Eine jüdische Gemeinde hatte sich in Schwebheim wahrscheinlich erst im Lauf oder nach dem Dreißigjährigen Krieg gebildet. Die dort ansässigen Juden standen unter dem Schutz der Freiherrn von Bibra. 1626 wird erstmals wird ein Jude in den Rechnungen der Dorfgemeinde Schwebheim erwähnt. Nach 1650 tauchen Juden häufiger in den Schwebheimer Dorfrechnungen auf. 1669 lebten Juden in drei Häusern in der Nähe des Schlosses der Freiherrn von Bibra und im "Judenhof", der 1683 erstmals als "juden gaß" bezeichnet wurde. Die dicht bebaute Sackgasse verlief in Nord-Süd-Richtung und konnte so leicht zum Kirchplatz hin abgeschrankt werden, um einen Eruv zu bilden. 1781 ist erstmals mit Itzig der Name eines Schwebheimer Kantors überliefert.
1809 wurde die jüdische Schule in Schwebheim ausführlich in einem Bericht der Verwaltung der Freiherren von Bibra an das Bezirksamt Schweinfurt beschrieben. Der damalige Lehrer Mendel Moses, dessen Wohnzimmer auch als Schulzimmer diente, lebte im Erdgeschoss des Mehrzweckgebäudes, in dessen Obergeschoss die Synagoge untergebracht war. Zum Gebäude gehörte auch eine Küche und eine Kammer. Falls arme Juden in Schwebheim übernachteten, musste sie der Lehrer beherbergen. 1814 wohnten 19 jüdische Familien mit 88 Personen in Dorf, die laut der 1817 erstellen Judenmatrikel vor allem vom Schmusen und dem Handel mit Vieh und Waren lebten. Die Gemeinde wurde dem Bezirksrabbinat in Schweinfurt zugeteilt und die Verstorbenen in Gerolzhofen und Schwanfeld beigesetzt.
1833 bestand der Schwebheimer Judenhof laut dem Urkataster aus 13 Parzellen, die mit ein- und zweigeschossigen, traufseitig zur Gasse hin orientierten Häusern eng bebaut waren. 1839 lebten dort 21 jüdische Familien mit 103 Personen, für die laut einem Bericht des evangelischen Pfarrers aus demselben Jahr "stets sittlich gutes Betragen und regen Schulbesuch" charakteristisch waren. 1850 kam hier Abraham Adler zur Welt, der später als promovierter Ökonom an der Leipziger Handelsschule lehrte.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die kombinierte Lehrer- Vorsänger- und Schächterstelle in Schwebheim mehrmals in der Zeitschrift "Der Israelit" ausgeschrieben. Dabei verwies die Ausschreibung, die 1878, 1887, 1899 und 1904 von dem langjährigen Kultusvorstand Max Reinhold unterschrieben wurde, mehrmals auf die "schöne, freie Wohnung".
Da 1905 in Schwebheim nur noch vier religiös selbstständige Männer zur jüdischen Gemeinde gehörten, wurde die jüdische Kultusgemeinde im Juli 1905 aufgelöst und mit der jüdischen Gemeinde Gochsheim vereinigt. Auch wenn eine Vereinigung der beiden Kultusgemeinden bereits früher hätte erfolgen können, stand dem Zusammenschluss laut Distriktsrabbiner Stein "die feindliche Stimmung unter den Mitgliedern der beiden Kultusgemeinden" zuvor im Weg. Das Ende der selbstständigen Gemeinde bedeutete auch das Ende der mit Gochsheim kombinierten Lehrerstelle, zumal in Schwebheim zu diesem Zeitpunkt auch keine jüdischen Kinder mehr wohnten.
In den 1920er Jahren bestanden zwischen einzelnen christlichen und jüdischen Schwebhäusern gute Kontakte. Dies belegen die Erinnerungen Armin Wagners: Nach einem Schulbubenstreich flüchtete der Sohn des Dorflehrers Mitte der 1920er vor seinem Verfolger in das Haus von Hannchen Oppenheimer, die mit ihren Schwestern Amalie / Malchen und Emma Oppenheimer am Schwebheimer Marktplatz eine koschere Metzgerei betrieb. Im Dorfjargon hießen die drei Schwestern laut Alemannia Judaica nach dem Vornamen ihres Vaters Meyer Oppenheimer auch die "Meyer-Mädchen". In guter Erinnerung behalten hatte Hannchen Oppenheimer auch der Schwebheimer Heimatforscher Richard Ludwig, da diese ihm an den jüdischen Feiertagen Mazzen und Bonbons geschenkt hatte.
In der Zeit des Nationalsozialismus waren die wenigen Schwebheimer Juden mehr und mehr isoliert. Beispielsweise nahmen christliche Nachbarn und Freunde im Frühjahr 1936 nicht an der Beerdigung von Hilda Oppenheimer auf dem Schwanfelder Friedhof teil. Grund war laut Briefen ihrer Schwester Hannchen die Furcht, deswegen ins Gerede zu kommen. Während des Novemberpogroms wurden die Fenster des von den Schwestern Oppenheimer bewohnten Hauses eingeworfen. Dort brachte am nächsten Tag ein SS-Mann ein Plakat mit der Aufschrift "Hier ist ein jüdisches Haus, deutsche Mütter gehen hier ein und aus, schaut sie euch an und lacht sie aus" an. Sechs Jahre später wurde Hannchen Oppenheimer an einem unbekannten Tag nach ihrer Ankunft in Auschwitz am 18. Mai 1944 ermordet. Ihre Schwestern Amalia und Emma starben in Theresienstadt.
Heute existieren nur noch sechs der ursprünglich zwölf jüdischen Häuser im Judenhof. 2016 wurde an der Schwebheimer Zehntscheune neben dem ehemaligen Haus der "Meyer-Mädchen" eine "Tafel wider das Vergessen" zur Erinnerung an die Deportation der letzten Schwebheimer Juden angebracht.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas: Gochsheim mit Schwebheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. II/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1365-1389.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 241.
