Walter Tuchmann war der einzige Sohn des Hopfen-Großhändlers Max Philipp Tuchmann (1855–1934) und Clara geb. Hopf. Nach dem Abitur am kgl. Realgymnasium in Nürnberg übernahm Walter spätestens 1913 die kaufmännische Leitung der Schwabacher Nadel- und Federfabrik Reingruber, die sein Vater erworben hatte. Das Unternehmen produzierte patentierte Grammophonnadeln ("Fürsten-" sowie "Burchardnadeln"). Tuchmann kämpfte im Ersten Weltkrieg und heiratete 1921 die evangelische Christin Maria Elisabeth Wicker (1894–1943). Die Ehe blieb kinderlos. Nach Kriegsende entwickelte sich das Unternehmen erfolgreich weiter und firmierte nun als "Drei-S-Werke". Im Jahr 1929 wurde Tuchmann zum Konsul von Honduras ernannt. Nach 1933 war er zunehmenden antisemitischen Repressionen ausgesetzt. 1937 verkaufte Tuchmann die Fabrik und emigrierte überstürzt nach Prag. Über mehrere Stationen gelang dem Ehepaar 1939 die Flucht nach Mexiko. Beide litten unter dem Klima: Walter Tuchmann starb 1942 im Kurort Cuernavaca, seine Frau 1943 in Mexiko-Stadt.
Walter Tuchmann war der einzige Sohn und das jüngste Kind von Max Philipp Tuchmann (1855–1934) und Clara geb. Hopf (1865–1934). Walter wuchs in einer großbürgerlichen Hopfenhändler-Familie auf. Als er zwei Jahre alt war, machte sich sein Vater mit der "Hopfenhandlung Philipp Tuchmann" selbstständig – der Name war eine Würdigung des Großvaters Feist Philipp Tuchmann. Walter besuchte das betont staatstreue kgl. bay. Realgymnasium in Nürnberg und schloss nach sechs Schuljahren ab. Wie sich Walter Tuchmanns weiterer Bildungsweg gestaltete, ist leider nicht bekannt. Wahrscheinlich machte er eine kaufmännische Ausbildung, denn spätestens 1913 übernahm er die Leitung der Schwabacher Nadel- und Federfabrik Reingruber (Grammophonnadeln), die sein Vater erst als Teilhaber mitgeführt und dann ganz übernommen hatte. Dieses Unternehmen besaß das alleinige Fabrikationsrecht an den patentierten "Fürsten-" und "Burchardnadeln", was sie international konkurrenzfähig machte. Im Ersten Weltkrieg diente Walter Tuchmann größtenteils im Bayerischen Landwehr-Infanterieregiment Nr. 7 (Bayreuth), wurde als passionierter Autofahrer in den Armee Kraftwagen Park Süd versetzt und nach einer leichteren Verwundung zum Gefreiten befördert. Die Fabrik in Schwabach produzierte nun Textilnadeln und änderte 1916 ihren Namen in "Schwabacher Sinnereinadel- & StahlspitzenWerke Fr. Reingruber": Abgekürzt hieß die Firma "Drei-S-Werke".
Nach Kriegsende verbesserte sich die wirtschaftliche Lage, denn seit 1918 konnte die Burchhardnadel ausschließlich in Schwabach gefertigt werden: An die 150 Personen arbeitenden im Betrieb. Am 26. Oktober 1921 heiratete Walter in Nürnberg Maria Elisabeth Wicker (1894–1943). Kurz nach der Hochzeit zog das Ehepaar nach Schwabach und wohnte auf dem Gelände der "Drei-S-Werke" im Hauptgebäude. Die Ehe blieb kinderlos, eine umso größere Rolle spielte der Foxterrier Chico. In seiner Freizeit begeisterte sich Walter Tuchmann für schnelle Automobile (er besaß verschiedene Wägen) sowie die Fotografie. Das 75. Firmenjubiläum 1925 wurde mit zwei Festakten in Nürnberg und Schwabbach gefeiert, außerdem ließ Tuchmann eine kleine bebilderte Festschrift drucken. Im Jahr 1926 folgte eine erneute Namensänderung in "Drei-S-Werk", mit einem geschützten Warnezeichen 1927. Bei einer Renovierung des Hauptgebäudes ließ Tuchmann dieses neue Zeichen – eine Krone mit den drei S – auf den Torflügeln des Eingangsportals anbringen. Nach einem Besuch der Fabrik verlieh ihm Prinz Alfons von Bayern als Anerkennung das inoffizielle Prinz-Alfons-Erinnerungszeichen. Im Jahr 1929 wurde Walter Tuchmann zum Konsul von Honduras ernannt. Sein Konsulatsbüro befand sich in der Fürther Straße 17a in Nürnberg, wo er sich zu festen Dienstzeiten aufhielt: Es handelte sich, anders als beim Titel "Kommerzienrat" seines Vaters, also nicht um ein reines Ehrenamt.
Nach der NS-Machtergreifung 1933 mehrten sich die antisemitischen Drangsale durch das Regime. Gemäß den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 warf man dem christlich-jüdischen Ehepaar Tuchmann "Rassenschande" vor. Auch Devisenvergehen wurden ihm mit fadenscheinigen Vorwürfen in die Schuhe geschoben. Dies führte dazu, dass er 1937 die Fabrik an eine Kommanditgesellschaft verkaufte und am 28. Juli 1937 überstürzt in die Tschechoslowakei nach Prag auswanderte. Dies wurde von den Nationalsozialisten als "Flucht" gedeutet und propagandistisch ausgeschlachtet. Dank des Konsultitels, und weil Tuchmann die doppelte Staatsbürgerschaft von Panama besaß, gelangten die Tuchmanns 1939 auf abenteuerlichen Wegen über Amsterdam, Brüssel und New York nach Mexiko-Stadt. Sie lebten dort von der Unterstützung seines Neffen Erich Rosenwald in den USA. Das ungewohnte Klima bekam beiden Migranten nicht: Walter Tuchmann verschied am 29. März 1942 im Luftkurort Cuernavaca an "Nierenentzündung und Herzschwäche". Seine Frau Elisabeth starb am 21. Mai 1943 an der Krankheit Pellagra.
(Patrick Charell nach einem Text von Marina Heller)
Vom 16. Juli 2023 bis zum 1. Januar 2024 präsentierte das Jüdische Museum Franken in Schwabach eine Ausstellung über den Schwabacher Grammophonnadelhersteller Walter Tuchmann. In den Räumen des Museums sowie im ersten Obergeschoss der Ehemaligen Synagoge wurden Fotografien, persönliche Dokumente und Objekte aus dem Drei-S-Werk gezeigt. Sie hatte das Ziel, Tuchmanns Leben und Wirken zu rekonstruieren und ins kollektive Gedächtnis Schwabachs zurückzuholen. Kuratorin Marina Heller unternahm hierfür intensive Recherchen im In- und Ausland und wertete bislang unbekannte Quellen aus. Sie verfasste auch den Ausstellungskatalog, der im Rahmen der neuen Publikationsreihe "Medine Franken" vom Jüdischen Museum Franken herausgegeben wurde.
(Patrick Charell nach einem Text von Marina Heller)
Bilder
Literatur
- Jüdisches Museum Franken (Hg.) / Marina Heller: Tuchmann verschwindet. Leben und Schicksal eines Schwabacher Fabrikanten. Fürth 2024 (= Medine Franken 1).
Weiterführende Links
Quellen
GND: nicht verfügbar