Nicht nur in umliegenden Dörfern, auch in der Stadt Ochsenfurt existierte im Hochmittelalter eine jüdische Kultusgemeinde. Die namentliche Nennung des Vorbeters Elija weist auf das Bestehen einer Synagoge im 13. Jahrhundert hin. Die frühesten Nachrichten über jüdisches Leben in Ochsenfurt stammen aus dem Jahr 1298, in dem die Familien am Ort Opfer des Rintfleisch-Pogroms wurden. Nachdem im Hochstift Würzburg 1336 die Armleder-Verfolgung in Franken gewütet hatte, war die jüdische Gemeinde erloschen. Erst 1377 sind wieder Juden in der Stadt aktenkundig, die sich überregional im Finanzgeschäft betätigten.
Im 15. Jahrhundert lebten wohl erneut keine Juden mehr in Ochsenfurt, und vom 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts verhinderte ein fürstbischöfliches Ansiedelungsverbot ohnehin die Niederlassung jüdischer Personen. 1589 wurden die Stadtbewohner erstmals unter schweren Strafandrohungen angewiesen, mit Juden keine Geschäfte mehr abzuschließen. Diese konnten zwar die meiste Zeit über ihre Waren auf den Jahr- und Wochenmärkten der Stadt anbieten, doch herrschte zeitweise ein strenges Hausierverbot. Die Anordnung wurde 1676 und 1774 erneuert. In den Quellen des Stadtarchivs erscheinen mehrfach jüdische Händler aus Goßmannsdorf, die ihre Habe und Wertgegenstände während der Kriegszeiten (z. B. 1673 und 1759 usw.) hinter den Stadtmauern einlagern konnten – hierfür mussten sie allerdings bezahlen.
Weil das Bayerische Judenedikt von 1813 die Vergabe von Matrikeln vorsah und dabei nach Möglichkeit keinen neuen jüdischen Ansiedelungen erlaubte, blieb den frisch gebackenen bayerischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens das Wohnrecht in Ochsenfurt auch weiterhin verwehrt. Erst ab 1861 konnten sich mit der neu erworbenen Freizügigkeit Juden in der Stadt niederlassen. Am 21. Dezember 1870 wurde in Ochsenfurt der jüdische Hausierer Seligmann Bär das Opfer eines Raubmords. Die Polizei ermittelte und durchsuchte bereits am 19. Januar 1871 das Haus des Schusters Pfeufer, fand die Leiche, stellte das geraubte Gut bei verschiedenen Familienmitgliedern sicher und verhaftete den erst 19jährgen Peter Eck, einen „schlecht beleumdeten Bursche[n]“. Von diesem überregional Aufsehen erregenden Verbrechen abgesehen, spielte die jüdische Kultur im Stadtbild bis ins 20. Jahrhundert quasi keine Rolle. 1875 lebten bei 2445 Einwohnern nur zwei Juden in der Kleinstadt, 1910 waren es fünf bei 3449.
Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung blieb die Zahl der Jüdinnen und Juden auch im 20. Jahrhundert gering. Eine Kultusgemeinde oder eine vereinsmäßig organisierte Gemeinschaft entstand daher nicht.
Allerdings befanden sich unter den Wenigen zwei geschickte Unternehmer: Der gebürtige Nürnberger Samuel Rau errichtete 1871 in Ochsenfurt eine Malzfabrik und war 1912 der der größte Steuerzahler der Kleinstadt, und das 1898 eröffnete Dampfsägewerk Fleischmann & Sohn am Floßhafen beeinflusste die ganze Infrastruktur am Binnenhafen (die Fleischmanns wohnten aber in Würzburg).
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 litten die jüdischen Ochsenfurter Gewerbebetreibende unter den zunehmenden sozialen wie auch wirtschaftlichen Repressalien. Neue Beschlüsse des gleichgeschalteten Stadtrats verwehrten jüdischen Viehhändlern den Zugang zu den Märkten der Stadt. 1935 wurde entschieden, dass jeder Bürger, der mit Juden Handel trieb oder Geschäfte abschloss, von der Zuteilung von Pachtgrundstücken ausgeschlossen wurde. SA-Schläger bedrohten die Familie Rau so lange, bis sie die Stadt verließ. Ihre große Malzfabrik wurde 1938 "arisiert". Nach den Gräueltaten des Novemberpogroms kamen etliche Männer jüdischen Glaubens aus Aub, Acholshausen, Goßmannsdorf und anderen umliegenden Orten in das Gefängnis von Ochsenfurt, und von dort in das KZ Dachau. Insgesamt sechs Menschen jüdischen Glaubens aus Ochsenfurt starben in der Schoa.
Persönlicher Dank geht an Georg Menig M.A., Stadtarchiv Ochsenfurt, für die freundliche Unterstützung.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit A85), S. 112.
- Joachim Braun: Juden in Ochsenfurt. Ein Beitrag zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938. Ochsenfurt 1988 (= Ochsenfurter Geschichte 11).
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 239.
- K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36). S. 210.
