Jüdisches Leben
in Bayern

Oberaltertheim Gemeinde

Unter- und Oberaltertheim gehörten seit der Mitte des 16. Jahrhunderts zur Remlinger Linie der Grafen zu Castell. Quellen aus dem 17. Jahrhundert im Fürstlich Castell`schen Archiv lassen auf Handelstätigkeiten von Juden in beiden Orten schließen; sie beweisen jedoch nicht, dass Juden dort dauerhaft dort ansässig waren. Laut den Gemeinderechnungen von Oberaltertheim gab es 1714 und 1725 einen Schutzjuden im Dorf. 1739 lebten hier zwei jüdische Familien; 1767 war ihr Anteil an der Bürgerschaft auf neun Haushalte gestiegen, und 1785 waren bereits 14 jüdische Schutzjuden mit ihren Familien erfasst.

Vermutlich trafen sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die jüdischen Bewohner von Oberaltertheim mit jenen im nur einen Kilometer entfernten Unteraltertheim zu gemeinsamen Gebeten. Wo sich ihr Betraum befand, ist aber nicht bekannt. 1767 wird erstmals ein David aus Unteraltertheim als Ortsvorgänger genannt. Er informierte die Kanzlei der Grafen zu Castell über die Vermögenswerte der Juden aus beiden Ortschaften. Deshalb darf man davon ausgehen, dass die jüdischen Bewohner von Ober- und Unteraltertheim damals eine gemeinsame Kultusgemeinde bildeten. Die Haupterwerbsquelle bildete in dieser Zeit der Viehhandel. Da Juden der Grundstückskauf gesetzlich verboten war, hatten sie aber einen Mangel an Weideflächen. Oft mussten sie Bußgelder bezahlen, da sie ihr Vieh heimlich auf die Gemeindewiesen trieben. 1768 erließen die Grafen von Castell schließlich eine Verordnung, die es den Juden erlaubte, ihre Tiere auf bestimmten Weiden grasen zu lassen. 1775 ist erstmals ein eigener Ortsvorgänger für Oberaltertheim belegt. Die Judenschaften beider Orte wehrten sich 1779 vehement gegen die Integration in den Amtsbezirk des Wertheimer Oberrabbiners Samuel Hirsch, so dass die Castell`sche Regierung dessen Antrag abwies. Die Kehillah Oberaltertheim erwarb 1785 ein Anwesen zur Einrichtung einer Synagoge. Dafür mussten sie an die Herrschaft die hohe Summe von 300 Gulden bezahlen und an die Gemeindeverwaltung jährlich eine Abgabe leisten. Ihre Toten bestattete die jüdische Gemeinde im vier Kilometer entfernten Wenkheim (Baden-Württemberg).

1814 kam der Ort an das Königreich Bayern und erhielt 1817/18 im Rahmen des geltenden Judenedikts 13 Matrikelstellen. Die Kulturgemeinde bestand damals aus zirka 65 Mitgliedern. Bis1869 vergrößerte sich deren Zahl auf rund 75 Personen. Neben dem Viehhandel vertrieben die Israeliten auch Waren aller Art, u.a. Tuche und Stoffe, Getreide, Leder, Federn und Gewürze. Um den mobilen Kleinhandel einzudämmen, erließen die bayerischen Behörden in der 1. Hälfte des 19. Jh. eine Reihe von Verordnungen, die das produzierende Gewerbe und Ladengeschäfte begünstigen sollten. 1854 existierten 21 jüdische Haushalte. Darunter gab es fünf Bauern und Viehhändler sowie drei Metzger, einen Bäcker, der zugleich mit Getreide handelte, eine Krämerin, zwei Seifensieder, einen Schnittwarenhändler und den jüdischen Lehrer. Nur wenige der jüdischen Familien aus dem Dorf gelangten zu einem bescheidenen Wohlstand. Bis 1859 mussten die Hausväter das sog. "Judengeld" für ihr Wohnrecht im Dorf an die Gemeindeverwaltung bezahlen. Das Recht, wie die anderen Einwohner Holz aus den Gemeindewäldern zu holen, mussten sie sich 1862/63 vor Gericht erstreiten. Zumindest im letzten Drittel des Jahrhunderts gehörte Oberaltertheim dem Distriktsrabbinat Würzburg an.

Eine von Grundwasser gespeiste Kellermikwe befand sich im Anwesen des Christen Johann Stumpf, Haus Nummer 24 (heute: Oberes Tor 9). Nach dem Großbrand im Jahr 1825 besaß die Kultusgemeinde kein Ritualbad mehr. Ihre Mitglieder nutzten seitdem die Mikwe in Unteraltertheim. Erst in den 1880er Jahren hatte man wieder ein eigenes Ritualbad. 1876 erwarb die Judenschaft das Anwesen Hausnummer 40 ½ (heute: Am Freien Platz 10) von Samuel Kahns Witwe. Es diente voran als jüdisches Gemeindehaus. In ihm wurden die Schule und die Lehrerwohnung untergebracht. Ein weiterer Kauf im Jahr 1885 brachte die Kultusgemeinde in den Besitz eines Teils von Grundstücks Nummer 40 (heute: Am Freien Platz 9), auf dem man ein Ritualbad und ein Lager errichtete. 1893 verbot die Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg allerdings den Betrieb des Bades, nachdem einsickernde Fäkalien festgestellt wurden. Ober- und Unteraltertheim bildeten lange einen gemeinsamen Schulsprengel und teilten sich den Religionslehrer.

Wegen der ungebrochenen Aus- und Abwanderungswelle ab 1861 bestand die Kultusgemeinde Oberaltertheim im Jahr 1925 noch aus 27 Personen. Sie war kaum noch in der Lage, den Bauunterhalt für die Synagoge zu leisten. 1930 verbot der Freistaat Bayern das rituelle Schächten. Die Oberaltertheimer Brüder Adolf und Isidor Traubel betrieben damals eine Metzgerei. Sie arbeiteten mit ihrem ältesten Bruder Bernhard, der damals Vorsteher der jüdischen Gemeinde war, und den Brüdern Strauß, die eine Viehgroßhandlung führten, eng zusammen. Indem sie im benachbarten badischen Gerchsheim eine Schlachterei eröffneten, konnten sie das Verbot umgehen und fast alle jüdischen Metzger in der Region Würzburg mit koscherem Fleisch beliefern. Wegen angeblichen Verstoßes gegen Hygienevorschriften gelang den Behörden jedoch letztlich die Schließung des Betriebs. Neben diesen Unternehmen gab es im Dorf noch die Textilhandlung von Moritz Schiff, die Viehhandlung von Simon Kahn und den Gemischtwarenladen von Sarah Schornstein.

Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 lebten noch 22 Jüdinnen und Juden in Oberaltertheim. Neben den bald einsetzenden Schikanen und Diffamierungen wurde Juden u.a. auch verboten, die gemeinschaftlichen Backöfen weiter zu nutzen und sie mussten aufgrund des "Blutschutzgesetzes" ihre christlichen Angestellten entlassen. Im Februar 1938 wurden alle jüdischen Mitbürger im Alter von 18 bis 40 Jahren für zwei Wochen inhaftiert, um ihre Auswanderung zu erzwingen. In den folgenden Jahren emigrierten einige Israeliten in die USA und nach Kuba. Während des Novemberpogroms 1938 bewaffneten sich die örtlichen SA-Leute und einige christliche Bürger, die sich ihnen angeschlossen hatten, mit Beilen, Pickel, Hacken und Knüppeln. Anschließend brachen sie die Synagoge sowie die jüdischen Wohnungen und Geschäfte im Dorf auf, zerstörten die Inneneinrichtungen, Vorräte und Waren. Zwei jüdische Männer wurden festgenommen und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Am 11. September 1939 mussten die letzten sieben, im Dorf noch verbliebene jüdischen Familien ihre Häuser aufgeben und in ein "Judenhaus" übersiedeln. Im Februar und April 1942 hat man sie in die Vernichtungslager im Osten deportiert und ermordet.

1949 wurden am Landgericht Würzburg die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung während des Novemberpogroms in Ober- und Unteraltertheim verhandelt. Aufgrund der schwierigen Beweislage und dem Tod einiger Rädelsführer konnte man lediglich gegen sieben Beschuldigte Anklage erheben. Drei von ihnen wurden wegen Land- und Hausfriedensbruch zu Haftstrafen von je zwei Monaten Gefängnis verurteilt.

Die Gemeinde leistete der Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) eine Ausgleichszahlung für die als Feuerwehrgerätehaus genutzte ehemalige Synagoge. Das Gebäude wurde bis 1990 zu diesem Zweck genutzt und dann abgerissen und durch einen Feuerwehrhaus-Neubau ersetzt.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Oberaltertheim und Unteraltertheim. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 750-762.
  • Magnus Weinberg. Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt am Main 1937, S. 169-172.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 243.