Jüdisches Leben
in Bayern

Obereuerheim Gemeinde

Juden siedelten sich in Obereuerheim vermutlich erst nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges an. Da die Grafen von Schönborn dort seit 1696 die Dorfherrschaft ausübten, unterstanden seit dieser Zeit auch die Obereuerheimer Juden dem in Wiesentheid ansässigen Schönborn'schen Patrimonialgericht. Am Ende des 17. Jahrhunderts ist 1699 in Schonungen ein aus Obereuerheim stammender Lehrer namens Falck belegt. In Obereuerheim selbst stand 1782 dem jüdischen Lehrer eine Wohnung zur Verfügung. Nach dem Ende des Großherzogtums Würzburg mussten sich auch die Obereuerheimer Juden, die überwiegend in der Judengasse (heute Hirtengasse) wohnten, gemäß des Bayerischen Judenedikts 1813 immatrikulieren. Vier der sechs immatrikulierten Familienvorstände lebten vom Viehhandel, eine Witwe namens Heinemann (Heßla) betrieb eine Viehschlachterei. 1819 erhielt Koppel Kaufmann (Löb) eine siebte Matrikelstelle, der wie Jacob Stern Ackerbau betrieb.

1839 gehörten zehn Familien mit insgesamt 54 Jüdinnen und Juden der Kultusgemeinde Obereuerheim an. Von einer jüdischen Emanzipation konnte jedoch auch zehn Jahre später noch keine Rede sein. Dies zeigte sich im Frühjahr 1849, als der jüdische bayerische Landtagsabgeordnete Dr. David Morgenstern (1814-1882) in einer Umfrage die Abgaben erfasste, die die Juden der bayerischen Rabbinate wegen ihrer Religionszugehörigkeit diskriminierten. Der Obereuerheimer Kultusvorsteher Hirsch Neuburger benannte als Beispiel die Stolgebühren: Da die dortigen Juden dem katholischen Ortspfarrer keine Stolgebühren entrichteten, mussten sie dem Geistlichen zum Ausgleich 2 Gulden und 42 Kreuzer bei einer vom Rabbiner durchgeführten Trauung, 30 Kreuzer für ein Neugeborenes, 1 Gulden und 45 Kreuzer für den Tod eines Erwachsenen, 30 Kreuzer für den Tod eines Kindes unter zwölf Jahren und ein Gulden für eine Totgeburt zahlen. Auch der christliche Lehrer profitierte von den – wenn auch wesentlich geringeren – Gebühren, die die Obereuerheimer Juden an wichtigen Lebensstationen entrichten mussten: 1 Gulden bei einer Trauung, 36 Kreuzer für ein Neugeborenes, 50 Kreuzer beim Tod eines Erwachsenen und 37,5 Kreuzer beim Tod eines Kindes unter zwölf Jahren. Erst in den 1880er Jahren wurden die Ersatzzahlungen für die Stolgebühren abgeschafft.

Die Gemeinde war dem Bezirksrabbinat Niederwerrn unterstellt, bis dieses aufgelöst beziehungsweise nach Schweinfurt verlegt wurde (1864).  Die Verstorbenen wurden auf dem jüdischen Friedhof in Gerolzhofen bestattet.

Das Pflichtbewusstsein, die Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit des kurz zuvor verstorbenen Lehrers Wolf Roßmann, der nach 25-jährigem Dienst in Zeilitzheim 15 Jahre in Obereuerheim tätig war, äußert sich ein Nachruf in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. November 1875, der den Pädagogen als "für unsere heilige Tora begeisterte(n) Jude(n)" und "Menschenfreund" bezeichnet. Roßmanns Nachfolger wirkten allerdings nicht lange in Obereuerheim: In den Jahren 1875, 1879, 1882, 1884, 1887 und 1891 schrieben die jeweiligen Gemeindevorsteher die Stelle des Lehrers, Vorsängers und Schächters in der Zeitschrift "Der Israelit" mit jeweils unterschiedlichen Gehaltsangaben aus. Der geringe zeitliche Abstand zwischen den Ausschreibungen deutet darauf hin, dass die Arbeitsbedingungen in Obereuerheim möglicherweise verbesserungsfähig waren. 

Zu den Obereuerheimer Juden, die in das nahe Schweinfurt zogen, gehörte auch die 1879 in der Industriestadt verstorbene Rebecka Heinemann. Der am 12. März 1879 in der Zeitschrift "Der Israelit" veröffentlichte Nachruf betont die Gesetzestreue, Frömmigkeit, Mildtätigkeit der freundlichen und lebensklugen "wackeren Frau", Ehefrau und Familienmutter, die auch in Schweinfurt das Religionsgesetz streng befolgt habe. 

Da 1909 nur noch zwei Juden in Obereuerheim lebten, wurde die israelitische Kultusgemeinde Obereuerheim 1909 aufgelöst.

Laut Alemannia Judaica kamen während der Shoah folgende in Obereuerheim geborene oder längere Zeit dort lebende Jüdinnen und Juden um: Anna (Nanna) Bamberger geb. Neuburger, Sara Baumblatt geb. Neuburger, Ida Heimann geb. Frank, Jette Kurzmann, Sali Mühlfelder geb. Kaufmann, Hirsch Neuburger, Hirsch Neuburger, Regina Rosenfeld geb. Neuburger, Fanni Schäler geb. Kaufmann, Sophie Siegel geb. Kaufmann.


(Stefan W. Römmelt)

Bevölkerung 1875

Literatur

  • Gerhard Gronauer /Hans-Christof Haas: Schweinfurt mit Obereuerheim und Werneck. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1554-1611.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 211.