Jüdisches Leben
in Bayern

Schopfloch Gemeinde

Vereinzelt haben Juden bereits seit dem 13. Jahrhundert immer wieder in Schopfloch gelebt, dauerhaft nachweisbar sind sie jedoch erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dabei profitierten jüdische Familien von einer typisch fränkischen "gespaltenen" Herrschaft: Schopfloch gehörte mehrheitlich zum Markgrafentum Brandenburg-Ansbach (später Ansbach-Bayreuth), aber mitten durch den Ort zog sich eine Enklave der Grafen von Oettingen-Spielberg. Die jüdische Gemeinde war deshalb in zwei Zuständigkeitsbereiche geteilt: Die spielbergischen Familien unterstanden dem Landesrabbiner von Oettingen. Allerdings sind Ortsrabbiner in Schopfloch belegt, und die religiösen Einrichtungen wie die Synagoge oder der Friedhof wurden ohnehin gemeinsam genutzt. Beide Herrschaften nahmen stets Schutzjuden bei sich auf, um ihre wirtschaftliche Position gegenüber dem Nachbarn zu stärken. Sie vergaben ihre Schutzbriefe aber relativ wahllos, daher war die jüdische Gemeinde in Schopfloch gleichzeitig eine der größten und ärmsten im weiten Umkreis.

Ab 1598 sind Schopflocher Juden als Hausbesitzer erwähnt, wobei der Kauf und Verkauf von Immobilien nicht unproblematisch war und einer obrigkeitlichen Genehmigung bedurfte. Der berühmte jüdische Friedhof im Norden von Schopfloch (heute Baaderstraße 5) existierte bereits im Jahr 1612 und ist vielleicht noch älter. Nach zwei Erweiterungen 1802 und 1828 ist er einer der größten in Süddeutschland. Lange Zeit diente er als zentraler Verbunds-Friedhof mit einem großen Einzugsgebiet, darunter Dinkelsbühl, Feuchtwangen, Mönchsroth und Wittelshofen sowie für mehrere heute zu Baden-Württemberg gehörende Gemeinden: Crailsheim (bis 1841), Goldbach, Ingersheim, Hengstfeld, Michelbach an der Lücke (bis 1840), Steinbach, Unterdeufstetten und Wiesenbach.

Der überwiegende Teil der Schopflocher Juden ernährte sich im 17. und 18. Jahrhundert vom Handel, etliche hielten sich als Hausierer oder Schnittwarenhändler über Wasser, andere verkauften Rinder oder Pferde. Unter diesen Bedingungen entwickelte sich ausschließlich im Raum Schopfloch das Lachoudische als hebräisch-deutsche Mischsprache. Gerade beim Viehhandel bedienten sich die jüdischen Händler und ihre jüdischen oder christlichen Schmuser (Handelsvermittler) gern diese Geheimsprache. Anders als das verbreiterte Westjiddische enthält das Lachoudische wesentlich mehr hebräische Begriffe, die sich Sprachunkundigen nicht erschließen.

Das jüdische Leben konzentrierte sich um die Judengasse (ab 1881 Bahnhofstraße), wo auch die Synagoge stand. 1792 und 1796 fielen die beiden Ortsteile an das Königreich Preußen und später geeint an Bayern. Bei einer statistischen Erfassung der jüdischen Gemeinden zählten die Beamten in Schopfloch 75 Haushalte mit insgesamt 295 Personen. Die meisten Familienväter arbeiteten im Handel, unter anderem gab es zwei Lebkuchenhändler. Abraham, Isaac und Salomon Jacob wurden als Schulmeister geführt (hebr. Melamed), der letztgenannte diente auch als Totengräber. Neben dem Vorsänger Ruben Kohn war Ephraim Samuel als zusätzlicher "Bußsänger" tätig. Der Oettinger Schutzjude Hirsch Gabriel Weil, der eigentlich in Harburg (Schwaben) gemeldet war, lebte bereits seit 1799 als Ortsrabbiner in Schopfloch. 

Die Kultusgemeinde unterhielt einen eigenen Rabbiner im Ort und gehörte seit dem 1. Januar 1808 zum Landesrabbinat bzw. später dem Distriktsrabbinat Ansbach. Die Umstellung auf einen staatlich reglementierten Unterricht sorgte in Schopfloch für Reibereien, obwohl bereits 1816 eine behördliche Genehmigung zur Gründung einer jüdischen Volksschule vorlag. Erst als 1829 mit den neuen staatlichen Hygienevorschriften der Bau eines modernen Ritualbads nötig wurde, verband die Kultusgemeinde Schopfloch beide Anliegen und ließ im Sommer 1830 gegenüber der Synagoge ein Schulhaus mit Rabbinerwohnung und integrierter Regenwasser-Mikwe errichten (heute Bahnhofstraße 8). Wegen der finanziellen Doppelbelastung und gelegentlich auftretenden Kompetenzstreitigkeiten bemühten sich die Schopflocher Juden nach dem Tod des Ansbacher Distriktsrabbiners Moses Hochheimer im Jahr 1835 um die Eigenständigkeit ihres Rabbinats. Der Wunsch erfüllte sich erst Jahre später: 1841 konnten die Gemeinden Schopfloch, Feuchtwangen und Wittelshofen eine neues Distriktsrabbinat gründen. Nach einer teils turbulenten Wahl wurde der gebürtige Schopflocher Nathan Ehrlich am 16. Juli feierlich eingesetzt.

Im Jahr 1842 lebten 342 jüdische Männer, Frauen und Kinder im Ort. Es war der zahlenmäßige Höchststand der Gemeinde, von da an begann ein kontinuierlicher Schwund. Im Zuge einer großen Auswanderungswelle suchten viele ein besseres Leben im Ausland. In die USA emigrierte auch Elkan Bamberger (1823–1909), Vater der großen Philanthropin Caroline Bamberger (1864–1944). Nach dem Wegfall aller Beschränkungen begann ab 1861 eine zusätzliche Abwanderung in die größeren Städte. Allein zwischen 1862 und 1867 hatten über 100 Juden die Gemeinde verlassen, wodurch die Finanzierung eines eigenen Rabbiners für die Kultusgemeinde nicht mehr möglich war: Allen vergangenen Mühen zum Trotz übernahm der Ansbacher Rabbiner wieder die Betreuung in Schopfloch. Dennoch machte der zunehmend baufällige Zustand der Synagoge umfassende Renovierungen nötig. Da die Kultusgemeinde rund 6000 Gulden in einen Baufonds ansammeln konnte, entschied sich der Vorstand gegen die aufwendige und womöglich nicht nachhaltige Renovierung, sondern ließ bis zum 31. August 1877 ein ganz neues Gemeindezentrum errichten. Es blieb ein stattlicher Schuldenberg von 5000 Gulden, der die Handlungsfähigkeit noch weiter einschränkte. 

Ab 1920 gehörte die überwiegend konservativ-traditionelle Kultusgemeinde zum Bund der "Gesetzestreuen israelitischen Gemeinden Bayerns". Weil sich die Abwanderung auch in den Jahrzehnten nach dem Synagogenneubau fortgesetzt hatte, zählte die Gemeinde 1926 nur noch 40 Personen. Die verbliebenen Familien waren jedoch gut in das Ortsleben integriert. Jeweils am Schabbat pflegten sich etliche Männer in der Bahnhofsgaststätte zum gemeinsamen Kartenspiel zu treffen. 1928 wurde das Schulhaus renoviert, vier Jahre später die Synagoge. Nur noch 37 Jüdinnen und Juden lebten in Schopfloch, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen. Weil sich die große Mehrheit im Ort zuerst weigerte, ihre jüdischen Nachbarn zu diskriminieren, beschloss die NS-Verwaltung einen strengen Maßnahmenkatalog. Unter anderem wurde der Zuzug und der Verkauf von Immobilien an Juden untersagt. Sozialhilfeempfänger drohte ein Entzug der Unterstützung, wenn sie bei Juden einkauften, Angestellten des öffentlichen Dienstes sogar die unmittelbare Entlassung. In Schopfloch kam es daher zu der grotesken Situation, dass jüdische Geschäftsleute ihre Kunden aus Sorge um deren Wohlergehen baten, nicht mehr bei ihnen einzukaufen.

Angesichts der immer bedrohlicheren Situation verließen einige Familien den Ort und emigrierten zum Teil in die USA. Ab Herbst 1936 konnte die Kultusgemeinde Schopfloch aus eigener Kraft keinen Minjan mehr zustande bringen und lud für Gottesdienste ein bis zwei jüdische Männer aus dem Umland ein. Die jüdischen Schulkinder mussten ab 1937 die Volksschule verlassen und wurden separat unterrichtet. Die letzten Beisetzungen auf dem jüdischen Friedhof erfolgten im Jahr 1938 (Paula Jordan aus Wittelshofen und Fanny Benjamin geb. Dinkelsbühl). Im Frühjahr rief der NS-Bürgermeister Sigmund Hähnlein alle jüdischen Familien dazu auf, "aus sicherheitspolizeilichen Gründen" den Ort so bald als möglich zu verlassen. Den verbliebenen Geschäftsleuten wurde zudem die Handelslizenz entzogen. Bis zum Novemberpogrom 1938 hatten bereits alle Juden Schopfloch verlassen. Ungeklärt ist, auf welche Weise in der Nacht auf den 10. November die Synagoge geschädigt wurde; jedenfalls erwähnen die Dokumente der frühen Nachkriegszeit nur den Abbruch des Gotteshauses auf Anordnung des NSDAP-Ortsgruppenleiters Karl Burkhard.

Das Synagogengrundstück ist heute im Privatbesitz und vollständig überbaut. Auch das ehemalige Schulhaus ist heute ein privates Wohnhaus. Im Jahr 1988 schuf Steinmetz Hans Häberlein zum 50. Jahrestag der Pogromnacht drei Gedenktafeln aus Muschelkalkstein, die am ehemaligen Schulgebäude, am Friedhof und dem früheren Synagogengrundstück an die jüdische Geschichte Schopflochs erinnern. Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 erstellte das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion zum Thema "Hoffaktoren, Handelsleute und Hausierer" (Ansbach-Schopfloch). Der bedeutende jüdische Friedhof hatte während der NS-Zeit mehrere Schändungen erlebt. Das Taharahaus brannte nieder. Angeblich waren es HJ-Jungen aus Dinkelsbühl, die zahlreiche Grabsteine (hebr. Mazzewot) umwarfen. Weitere Steine wurden als Bodenplatten einer Hühnerfarm entlang der nördlichen Friedhofsmauer verlegt. Im Sommer 1945 setzte die US-Militärregierung ehemalige NSDAP-Mitglieder für eine erste Renovierung ein. Weitere Grabsteine wurden 1948 fachkundig fixiert. Nach einigen antisemitischen Vorfällen begann 1963 eine umfassende Renovierung der Begräbnisstätte. Heute sind auf einer Fläche von rund 12980 m² noch 1.172 Grabsteine und etliche Fragmente sichtbar. Die Schopflocher Heimatforscherin Angelika Brosig (1956–2013) erstellte 2007 eine Dokumentation, anschließend wurden die Steine bis 2013 von der Feuchtwanger Steinmetzfirma Hähnlein-Häberlein restauriert. Eine digitale Erfassung der Steine bis 2021 wurde durch den Verein "Bet Olam. Verein zur Erforschung und Dokumentation des Jüdischen Friedhofs Schopfloch e.V." initiiert und von der EU gefördert.

Mit der Machtübernahme der Nazis war auch das Lachoudische aus dem alltäglichen Gebrauch verschwunden. Heute sprechen nur noch eine Handvoll Senioren und ein paar wenige Sprachschüler der jüngeren Generation diese Mischsprache. Die Medienwerkstatt Franken machte sich auf die Suche nach den letzten Spuren und interviewte Schopflocher im In- und Ausland, und seit längerem wird an einem lachoudisch-deutschen Wörterbuch gearbeitet.


(Patrick Charell)

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11. 1998

„Am Schabbes hat der Schoufet frei“ - Schopfloch eine Sprachinsel in Franken

Autor: Jim Tobias

Länge: 12 Min.

© Medienwerkstatt Franken

Im Oktober 1938 vertrieben die Nazis die letzten Schopflocher Juden. Das Gebäude der Synagoge wurde mit allem Inventar zerstört und danach abgerissen. In der mittelfränkischen Ortschaft existierte seit dem 16. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde. Daran erinnern heute noch das Gebäude der ehemaligen jüdischen Schule und ein im Jahr 1612 angelegter Friedhof. Neben den steinernen Relikten gibt es in Schopfloch ein weiteres außergewöhnliches Zeugnis, das die lange jüdische Tradition in der Gemeinde belegt. Das Lachoudische: Eine Geheim- und Handelssprache, die mit vielen Wörtern aus dem Hebräischen bzw. Jiddischen gespickt ist. Bis in die NS-Zeit war Lachoudisch nicht nur die Sprache der fränkischen Viehhändler, sondern wurde auch von vielen Bewohnern des Ortes gesprochen. Mit der Machtübernahme der Nazis verschwand auch die als “jüdisch“ verpönte Sprache aus dem alltäglichen Gebrauch. Heute sprechen nur noch eine Handvoll alter Männer und ein paar wenige Sprachschüler der jüngeren Generation Lachoudisch. Dem will der Schopflocher Bürgermeister entgegenwirken. Seit längerem arbeitet Hans-Rainer Hoffmann an einem Wörterbuch und versucht damit die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren. Die Medienwerkstatt Franken machte sich auf die Suche nach den letzten Spuren der geheimnisvollen Sprache. Neben dem Bürgermeister kommen Schopflocher Bürgern, die in ihrer Kindheit Lachoudisch noch als Muttersprache lernten, zu Wort. Der gebürtige Schopflocher Hans Rosenfeld, der nach New York emigrierte, berichtet in dem Beitrag über seine Erinnerungen an Franken und die Sprache seiner Jugend.

Eine Transkription des Filmes finden Sie hier: Am_Schabbes_hat_der_Schoufet_frei.pdf


Ein Bericht des Bayerischen Fernsehens in der Reihe Capriccio vom März 2021 "Lachoudisch: Ein fast ausgestorbener Dialekt in Mittelfranken" befasst sich mit dem Lachoudischen, der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Schopfloch und dem jüdischen Friedhof.



Begriffe aus dem Lachoudischen auf der Seite der Schopflocher Faschingsgesellschaft Medine. Auch das Wort Medine stammt aus dem Lachoudischen und lässt sich mit Heimat übersetzen.


Lachoudisch – Eine kleine Beispielliste

achile, achle = essen

Baleboste = Hausfrau

Duches = Gesäß

Eijze, Mekadesch = Rat

Geschem = Regen

hajoum = heute

Kasche = Problem

Oberkuechem = Besserwisser

Laechem = Brot

Majem = Wasser

Mizwefresser = Überfrommer

Niele, Soff = Ende (soffsoff = endlich)

Ponem = Aussehen, Gesicht

Rojn! = Schau!

Schliach = Bote

uebers Jomm = Amerika

Tarnegoule = Huhn

aus: Hofmann, Hans-Rainer::Lachoudisch sprechen. Sprache zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Dinkelsbühl 1998 und Judith Kessler: Borech habo in Schopfloch, Jüdische Allgemeine, 30.9.2013

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Cornelia Berger-Dittscheid: Schopfloch. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Kartin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 597-613.
  • Johannes Mordstein: „daß wür ebenfahlß Eur Hochgräffliche Excellenz gehorsame unterthanen seint.“ Partizipation von Juden an der Legislationspraxis des frühmodernen Staates am Beispiel der Grafschaft Oettingen 1637- 1806. In: Rolf Kießling, Peter Rauscher, Stefan Rohrbacher, Barbara Staudinger (Hg.) Räume und Wege Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300-1800. Berlin 2007 (= Colloquia Augustana Band 25), S. 79-105.
  • Hans-Rainer Hofmann: Lachoudisch sprechen. Sprache zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Dinkelsbühl 1998.
  • Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt am Main 1937, S. 243-247.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 176.