Ab dem später 17. Jahrhundert gibt es Nachrichten über jüdisches Leben in Schöllkrippen. So wird z.B. 1695 ein Jude namens Hayem Susmann im Zusammenhang mit einem strittigen Häuserverkauf erwähnt. Die Juden standen unter dem Schutz der Grafen von Schönborn und gehörten im 18. Jahrhundert zum Rabbinat Mainz. 1765 sind sieben zahlungspflichtige jüdische Familien im Ort verzeichnet. Sie lebten in den Ortsteilen Hofgut, Waag und Gasse und verdienten ihren Lebensunterhalt vor allem mit dem Viehhandel. Joseph Franz Bonaventura Graf von Schönborn (1708-1772) erlaubte ihnen 1768 die Einrichtung einer Synagoge. Die Grafen Schönborn stritten damals jedoch mit Kurmainz um die Abgrenzung ihrer hoheitlicher Rechte in Schöllkrippen. In diese Auseinandersetzungen wurde auch die jüdische Gemeinde involviert. Sie bekam nun von beiden Seiten Schutzbriefe ausgestellt – und Gebühren auferlegt. Erst Ende der 1780er Jahre hatten die Grafen Schönborn-Wiesentheid das Judenregal für sich gesichert; ihre Ansprüche auf die Zivilgerichtsbarkeit über die christlichen und jüdischen Untertanen wurde ihnen von der Kurmainzer Landesregierung aber weiterhin verwehrt.
Laut Vermögensverzeichnis des Vogteiamts Krombach lebten 1808 neun jüdische Haushalte mit insgesamt 50 Personen in Schöllkrippen. Sie gehörten zum neuen Bezirksrabbinat Aschaffenburg und bestatteten ihre Toten auf dem rund 20 km entfernten Verbandsfriedhof in Schweinheim. Die Kinder besuchten die katholische Elementarschule und erhielten Religionsunterricht durch einen Privatlehrer, der zugleich als Vorsänger agierte. Da es sich um keine staatlich geprüfte Lehrkraft handelte, sahen sich die Behörden immer wieder zum Einschreiten veranlasst. Die Kultusgemeinde, die finanziell sehr schlecht aufgestellt war, besaß zunächst auch kein eigenes Schulzimmer und musste dafür einen Raum anmieten. Dies und der häufige Ausfall des Pädagogen führten permanent zu Schwierigkeiten, so das die religiöse Bildung der Kinder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht gewährleistet war. Später fand der Unterricht vermutlich in einem kleinen, der Gemeinde gehörigen Gebäude südlich der Synagoge statt. Aber auch nachdem 1852 erstmals ein staatlich geprüfter Lehrer den Unterricht und das Amt des Vorsängers übernommen hatte, gab es aufgrund der schlechten Bezahlung häufige Lehrerwechsel.
Die Gemeinde beschäftigte lange Zeit einen auswärtigen Schochet. Als Mikwe wurden zwei private Tauchbäder genutzt, die sich im Hauskeller von Abraham Meier und im Schuppen auf dem Anwesen von Joseph Grünebaum befanden. Aufgrund verschiedener Probleme mit diesen Privatbädern plante man ab 1842 den Neubau einer Mikwe hinter der Synagoge an der Kahl. Er kam jedoch erst zur Erweiterung des Gotteshauses im Jahr 1869 zur Ausführung. Im Ort gab es zwei jüdische Vereine: den Wohltätigkeitsverein der Männer, der für soziale Belange und Beerdigungen zuständig war, und den 1878 gegründeten Israelitischen Frauenverein, der Hilfsangebote für Arme und Kranke leistete.
In der 2. Hälfte des Jahrhunderts warf der Viehhandel, der für die meisten jüdischen Haushalte in Schöllkrippen die Lebensgrundlage bildete, wachsende Gewinne ab. Dadurch vergrößerte sich auch die Kultusgemeinde und erreichte 1890 mit 110 Personen – das waren 13 Prozent der Bevölkerung – ihren zahlenmäßigen Höchststand. In das öffentliche Leben des Ortes waren die Israeliten gut eingebunden. Ab dem frühen 20. Jh. gehörten der Kultusvorstand Wolf Maier und der Religionslehrer Kalmann Wahler zur Honoratiorenvereinigung "Club – Gesellschaft". Von 1906 bis 1930 war die Kultusgemeinde jeweils mit einer Person im Gemeinderat vertreten. Im Ersten Weltkrieg ließen drei jüdische Mitbürger aus Schöllkrippen ihr Leben. Das kleine Gebäude südlich der Synagoge, das wie erwähnt wohl als Schulraum gedient hatte, wurde um 1925 veräußert und dafür ein Haus neben dem Forstamt erworben (heute nicht mehr vorhanden). Zu jener Zeit hatte sich die Mitgliederzahl der Kultusgemeinde schon auf 57 Personen reduziert.
Die guten Beziehungen zwischen Christen und Juden wurden bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten durch antisemitische Hetzkampagnen gestört. Ab 1934 kam es zu Boykottmaßnahmen und Sachbeschädigungen jüdischer Einrichtungen im Ort. Die SA veranstaltete Umzüge, zu denen judenfeindliche Parolen und Lieder gegrölt wurden. In der Nacht vom 28. auf 29. Oktober 1934 schändeten zwei Täter die Torarollen der Kultusgemeinde. Im Zusammenhang mit dieser Tat verhaftete die örtliche Gendarmerie zwei SA-Leute, konnte ihnen aber nichts nachweisen. Bis Mitte 1936 gelang es der Partei und den Behörden jedoch nicht, die israelitischen Kaufleute aus ihren angestammten Berufszweigen, dem Vieh- und Textilhandel, zu verdrängen. Denn die Einwohner bevorzugten weiterhin jüdische Geschäfte und Händler, da diese auch Kredite gewährten und bessere Preise bezahlten.
Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei und die Verhaftung vieler dort ansässiger Juden trat auch in Schöllkrippen der Hass gegen die Israeliten hemmungslos zutage. Der Gemeinderat beriet Anfang Oktober 1938 öffentlich über die Enteignung und Nutzung des Eigentums der jüdischen Mitbürger im Ort. In der Nacht vom 9. auf 10. November wütete der Mob, plünderte und zerstörte die jüdischen Häuser und Wohnungen und zerschlug die Inneneinrichtung der Synagoge. Anschließend wurden die jüdischen Männer verhaftet, einige von ihnen in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Anderen gelang es noch, ins Ausland zu emigrieren oder in die Großstädte auszuwandern. Anfang 1939 verließen die letzten jüdischen Einwohner den Ort. Ihre Besitzungen wurden von der Gemeinde konfisziert. In der Folgezeit hat man die ehemaligen jüdischen Gebäude für die Gemeindeverwaltung, als Kindergarten und zur Unterbringung französischer Kriegsgefangener verwendet. Mindestens 18 Jüdinnen und Juden aus Schöllkrippen wurden Opfer der Shoah.
Vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Aschaffenburg fand 1951 die Hauptverhandlung gegen die Angeklagten des Novemberpogroms in Schöllkrippen statt. Die Beweisaufnahme hatte sich als äußerst schwierig erwiesen, da kaum einer der ortsansässigen Bürger zur Aussage über die Vorgänge bereit gewesen war. Zwei der Täter erhielten Haftstrafen von einem Jahr bzw. neun Monaten. Die übrigen drei Angeklagten wurden aufgrund der Weihnachtsamnestie 1949 nicht belangt.
Das 1967 errichtete Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege erhielt eine Gedenktafel für die jüdischen Bürger aus Schöllkrippen, die Opfer des Holocaust geworden waren. 1988 hat man gegenüber der einstigen Synagoge einen Denkmalstein aufgestellt, der an die Zerstörung des jüdischen Gotteshauses erinnert. Der Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Schöllkrippen“ sammelte jahrelang Informationen über die jüdische Ortsgeschichte, veröffentlichte dazu 2011 eine Broschüre und veranstaltete Ausstellungen über die NS-Zeit. Auf dessen Initiative verlegte der Künstler Gunter Demnig (*1947) im Jahr 2011 zehn Stolpersteine zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Schöllkrippen. Gästeführer entwickelten daraufhin eine szenische Marktführung, die das frühere Zusammenleben von Juden und Christen im Ort zum Thema hat und 2012 erstmals stattfand. Die Kommune Schöllkrippen beteiligt sich am Projekt DenkOrt Deportationen mit zwei Gepäckstücken: Eines erweitert das zentrale Mahnmal auf dem Würzburger Bahnhofsplatz, das Gegenstück vor Ort erinnert an die deportierten Opfer der Shoah.
(Christine Riedl-Valder)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Axel Töllner /Cornelia Berger-Dittscheid: Schöllkrippen. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 112-121.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 209.
