Jüdisches Leben
in Bayern

Schlipsheim/Neusäß Gemeinde

In Schlipsheim, heute ein Ortsteil von Neusäß, bildete sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde, die zu keiner Zeit mehr als 50 Mitglieder zählte. 1701 schloss die Ortsherrschaft, die Familie Rehlingen, mit den ortsansässigen Juden einen Vertrag über deren Anteil an der gemeinschaftlichen Weide und am Hirtenlohn. Gleichzeitig begann der Bau des bis in das 20. Jahrhundert so genannte "Judenhaus" (heute Schlipsheimer Straße 124, 126, 128). Ursprünglich mehrere kleinere Gebäude in einem Garten wurde darauf ein langestrecktes zweistöckiges Gebäude, um den jüdischen Familien, die Schutz genossen, eine Unterkunft zu bieten. Haupterwerbszweig war der Pferdehandel, wobei die Augsburger Märkte zunächst noch verschlossen blieben.




Das "Judenhaus" hatte zunächst die Aufgabe einer Vermögensanlage. Die Mietverträge waren auf zehn Jahre befristet und immer vom Wohlwollen der Ortsherrschaft abhängig. Seit 1745 ist in dem Gebäude auch ein "Schul" bzw. Synagoge mit Gebetsständen nachgewiesen. Seit 1733 gab es auch zeitweise einen Vorsänger und Lehrer. Auch ein Ritualbad wird zu dieser Zeit genannt. Um 1747 rechnete man mit einer jüdischen Gemeinde mit 30 bis 45 Mitgliedern. Als 1747 der Schlipsheimer Zweig der Rehlingen ausstarb, ist in der Folgezeit nicht klar, ob die jüdischen Familien das "Judenhaus" wieder verlassen mussten. Aber bereits 1764 war in diesem Gebäude kein Platz mehr frei. Als 1784 das Stift Heilig Kreuz die Niedergerichtsbarkeit in Schlipsheim übernahm, zählte man neun bis zehn jüdische Familien. Das das Kloster keinerlei Bauunterhalt tätigte, war das Gebäude 1805 vom Einsturz bedroht. Den Schlipsheimer Juden gelang es in diesem Jahr, für 500 Gulden das Gebäude zu erwerben. Eine Gebäudeaufstellung von 1835/40 zeigt, das jeder Hausanteil ein Neuntel umfasst, auch das Ritualbad wurde jeweils mit einem Neuntel Anteil pro Wohnung gerechnet. Ein eigener Betsaal und eine Mikwe waren vorhanden, über die Ausstattung ist jedoch nichts bekannt. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinat Augsburg-Kriegshaber, wo auch die Verstorbenen beerdigt wurden.

In der Publikation Augsburg in seiner ehemaligen und gegenwärtigen Lage wurde 1818 Schlipsheim als ein Ort beschrieben, der von Juden bewohnt sei. Bemerkenswert sei: "Man findet hier einen Israelitischen Opticus, der gute Augengläser macht". Bei diesem Optikerhandelte es sich wahrscheinlich um ein Mitglied der Familie Heinemann. Im Intelligenzblatt der Königlich Bayerischen Stadt Nördlingen wurde 1832 bei den Fremdenanzeige aufgeführt: "Opticus Hr. Heinemann aus Schlipsheim". Ein weiteres Mitglied dieser Familie war David Heinemann (Schlipsheim 1819 - 1902 München), der als Mater tätig war und eine Kunsthandlung gründete. Die Größe der jüdischen Gemeinde blieb, auch aufgrund der räumlichen Situation, unverändert. Das Königlich Bayerisches Intelligenz-Blatt für den Ober-Donau-Kreis zählte 1820 106 christliche und 11 jüdische Familien.

Ein weiteres Gemeindemitglied, Aron Fränkl, "Israelitischer Schuldienst-Exspectant" aus Schlipsheim wurde auf den Posten des israelitischen Schul- und Religionslehrer-Dienst in Altenstadt befördert, so 1828 das Königlich Bayerisches Intelligenz-Blatt für den Ober-Donau-Kreis. Die Verhältnisse der im "Judenhaus" wohnenden Familien warteilweise prekär. 1831 war die jüdische Hausierhändlerswitwe Sara Fränkl, eine der Anteilseigner des "Judenhauses", in Schlipsheim verstorben. Das "Erbe" mit 100 Gulden Passiva überstieg die Aktiva, wie die Augsburger Ordinari Postzeitung 1831 berichtete. Die jüdische Gemeinde Schlipsheim haftete für eine Hypothek von 400 Gulden, davon 250 Gulden an den Hoffaktor Veit Kaula von Kriegshaber (Augsburger Postzeitung 1834). Ein kleines Zeichen von Anerkennung war der Dank der Verwaltung der politischen Gemeinde Schlipsheim bei allen Christen und Israeliten der umliegenden Dörfer für Hilfe bei einem Großfeuer (Augsburger Tagblatt Juni 1839). Seit den 1840er Jahren kam es zur Auflösung der kleinen Schlipsheimer Gemeinde. Deutliches Zeichen sind die Verkäufe der Kleinwohnungen der jüdischen Besitzer an katholische Eigentümer. 1852 lebten hier 40 Personen, darunter 22 Christen. 1876 wurden die beiden letzten Anteile an christliche Interessenten verkauft. Die jüdische Gemeinde Schlipsheim war schon lange im Rabbinat Kriegshaber an die Gemeinde Steppach angeschlossen. Bis in die 1860er Jahre hatten fast alle Familien das Dorf verlassen und waren zumeist nach Augsburg gezogen, wo die wirtschaftlichen Beziehungen günstiger waren. Als sich Steppach 1873 mit Augsburg vereinigte, war formell auch das Ende der Schlipsheimer Gemeinde gekommen.

Literatur

  • Schlipsheim. In: Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 1: Aach – Groß-Bieberau. Gütersloh 2008, Sp. 183.
  • Peter Fassl (Hg.): Dokumentation zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben. II. Hausbesitz um 1835/40, bearbeitet von Doris Pfister. Augsburg 1993, S. 173f.
  • Gerhard Hetzer: Anmerkungen zur Geschichte der Judensiedlungen in Steppach und Schlipsheim. In: Neusäß. Die Geschichte von acht Dörfern auf dem langen Weg zu einer Stadt, Neusäß 1988. S. 239-260.