1478 erwarb eine Ganerbenschaft aus 44 fränkischen Rittern die Burg Rothenberg im Osten von Schnaittach mitsamt der dazugehörigen Grundherrschaft. Vertraglich übernahmen sie damit auch den Judenschutz. Im frühesten Urbar aus dem Jahr 1478 sind in Schnaittach die zwei Juden Abraham und Isaac als Einwohner belegt. Als Abgaben hatten sie „12 keß, 2 herbsthuhner, 2 vastnachtshüner, 4 frontag“ zu leisten. Um das Gebiet wirtschaftlich zu stärken, förderten die Ganerben ausdrücklich die weitere Ansiedlung von Juden, wobei die ersten Familien wohl nach 1499 als Flüchtlinge aus Nürnberg gekommen waren.
Bereits im 16. Jahrhundert entwickelte die jüdische Gemeinde ein aktives religiöses Leben, das über die Ortsgrenzen hinaus ausstrahlte. So nahm der humanistisch gesinnte Pfarrer der Nürnberger Lorenzkirche, Andreas Osiander (1498-1552) den jüdischen Schulmeister Wölfflein aus Schnaittach bei sich auf und lernte von ihm Aramäisch. 1537 wird der bedeutende jüdische Friedhof in Schnaittach erstmals urkundlich erwähnt, wobei der älteste bislang bekannte Grabstein auf das Jahr 1568 datiert. Die Begräbnisstätte diente nicht nur den jüdischen Gemeinden im Herrschaftsgebiet Rothenberg als Verbunds-Friedhof, sondern bis 1607 auch den fürstbischöflich-bamberger Schutzjuden in Fürth. Wohl um 1569/70 wurde eine erste Synagoge in der heutigen Museumsgasse 12 errichtet, zumindest weist darauf eine hebräische Inschrift an der westlichen Außenmauer hin. Im Zinsbuch von 1570 sind bereits Abgaben aufgelistet, die für das neue Gotteshaus zu leisten waren: „Judenschulhaus giebt Jherlich Khees 12, Herbsthennen 2, Vastnachthennen 2, Fronntag mit der Hand 4“. Das nebenstehende Anwesen (heute Museumsgasse 18) diente ab 1610 als Schulklopferhaus, wobei es sich im Lauf der Zeit zu einer Herberge für durchreisende arme Juden und zum „Spital“ für notleidende Gemeindemitglieder entwickelte. Bis 1689 blieb es in Gemeindebesitz, danach gehörte es bis 1882 wechselnden jüdischen Privateigentümern. Am 22. November 1575 wollte Burggraf Hans Ludwig von Schaumberg als Oberhaupt der Ganerbenburg Rothenberg die Juden aus dem Gebiet vertreiben lassen. Er scheiterte jedoch am geschlossenen Einspruch der restlichen Erbengemeinschaft, die den Verlust ihrer Einnahmen fürchtete. Der erste namentlich bekannte Schnaittacher Rabbiner ist Isaak ben Abraham Juda, der im Jahr 1603 an der großen Rabbinerversammlung in Frankfurt am Main teilnahm. Ihm folgte ab circa 1615 Matitjah Liebermann, zu dessen Zeit bereits eine Jeschiwa im Ort bestand. Sie bestand über das gesamte 17. und 18. Jahrhundert, der Unterhalt der Religionsstudenten wurde von den Schnaittacher und Ottensooser Juden gemeinsam bestritten.
Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) bedeutete für die jüdische Gemeinde einen schweren Einschnitt. Zwar blieben sie durch vor Einquartierungen und anderen Drangsalen befreit, dennoch wurden sie durch hohe Sondersteuern und durchziehende Truppen „vfs äusserste ruiniert vnd vnsere Häuser fast zu grund verderbt“. Daher lebten 1644 im gesamten rothenbergischen Land nur noch zehn jüdische Familien. Doch nach dem Friedensschluss erholte sich Schnaittach, und ab den 1650ern war der Ort nachweisbar wieder Sitz eines Rabbinats. Eine Gemeindeordnung des Rabbiners Model Levi ben David, auch Mordechai Model genannt, blieb bis ins 19. Jahrhundert gültig. Zusätzlich zu den vier Gemeinden Ottensoos, Schnaittach, Forth und Hüttenbach („Aschpah“) betreuten die Rabbiner in den kommenden zweihundert Jahren noch wechselnde Gemeinden außerhalb des Rothenberger Gebiets.
Neben dem Amt eines Rabbiners gab es in Schnaittach stets einen Vorsänger und einen Schulklopfer. Zuweilen versahen zusätzliche Vizerabbiner ihren Dienst in der Gemeinde. Für den Unterricht der jüdischen Kinder stellte die Gemeinde Privatlehrer an. Ab dem Jahr 1661 gehörte die Herrschaft Rothenberg durch Kauf zum Kurfürstentum Bayern, jedoch konnten die Wittelsbacher erst 1698 den vollen Preis aufbringen. Das rettete erneut die Existenz der jüdischen Gemeinden, weil sich die Ganerbenschaft im Jahr 1670 dem Versuch einer Vertreibung der Juden abermals widersetzte. Durch die Vermittlung der Regierung in Amberg bekamen die Juden alle 15 Jahre (gegen hohe Gebühren) neue Schutzbriefe des Kurfürsten ausgestellt. In das Jahr 1738 fällt ein Ausbau der Synagoge, der einem völligen Neubau nahekam. 1757 wurde ein Brunnen am jüdischen Friedhof angelegt, 1762 ein Taharahaus erbaut. Im 18. Jahrhundert kamen einige Hoffaktoren und Staatslieferanten aus Schnaittach: Zu ihnen gehörte Anschel Levi, zwischen 1749 und 1770 Barnoss, ab 1770 der Oberbarnoss (1. Vorstand) seiner Gemeinde. Ebenfalls ein langjähriges Vorstandsmitglied war Seligmann Löw, der als „Reichs-Contingents Lieferant“ während des Siebenjährigen Krieges die kaiserlich-habsburgische Armee belieferte. Spätere stieg auch sein Sohn gleichen Namens zum bayerischen Hoffaktor auf. Dies darf jedoch nicht über die tatsächliche finanzielle Situation der Schnaittacher Juden hinwegtäuschen, die in ihrer Mehrheit unvermögend und arm waren. Das Pflegamt Schnaittach berichtete am 10. September 1799: „Immerhin berechne ich diese Besitzungen [Synagoge, Rabbinerhaus, Schulklopferhaus, Friedhof] so hoch, daß ich gewis bin, wenn sie es nicht schon hätten, so könnten selbe nicht mehr so leicht erkaufen, und sicher bin ich, daß sie selbe über den wahren Werth bezahlen müßten. Denn in der ganzen Behandlungs Art, die man den Juden von jeher erfahren ließ, findet sich eine gewiße Art Intoleranz, die ihnen alles erschwerte“.
Im Jahr 1809 zählte die jüdische Gemeinde 242 Seelen in 21 Haushalten, rund 25% der Gesamtbevölkerung. Mit den 1829 eingeführten Hygieneregeln für Ritualbäder wurde auch in Schnaittach der Bau einer neuen Mikwe notwendig: Bis circa 1834 errichtete die Kultusgemeinde ein neues Schulgebäude mit Lehrerwohnung und beheizbarer Mikwe (heute Museumsgasse 10). Schon beim Abschluss der Bauarbeiten hatte man die Religionsschule zu einer jüdischen Elementarschule erweitert, die 1840/41 von 41 Werktags- und 21 Feiertagsschüler besucht wurde. Weil der Verbundfriedhof trotz einer Erweiterung im Jahr 1815 an seine Kapazitätsgrenzen stieß, kaufte die Gemeinde am 16. Februar 1834 den Brüdern Michael und Johann Schnelbögl einen gegenüberliegenden Acker ab, um dort den zweiten jüdischen Friedhof anzulegen. Von 1826 bis 1867 wirkte der Rabbiner Juda Wolf Neckarsulmer in Schnaittach. Er erlangte überregionale Bekanntheit, weil er 1838 im Auftrag der Regierung eine allgemeine Synagogenordnung für den damaligen Rezatkreis erstellte. Seine reformorientierten Vorgaben, unter anderem die Einführung von Sitzbänken, stießen sogar in seinem eigenen Rabbinat auf Kritik. Ein unbekannter Autor vermerkte daher 1851 in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums: „Schnaittach, eine der ältesten baierischen Gemeinden, wohlhabende und dem Fortschritt huldigende Gemeindemitglieder in großer Menge zählend, lebt in beständigem Unfrieden mit seinem Rabbiner Herrn Neckarsulmer und tragen, wie immer in solchen Fällen, beide Theile die Schuld“. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts schrumpfte die Kultusgemeinde durch Aus- und Abwanderung. Von 1800 auf 1900 hatte sich ihre Zahl halbiert, von 110 auf 53 Männer, Frauen und Kinder. Dadurch verknappten auch die Mitgliedsbeiträge, aus denen sich die laufenden Gemeindeaufgaben finanzierten. Die jüdische Elementarschule wurde bereits 1872 aus Kostengründen wieder geschlossen. Weil beim mittleren Friedhof nach seiner Vollbelegung nicht möglich war, erwarb die Jüdische Gemeinde im Jahre 1897 ein drittes Grundstück in unmittelbarer Nähe. Das alte Taharahaus wurde abgebrochen und große Teile des Mauerwerks für die Errichtung eines neuen auf dem dritten Friedhof wiederverwendet. Der Unterhalt der drei Begräbnisstätten belastete die Schnaittacher Juden so sehr, dass sie für notwendige Reparaturen um Spenden und staatliche Subventionen bitten mussten.
Im Ersten Weltkrieg fielen Moritz Prager, Julius Vetzburg und Jakob Krämer, denen später eine Gedenktafel in der Synagoge gewidmet wurde. Das 1923 gegründete kommunale Heimatmuseum hatte seine ersten Räumlichkeiten bis 1929 im Haus des jüdischen Viehhändlers Leopold Prager (heute Marktplatz 14) und erhielt bereits damals viele Objekte mit jüdischer Provenienz als Schenkung übereignet.
Am 1. Juli 1925 wurde Julius Goldstein aus Reichelsheim als gemeinsamer Religionslehrer für Schnaittach, Ottensoos und Hüttenbach angestellt, außerdem übernahm er in Schnaittach das Amt des Vorsängers und Schächters. Zu dieser Zeit bestand die Kultusgemeinde nur noch aus 40 Personen. Trotz des Verkaufs ihres Schulgebäudes geriet die Kultusgemeinde immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten, Gottesdienste konnten nur noch bedingt stattfinden. Trotz oder gerade wegen dieser Widrigkeiten war die kleine Gemeinde fest im Alltag integriert und engagierte sich für das gemeinsame Wohl. Exemplarisch steht Frau Emma Ullmann für das selbstverständliche Zusammenleben beider Religionen in Schnaittach, wodurch die NSDAP bis zur Machtübernahme 1933 einen schweren Stand hatte: Sie war Mitglied im Stenographenverein, im Gesellschaftsverein Fidelitas und im Theaterverein Edelweiß Schnaittach. Im Krämerladen ihres Wohnhauses (heute Nürnberger Straße 132) verkaufte sie Haushalts- und Schreibwaren, Wäsche, Spielwaren, Saisonartikel sowie christliche und jüdische Devotionalien!
Im Herbst 1938 lebten nur noch 4 Familien und 3 ledige bzw. verwitwete Personen jüdischen Glaubens im Ort. Am Abend des 9. November fand im Saal der „Julius-Streicher-Kampfbahn“ (heute Badstraße 2 und 4) eine Kundgebung zum Gedenken an den gescheiterten Ludendorff-Hitler-Putsch statt. Im Anschluss brach ein gewalttätiges Pogrom gegen die jüdischen Einwohner aus, die Synagoge wurde gestürmt und gebrandschatzt, die Privathäuser demoliert. Nach der Brandstiftung trieben SA-Leute die Juden auf dem Marktplatz zusammen und verhafteten sie. Emma Ullmann widersetzte sich lautstark der Festnahme, wofür sie am nächsten Morgen nicht freigelassen, sondern wegen „Spionage“ angeklagt und nach Nürnberg verschleppt wurde. Dort starb sie am 12. November, als Todesursache nannte der Gerichtsmediziner „Selbstmord durch Erhängen“. Zwangsweise mussten die übrigen Familien ihren Besitz verkaufen und Schnaittach verlassen. Am 15. November 1938 verkauften die letzten Gemeindevorstände Mayer Wolf und Simon Freimann die Synagoge, das Taharahaus, Rabbiner- und Vorsängerhaus an die Marktgemeinde Schnaittach für einen Spottpreis von insgesamt 100 RM. Die Grabsteine der verlassenen jüdischen Friedhöfe wurden auf Anordnung des Bürgermeisters schrittweise entfernt und teilweise als Baumaterial verwendet, unter anderem für eine Mauer entlang der „Straße der SA“ (heute Simonshofer Straße). Die Zerstörung wurde gestoppt, als auf Betreiben des Direktors des Heimatmuseums, Gottfried Stammler (1885-1959), die Begräbnisstätten amtlich unter Denkmalschutz gestellt wurden. Dadurch sind im jüngsten Abschnitt fast alle Steine, im ältesten noch rund die Hälfte der Steine vorhanden.
Als letzter Schnaittacher Jude wurde Heinrich Freimann 1952 auf dem neuen Friedhof beerdigt und im gleichen Jahr ein Gedenkstein errichtet. Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 erstellte das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion . Von Nürnberg aus verbindet sie drei typische jüdische Landgemeinden in der Fränkischen Alb (Schnaittach-Hüttenbach-Tüchersfeld), Gesamtstrecke 142km.
Erst 1997 kamen die Grabsteine von der Simonshofer Straße auf die Friedhöfe, weitere zehn wurden im Jahr 2000 aus dem Schnaittach-Bach gezogen, wo man sie zur Regulierung eingefügt hatte. Sie bekamen eine eigene Gedenkplatte an der Westmauer des zweiten jüdischen Friedhofs. Weitere Steine wurden später noch von Privatpersonen abgegeben. Um ihre Zuordnung und Übersetzung kümmerte sich ab 2005 Dr. Andreas Angerstorfer von der Universität Regensburg. Schülerinnen und Schülern der Mittelschule erforschten die Biografien von 20 ermordeten Schnaittacher Jüdinnen und Juden; denen im Jahr 2006 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig (*1947) gewidmet wurden.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas: Schnaittach. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Kartin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 575-596.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 190.
Weiterführende Links
- Exkursion: Jüdische Landgemeinden in der Fränkischen Alb (Haus der Bayerischen Geschichte)
- Gemeinde Schnaittach (Alemannia Judaica)
- Gemeinde Schnaittach (Alicke - Jüdische Gemeinden)
- Jüdisches Museum Franken in Schnaittach
- Israelitische Kultusgemeinde Schnaittach (Central Archives for the History of the Jewish People Jerusalem )
- Museumsgasse 14/16: Ehemalige Synagoge, Rabbinerhaus und jüdisches Schulhaus, (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Jüdisches Wohnhaus mit Mikwe (Bayerischer Denkmal-Atlas)
