten. Er erteilte damals nur noch einem Kind den Religionsunterricht. Bereits kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurde das Gemeindemitglied Langstätter festgenommen und in das KZ Dachau verschleppt. Vier Jahre zuvor hatten ihn Mitglieder der NSDAP zusammen mit vielen anderen jüdischen Männern in der Umgebung beschuldigt, am angeblichen "Ritualmord von Manau" bei Hofheim beteiligt gewesen zu sein. 1935 konnte die jüdische Gemeinde ihre Archivalien dem Verband der Bayrischen Israelitischen Gemeinden in München übergeben. Sie kamen später in die Central Archives nach Jerusalem. Bis 1940 verließen fünf Gemeindeglieder ihre Heimat (u.a. zogen zwei nach Würzburg), sechs konnten auswandern (fünf in die USA, einer nach Palästina), fünf verstarben in dieser Zeit noch in ihrem Heimatort. Von den in Schweinshaupten geborenen oder längere Zeit ansässigen Jüdinnen und Juden starben dreizehn in der Shoah. 

Seit 1978 ist Schweinshaupten ein Teil der Gemeinde Bundorf. Jüdisches Leben entstand nicht mehr; die ehemalige Synagoge mit Schule und Mikwe ist heute ein Gartengrundstück, an dem nichts auf seine alte Funktion erinnert. Auf dem jüdischen Friedhof steht jedoch ein Findlings-Stein mit einer Gedenkplakette: "In Schweinshaupten bestand bis 1935 eine jüdische Kultusgemeinde. Zur Erinnerung und Mahnung". An die jüdische Geschichte erinnern auch die Straßennamen "Judengasse" und "Zum Judenfriedhof".


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Schweinshaupten. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 565-576.
  • Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken. In: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012, S. 95-113.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 121.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 222.