Möglicherweise lebten bereits im 16. Jahrhundert Juden in Oberlauringen, die 1555 aus der rund 20 Kilometer entfernten Reichsstadt Schweinfurt vertrieben worden waren. Urkundlich nachweisbar sind 17 Schutzjuden mit ihren Familien im Amt Lauringen, zu dem mehrere Ortschaften gehörten, allerdings erst 1675. Die Ansiedlung von Juden in Oberlauringen, das seit den 1670er Jahren unter der Herrschaft von Freiherr Joachim Truchseß von Wetzhausen stand, belegen Kirchenrechnungen von 1678 und 1679. Ende des 17. Jahrhunderts lebten 15 Juden in Oberlauringen.
Im 18. Jahrhundert schweigen die Quellen zu den Oberlauringer Juden weitgehend. Aktenkundig wurden 1763 und 1764 zwei Juden aus Oberlauringen, die in Göttingen als Hausierer mit optischen Gläsern handelten. Rund 30 Jahre später erwarben die Oberlauringer Kaufleute Wolf Levi und Jesekel 1796 und 1797 Zollzeichen des Hochstifts Würzburg, um Handel treiben zu können. Ende des 18. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde Oberlauringen Mitglied der Korporation der Grabfelder Landjudenschaft, die in Burgpreppach einen eigenen Oberrabbiner unterhielt.
Zwischen 1792 und 1802 lebte der spätere Dichter Friedrich Rücker (1788-1866) im Ort, dessen Vater in Oberlauringen als Amtmann des Freiherrn Carl August Truchseß von Wetzhausen tätig war. In seinen 1829 verfassten „Erinnerungen aus den Kinderjahren eines Dorfamtmannssohns“ zählte Rückert die Ansiedlung von Juden durch den Dorfherrn zu dessen Misserfolgen und verglich die Juden in dem antisemitisch gefärbten Gedicht „Die Bauern und ihr gnädiger Herr“ mit Blattläusen. Antisemitisch gefärbt ist auch Rückerts 1812 entstandenes Märchen „Vom Bäumlein, das andere Blätter gewollt“, in dem ein jüdischer Kaufmann auf dem Nachhauseweg einen Baum aus Habgier seiner goldenen Blätter beraubt. Als das Märchen nach Rückerts Tod Eingang in die Schullesebücher fand, kritisierten jüdische Intellektuelle die antisemitische Tendenz des Gedichts. Schließlich wurde 1895 in der 10. Auflage des „Deutschen Lesebuchs für höhere Lehranstalten“ der jüdische Kaufmann durch einen nicht näher spezifizierten Händler ersetzt.
Um 1800 gehörten rund 20 Prozent der Oberlauringer der jüdischen Gemeinde an. Der jüdische, annähernd quadratische Wohnbezirk im Südwesten des Dorfs war durch die Lauer von der anderen, nordöstlichen Hälfte des Dorfs getrennt, die in einem Halbkreis um die lutherische Heilig-Geist-Kirche lag. 1803 wohnten 32 jüdische „Beisassen“ mit ihren Familien in Oberlauringen, über die Carl August Truchseß von Wetzhausen, der jährlich 150 Gulden Schutzgeld erhielt, die Schutzherrschaft ausübte. Zehn Jahre später lebten laut einer Volkszählung von 1813 110 Jüdinnen und Juden in Oberlauringen. Die Gemeinde wurde dem Distriktsrabbinat Burgpreppach zugeteilt. Bis 1832 bestattete die Gemeinde ihre Verstorbenen auf dem Verbandsfriedhof in Kleinbardorf, danach besaß sie einen eigenen Friedhof. Nachdem in Stadtlauringen einige jüdische Personen zugezogen sind (insbesondere Familie Hirschberger), zählten auch diese zur Gemeinde in Oberlauringen (Höhepunkt 1925: 6 Personen).
Unklar bleibt, wo beispielsweise der 1811 als Lehrer erwähnte Markus Löb Religionsunterricht erteilte. Auch der in der Sekundärliteratur zu findende Hinweis auf eine 1825 in Oberlauringen eröffnete Religionsschule ließ sich bisher quellenmäßig nicht belegen. Möglicherweise war die Religionsschule auf dem Gelände der späteren Synagoge untergebracht und als Mehrzweckraum für Unterricht und Gottesdienst bestimmt. 1817 existierten laut der Judenmatrikel in Obelauringen 28 jüdische Haushalte, die hauptsächlich vom Vieh-, Schnitt- und Schacherhandel lebten. 1825 gab es drei koschere Metzger im Ort. Von der Emanzipation waren die Juden noch weit entfernt: Beispielsweise wies die Regierung von Unterfranken 1835 den Antrag des Oberlauringer Seifensieders und Lichterziehers Bär Brückner ab, ihm das "Rezeptions- und Schutzgeld" zu erlassen, da die Juden im Königreich Bayern noch nicht das volle Staatsbürgerrecht besäßen und deswegen die Erhebung des „Rezeptions- und Schutzgelds“ nicht verfassungswidrig sei.
Drei Mitglieder der Oberlauringer Familie Steinhäuser verließen den Ort, um als Lehrer tätig zu werden: Während Abraham Steinhäuser nach seiner Ausbildung an der Höchberger Präparandenschule und am Würzburger Lehrerseminar unter anderem als Lehrer in Magdeburg wirkte, leitete Selig Steinhäuser von 1914 bis 1931 die Höchberger Anstalt und bekleidete nach der Zusammenlegung der Präparandenschule mit der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt (ILBA) das Amt des Stellvertretenden Schulleiters. 1943 wurde Selig Steinhäuser in Auschwitz ermordet. Am Untermain war der im 1. Weltkrieg gefallene Simon Steinhäuser als Religionslehrer tätig.
Nachdem die israelitische Kultusgemeinde die Errichtung einer eigenen Elementarschule beantragt hatte, genehmigte die Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg am 1. Januar 1871 die Eröffnung der jüdischen Volksschule in den Räumen der bisherigen Religionsschule. Dort war bis zu seinem Tod 1894 als Lehrer Moses Löb Ledermann tätig. Die Aufsicht über die neue Schule, die Mitte der 1870er Jahre 38 Schüler besuchten, übte der in Rügheim ansässige Lokal- und Distriktsschuldirektor aus. Nachdem die Kultusgemeinde im Herbst 1876 den Neubau des Schulhauses beschlossen hatte, war das nach einem Plan der Königshöfer Bauunternehmer Schunk & Trott durchgeführte Bauprojekt am 25. Januar 1879 abgeschlossen. Im Erdgeschoss standen dem Lehrer für den Unterricht nun ein großes Klassenzimmer und ein Arbeitszimmer zur Verfügung.
1895 trat Simon Goldstein die Nachfolge Ledermanns als Lehre in Oberlauringen an, wo er bis zu seiner Pensionierung am 1. September 1917 unterrichtete. Seit Gründung der Elementarschule hatte sich die Zahl der Kinder im Schuljahr 1897/1898 um die Hälfte auf 20 Kinder am Werktag und sechs Kinder am Sonntag annähernd halbiert.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten die meisten Oberlauringer Juden vom Viehhandel und pflegten deswegen auch überregionale Geschäftskontakte. Beispielsweise kam der Berliner Viehgroßhändler Louis häufig nach Oberlauringen, um dort mehr als 100 Rinder zu erwerben, die er mit dem Zug abtransportieren ließ. Zu den wohlhabenden Oberlauringern zählte um 1900 der Metzger und Viehhändler Kullmann/Kallmann Strauß, der jährlich einen Gewinn in Höhe von 6000 bis 7000 Mark erwirtschaftete. Sein Sohn Ignaz Strauß hatte die 1861 erfolgte Aufhebung der Matrikelpflicht genutzt, um sich in der Kleinstadt Königshofen im Grabfeld niederzulassen. Dort war er erfolgreich als Viehhändler tätig und verfügte über ein geschätztes Vermögen von mindestens 30 0000 bis 40 000 Mark.
Im 1. Weltkrieg fielen vier Oberlauringer Juden. Als der Lehrer Simon Goldstein 1917 pensioniert wurde, hatte sich die Zahl der jüdischen Volksschüler erneut reduziert. Dennoch wollte die Kultusgemeinde ihre Schule trotzdem fortführen. In den 1920er Jahren wechselten die in Oberlauringen tätigen Lehrer häufig.
Einen guten Eindruck vom jüdischen Leben in Oberlauringen in den 1920er Jahren vermitteln die Erinnerungen Leo Trepps. Der aus einer Oberlauringer Familie stammende gebürtige Mainzer berichtet dort vom Sommerurlaub bei seinen Verwandten im „klinkerkleinen“ Oberlauringen. Beispielsweise schilderte Trepp, wie der Pensionär Simon Goldstein Geflügel schächtete, und berichtete anschaulich von der Tätigkeit des Bäckers Josef Morgenroth. Zu den angesehenen Oberlauringern gehörte auch der Kolonialwaren- und Schuhhändler Emanuel Mayer.
Bereits 1923 fand in Oberlauringen eine antisemitische Veranstaltung auf dem Platz vor der evangelischen Kirche statt, bei der behauptet wurde, die Juden hätten sich die deutsche Industrie angeeignet, um die Deutschen zu unterdrücken. Als Leo Trepps Onkel Hugo Hirschberger dem Hetzredner widersprach, drohte ihm ein Beamter die Verhaftung an, falls er sich erneut kritisch äußern sollte. Die wachsende Judenfeindschaft führte dazu, dass Trepp seit Ende der 1920er Jahre die Sommerferien nicht mehr in Oberlauringen verbringen wollte.
Nach dem Beginn der NS-Herrschaft verloren die jüdischen Oberlauringer Viehhändler zunehmend ihre Existenzgrundlage. Trotz der zunehmenden Entrechtung wurde Leo Trepp am 16. Juni 1935 als letzter jüdischer Student an der Philosophischen Fakultät der Universität Würzburg zum Doktor der Philosophie promoviert. 1936 schloss er die Ausbildung am orthodoxen, von Rabbiner Esriel Hildesheimer in Berlin gegründeten Rabbinerseminar mit der Ordination ab. 1938 emigrierte Trepp mit seiner Frau Miriam und war als Rabbiner in Kalifornien tätig, wo er auch von 1951 bis 1983 als Professor am Napa-College Philosophie unterrichtete. Seine Heimatstadt Mainz besuchte Trepp regelmäßig und hielt an der dortigen Universität auch Vorlesungen im Fachbereich Evangelische Theologie.
Nachdem der NSDAP-Ortsleiter den Oberlauringer Juden bereits im Juli 1938 zu verstehen gegeben hatte, dass das Dort bis zum Herbst „judenrein“ sein sollte, kündigte sich das Novemberpogrom bereits am 19. September 1938 an, als die Fenster jüdischer Häuser eingeschlagen wurden. Am 9. oder 10. November wurden die jüdischen Oberlauringer verhaftet und in das Hofheimer Gefängnis transportiert, wo die unter 60-jährigen Männer körperliche Schwerarbeit leisten mussten. Am Abend des 10. November demolierten Schweinfurter Nationalsozialisten die Wohnungen der jüdischen Oberlauringer.
Ende November 1938 wurden die zu dieser Zeit noch inhaftierten jüdischen Oberlauringer in das KZ Dachau transportiert, aus dem sie im Dezember 1938 und Januar 1939 entlassen wurden. Inden folgenden Monaten verließen zahlreiche Jüdinnen und Juden das Dorf und emigrierten zum Teil in die Niederlande, aber auch nach Norwegen, England und Bolivien. Am 7. Februar 1942 lebten noch 17 Jüdinnen und Juden in Oberlauringen, von denen 13 Personen nach ihrer Zwangseinquartierung in einem „Ghettohaus“ am 22. April 1942 nach Krasniczyn bei Lublin deportiert und in den Vernichtungslagern der Umgebung ermordet wurden. Am 29. Juli 1942 lebten in Oberlauringen keine Juden mehr.
1979 kehrte der in Oberlauringen aufgewachsene US-amerikanische Soziologe Fred Emil Katz in seinen Geburtsort zurück und hielt seine ambivalenten Gefühle angesichts der entgegengebrachten freundlichen Indifferenz schriftlich fest. Im Jahr 2023 erschien im Selbstverlag der Kommune Oberlauringen ein Buch zur jüdischen Ortsgeschichte mit zahlreichen Fotografien und Abbildungen.
(Stefan W. Römmelt)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Gerhard Gronauer / Johannes Sander: Oberlauringen. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1466-1494.
- Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken. In: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012, S. 95-113.
- Magnus Weinbegr: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt/Main 1937, S. 149-151.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 222.
