Die Erwähnung des Juden Mann „de Schwobach“ als Bürger der Reichsstadt Nürnberg lässt bereits im Jahr 1338 auf jüdisches Leben in Schwabach schließen. Der tolerante Burggraf Johann II. (reg. 1332–1357) gewährte und förderte den Zuzug von Schutzjuden in sein Territorium, doch diese positive Entwicklung hielt nicht an: Die großen Pestpogrome des Jahres 1348/49 erfassten neben Nördlingen, Windsheim und Weißenburg auch Schwabach, alle Juden wurden vertrieben oder ermordet. In der Folgezeit siedelten sich wieder genügend Schutzjuden an, um eine Kehillah bilde zu können. Mit dem Aufstieg des Nürnberger Burggrafen Friedrich VI. zum Kurfürsten und Markgrafen von Brandenburg-Ansbach im Jahr 1417 gerieten die Juden in die Mühlräder der Politik. Eine generelle Ausweisungsregel aus dem Jahr 1515 wurde offenbar in Schwabach nur halbherzig umgesetzt, Schutzbriefe sind für 1525, 1528, 1533 nachgewiesen. Die Geringschätzung der christlichen Mehrheit drückte sich in einem Detail des um 1500 entstandenen Dreikönigsaltars in der evangelischen Pfarrkirche aus: In einem Reliefs mit der Grablegung Mariens stampfen die Jünger mit dem Katafalk mehrere Juden mit charakteristischen "Heidenhüten" in Grund und Boden. Eine landesherrliche Verordnung von 1560 vertrieb die Juden schließlich für die kommenden Jahrzehnte aus dem Fürstentum Ansbach. Trotz des zugesicherten Geleits wurden die Flüchtlinge auf offener Straße angegriffen, ausgeraubt und teils auch getötet.
Erst nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges konnten sich Juden wieder dauerhaft in Schwabbach niederlassen. Ihre Ansiedelung gehörte zu einer planmäßigen Wirtschaftsförderung der Markgrafen, die auch flüchtige Hugenotten aus Frankreich ins Land holten. Parallel zum Wachstum der Gesamtbevölkerung belegen die Bürgergelder zwischen 1660 und 1713 ein aufblühendes jüdisches Leben in Schwabach. Die Familien kamen aus der näheren Umgebung beziehungsweise dem Reichskreis Franken, aber auch von weit entfernten Gegenden wie Mähren, der Schweiz oder Wien. Spätestens seit dieser Zeit pachteten die Schwabacher Juden ein Nutzungsrecht am Verbundfriedhof in Georgensgmünd und nutzten ihn bis 1948, obwohl die Begräbnisstätte immerhin vier Gehstunden entfernt lag. Jüdische Häuser konzentrierten sich im Norden der Stadt an der heutigen Synagogengasse, sowie an den Hauptverkehrswegen (heute Friedrichstraße, Zöllnertorstraße, Spitalberg, Nürnberger Straße). Die Erwerbstätigkeiten bestanden aus dem Handel mit Schmuck und Pferden, im Hausier- und Kleinhandel sowie dem Finanzgeschäft.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bildeten 30 besteuerten Familien bereits eine beachtliche Kultusgemeinde. Mit Hirsch ben Chanoch Fränkel (amt. 1709–1712) verlagerte sich der Sitz des markgräflichen Landesrabbinats bis 1792 nach Schwabach. Auch danach spielte Schwabach als Zentrum des gleichnamigen Bezirks- bzw. Distriktsrabbinats eine überregionale Rolle. 1737 und noch einmal 1759 wurden der Kultusgemeinde vorteilhafte Freiheiten gewährt, unter anderem ein eigenes Niedergericht für interne Angelegenheiten, dem der Barnos und der Rabbiner vorstanden. Der einflussreichen Hoffaktorenfamilie Fränkel verdankten die Schwabacher Juden viele karitative und gemeinnützige Wohltaten. Auch der Gemeinde- und Landbarnos Nathan Simeon ben Mosche (✡ 1721), Stammvater der Hoffaktorenfamilie Schwabacher, wohnte in der Stadt (heute Pinzenberg 1). Mit einem von ihm erworbenen Grundstück wurde im Jahr 1700 die Erweiterung des Georgensgmünder Friedhofs möglich. Nathan und seine Nachkommen spendeten immer wieder großzügige Summen für wohltätige und gemeinnützige Zwecke, oder für Ritualien der Synagoge. Sie waren jedoch nicht die einzigen, beispielsweise ermöglichten Mose Jakob mit Frau Serla Lea und Josef Josla 1723 den Bau eines neuen Taharahauses auf dem Georgensgmünder Friedhof.
1727 erwarb die Kultusgemeinde ein Haus in der heutigen Synagogengasse 5, um dort eine Jeschiwa und Wohnungen einzurichten. Die drei Gemeindehäuser: Jeschiwa, Synagoge, Rabbinerhaus und (heute Synagogengasse 5, 6 und 7) gruppierten sich um einen langgestreckten Hofraum, ein zusätzlicher kleiner Bau nördlich der Synagoge (Synagogengasse 8) diente zum Schächten. Die Gemeindemikwe der Barockzeit befand sich möglicherweise im Keller des Rabbinerhauses. Im Norden und Süden wurden die Hofzugänge durch hölzerne Tore gesichert, die Gebäude bildeten also im wörtlichen Sinne ein geschlossenes Ensemble. Im Jahr 1795 hatte Mose ben Löw Koppel das Anwesen Synagogengasse 10 erworben und fügte an der Giebelseite ein weiteres Stockwerk an, in dem er eine Laubhütte einrichtete. Die Kassettendecke wurde während des Laubhüttenfestes herausgenommen und die Dachziegel entweder abgenommen oder aufgeklappt, um den rituell notwendigen Blick auf den freien Himmel zuzulassen. Im Jahr 2000 deckten Handwerker während einer Restaurierung des Hauses die Überreste einer spätbarocken Wandmalerei auf; besonders eindrucksvoll ist die Darstellung Mose in der zeitgenössischen Tracht eines mittelfränkischen Rabbiners. Seit 1754 waren keine jüdischen Neusiedler mehr zugelassen – der Landesherr hatte sich hier dem Druck der christlichen Geschäftsleute beugen müssen. Auf Betreiben der evangelisch-lutherischen Stadtpfarrer ließen sich denn auch zwischen 1679 und 1800 allein in Schwabach 29 Juden taufen, wobei vieles darauf hindeutet, dass man sie mit Geldversprechen zur Konversion verleitet hatte. Das Wachstum der Kultusgemeinde war auf einem Höhepunkt angelangt, als 1799 die barocke Synagoge abgebrochen und an gleicher Stelle ein Neubau errichtet wurde.
Nach einem kurzen preußischen Interregnum fiel das Fürstentum Ansbach mitsamt Schwabach 1806 an Bayern. Durch die neu eingeführten Matrikelstellen (Judenedikt 1813) waren fortan nur noch 41 jüdische Familien zugelassen, die übrigen hielten sich nun illegal auf Duldung in der Stadt auf. Diese unsicheren Lebensverhältnisse und die schwierige Wirtschaftslage bestärkten viele Juden in ihrem Aus- und Abwanderungsplänen. Diese Entwicklung erhielt durch die volle Freiheit in der Berufs- und Wohnortswahl ab 1861 eine zusätzliche Dynamik.
Bereits während des Rabbinats von Isaak Seckel Fränkel (1802–1815) wurde von der Obrigkeit beschlossen, dass die jüdischen Kinder die staatliche Volksschule besuchen sollen. Der jüdische Religionsunterricht fand weiterhin im alten Schulhaus der Gemeinde statt. Das auffällige Fachwerkhaus diente auch als Gemeindehaus und zeitweise als Spital, außerdem befanden sich hier im Jahr 1910 die Amtsräume des Rabbiners. Weil das Ritualbad nicht den neuen staatlichen Vorgaben von 1829 genügte, wurde 1841 eine „Duck“ in das alte Schächterhaus eingebaut. Offensichtlich war dies nur eine provisorische Lösung, denn die Kultusgemeinde erwarb 1855 ein zweigeschossiges Wohnhaus nahe dem Fluss (heute Häfnersgässchen 8) und errichtete dort ein Ritualbad. Abraham Wechsler (1819–1850) gründete im alten Schulhaus eine offiziell approbierte Talmud-Tora-Schule, die nach Wechslers Tod jedoch ihre Pforten schloss. Zusammen mit dem ortsansässigen Kabbalisten Hyle Wechsler startete Distriktsrabbiner Löb Wißmann (1857–1903) einen Spendenaufruf, der die Schule wieder ins Leben rief. 1875 waren im angegliederten Internat immerhin 18 Schüler untergebracht, 1891/92 zog das Institut in ein neues Haus (Nördliche Ringstraße 5). Der Lehrplan kooperierte mit dem königlichen Progymnasium (heute Adam-Kraft-Gymnasium), das vor allem die Vermittlung des säkularen Lehrplans übernahm.
Im Ersten Weltkrieg 1914-18 fiel der jüdische Schwabacher Moses Uckmo, sein Name ist auf dem kommunalen Kriegerdenkmal verzeichnet. Von 1907 an war die Schule ein reines Knabenpensionat und musste 1921/23 wegen fehlender Mittel schließen. Zu dieser Zeit lebten nur noch 46 Jüdinnen und Juden in Schwabach. Das Bezirksrabbinat Schwabach wurde aufgelöst und Ansbach unterstellt, für die Bildung eines Minjan mussten extra Gemeindemitglieder aus Fürth zum Gottesdienst anreisen. Einer der größten Arbeitgeber in Schwabach war das "Drei-S-Werk", welches Grammophon- und andere Spezialnadeln für den globalen Markt herstellte. Es gehörte Walter Tuchmann (1891–1932), dem Spross einer bedeutenden Hopfenhändlerfamilie aus Uehlfeld bzw. Nürnberg. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begannen auch in Schwabbach staatlich gelenkte Diskriminierungen, Boykotte und die zunehmende Entrechtung. Sukzessiv machten alle jüdische Geschäftsleute Bankrott, als letztes die Lederhandlung Feuchtwanger im Juli 1938. Nach dem gewalttätigen Novemberpogrom verließen die letzten Juden fluchtartig Schwabach. Die Kultusgemeinde wurde offiziell am 30. November 1938 aufgelöst und der Ort einen Tag später für "judenfrei" erklärt.
Nach Kriegsende kehrte der Tabakwarenhändler Manuel Graf aus dem Konzentrationslager Theresienstadt in seine alte Heimat zurück. Er starb 1948 und wurde als letzter Jude auf dem Friedhof in Georgensgmünd beerdigt. Auch der ehemalige Berufschullehrer Eugen Tanhauser (1895-1970) zog wieder nach Schwabach und setzte sich für die Entnazifizierung ein. Der erfolgreiche und kompetente Politiker war bis 1964 als Landrat tätig, vor allem ihm ist die Einrichtung eines DP-Lagers in der Region zu verdanken.
Erst Anfang Dezember 1945 lässt sich eine jüdische DP-Gemeinschaft aus 15 Personen im Landkreis und Stadtgebiet Schwabach nachweisen. Wenige Wochen später war die Zahl auf 50 angestiegen und im März 1946 gründeten sie eine Interessenvertretung, die sich mit Unterstützung der US-Militärbehörden von der Observanz durch das Landratsamt löste und als unabhängiges Jüdisches Kreiskomitee Schwabach etablierte. Landrat Tanhauser sorgte für ein Versammlungslokal und ließ dafür das ehemalige Restaurant Siechweiher requirieren (Nördlinger Straße 2). Hier wurde das "Haus Tel Aviv" eingerichtet, das als Verwaltungssitz und sozialer Treffpunkt diente. Die jüdischen Displaced Persons lebten in Schwabach selbst, weitere sogenannte Außengemeinden (engl. Sub-Communities) verteilten sich im Landkreis auf die Ortschaften Katzwang, Georgensgmünd und Roth. Im August 1946 lebten 143 jüdische DPs im Landkreis, der Höchststand wurde im April 1947 mit 221 Personen erreicht, wobei etwas mehr als die Hälfte in Schwabach wohnte. Nach der dritten Wahl am 19. Januar 1947 bestand der Exekutivausschuss des Jüdischen Komitees aus dem Vorsitzenden Heinrich Wien, seiner Stellvertreterin Stefanie Schönherz, einem Kulturreferent, einem Verwaltungssekretär, einem Sportleiter, einem Sekretär des Amtes für Religiöses und einem Leiter für Wirtschaftsangelegenheiten.
Die Selbstverwaltung residierte nun im Gemeindehaus bei der ehemaligen Schwabacher Synagoge (Schlötzergasse 6). Hier befand sich seit Ende 1946 auch ein "Jüdisches Ambulatorium" unter der Leitung von Dr. Irene Markowicz. Im Haus Tel Aviv trafen sich die Mitglieder des jüdischen Sportvereins Kadima Schwabach, deren Mitglieder sich aus allen Schwabacher DP-Gemeinden zusammensetzen und Matches gegen andere DP-Lager der Region ausfochten. Es gab eine Bibliothek mit Lesesaal, wobei die Verwaltung über mangelndes Interesse klagte, dafür wurden neben dem Sport auch musische Angebote wie Theater- und Tanzveranstaltungen begeistert angenommen. Eine jüdische Grundschule wurde wohl im Gebäude Nördlinger Strauße 2 eingerichtet. Da es keine ORT-Schule in der näheren Umgebung gab, besuchten viele DPs die Einrichtungen in Fürth oder Ansbach. Strenggläubige, orthodoxe Juden bildeten die Minderheit, dennoch ließ das Komitee bis Dezember 1946 die Schwabacher Synagoge notdürftig herstellen. Gottesdienste fanden jedoch überall im Landkreis nur sporadisch statt.
Die Auflösungszeit des Kreiskomitees lässt sich nicht genau bestimmen. Beriets ab dem 1. Oktober 1948 erhielten die DP-(Außen-)Gemeinden keine Zuwendungen der IRO mehr. Die DPs hatten sich ohnehin auf ihre Auswanderung nach Nordamerika oder in den 1948 gegründeten Staat Israel vorbereitet. Ende 1949 verließen die letzten DPS ihre "Heimat auf Zeit".
In Schwabach entstand nach dem Wegzug der jüdischen DPs keine neue Kultusgemeinde. Erst 1993 bekam die zwischenzeitlich „Schlötzergasse“ benannte Synagogengasse ihren alten Namen wieder. 1998 gründete die Journalistin Ele Schöfthaler den Verein "Synagogengasse 6 e.V.", der das profanierte Synagogengebäude zur Erbpacht erhielt. Die denkmalgerechte Sanierung wurde durch Fördermittel der Städtebaustiftung und der Landesstiftung in den Jahren 2002/3 möglich. Eine betont säkulare Gestaltung (lediglich ein leeres Feld markiert den alten Standort des Toraschreins) erlaubt heute eine allgemeinnützige Nutzung als Seminar- und Veranstaltungsraum. Die barocke Laubhütte wurde bereits 2001 restauriert. Die ehemalige Synagoge und die Laubhütte im Nachbarhaus können nach Anmeldung bei der Volkshochschule Schwabach besichtigt werden.
Seit 2008 bilden beide Orte eine Dependance des Jüdischen Museums Franken. Eine vom Museum entwickelte kostefreie App lädt dazu ein, dieses einstige jüdische Zentrum Schwabachs zusätzlich zum Museumsbesuch auf eigene Faust zu erkunden und dabei die jüdische Geschichte Schwabachs und ihrer Bewohner kennenzulernen. Die App ist über GooglePlay und bei iTunes erhältlich. Im Jahr 2007 verzeichnete die Gemeindestatistik wieder jüdische Schwabacher. Als Zufahrt zu einem geplanten Baugebiet an der Franz-Peter-Seifert-Straße ist zu Ehren des jüdischen Landrats eine „Eugen-Tanhauser-Straße“ beschlossen.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Jüdisches Museum Franken (Hg.) / Marina Heller: Tuchmann verschwindet. Leben und Schicksal eines Schwabacher Fabrikanten. Fürth 2024 (= Medine Franken 1).
- Cornelia Berger-Dittscheid: Schwabach. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 614-631.
- Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken, in: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012, S. 95-113.
- Jim G. Tobias: Vorübergehende Heimat im Land der Täter. Jüdische DP-Camps in Franken 1945-1949. Nürnberg 2002, S. 121-129.
- Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt am Main 1937, S. 216-226.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 172.
Weiterführende Links
- Dauerausstellung Schwabach (Jüdisches Museum Franken)
- Jüdische Gemeinde Schwabach (Alemannia Judaica)
- Gemeinde Schwabach (Alicke - Jüdische Gemeinden)
- Kostenfreie App zur jüdischen Geschichte Schwabachs (Jüdisches Museum Franken)
- Schwabach - Jüdisches Kreis-Komitee (Jüdische DP Lager und Gemeinden in Westdeutschland)
- Schwabach DP-Gemeinde (Talmud Thora Schulen in Detschland)
- Günther Wilhelm: Schwabachs erster Landrat Eugen Tanhauser (Nordbayern)
- Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, 2 Bde., Frankfurt/Main 1937 u. 1938
