Jüdisches Leben
in Bayern

Mömlingen Gemeinde

In Mömlingen, Landkreis Miltenberg, gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein kleine jüdische Gemeinde. Ob der Flurname "Judenkirchhof", der 1847 im sogenannten Königswald auf einem Katasterplan erscheint, tatsächlich auf eine mittelalterliche Ansiedelung jüdischer Familien hinweist, ist fraglich. Der erste Nachweis dürfte die Nennung einer Familie mit acht Personen um 1700 sein. Im gesamten 18. Jahrhundert erscheinen in den Rechnungen aber nie mehr als zwei Familien. Sie besaßen einen Schutzstatus, der je nach Vermögen mit 10 oder 20 Gulden jährlich erkauft werden musste. 1719 waren die Mömlinger Familien Mitgründer der "Wohltätigkeits- und Beerdigungsvereinigung" in Aschaffenburg. Die Toten wurden auf dem Friedhof Aschaffenburg/Schweinheim beigesetzt.

Für 1800 ist die Anwesenheit von fünf Familien mit 21 Personen in Mömlingen belegt. Diese Zahl schlägt sich auch den fünf Matrikelstellen nieder, die um 1817 vergeben wurden. Einschließlich der Kinder zählte man zu diesem Zeitpunkt 23 Personen. Drei Familienoberhäupter handelten mit Ellenwaren, einer mit Spezereiwaren und einer war Makler und Schmuser. Mömlingen gehörte zu dieser Zeit zum Fürstentum Aschaffenburg. Bis in die 1850 Jahre wohnten die Familien Dornheimer, Gemeiner, May, Oppenheimer und Schloß in Mömlingen. Eine, wenn auch wahrscheinlich kleine, Schule war im Haus Bachstraße 12 eingerichtet. Hier erteilte ein Lehrer im Wechsel mit Großostheim Unterricht. In diesem Haus wird auch die Betstube vermutet.

Im März 1848 kam es im Verlauf der Revolution zu antisemitischen Überfällen auf jüdische Wohn- und Geschäftshäuser in Mömlingen. Eine spätere Aufzeichnung berichtete: "In einer Nacht des Revolutionsjahres 1848 kam der Haß, den die wucherischen Juden sich hier zugezogen hatten, zum Durchbruch. Männer mit geschwärzten Gesichtern schlugen Türen und Fenster der Judenläden ein und drangen in die Häuser; andere hielten Wache. Es wurde alles zertrümmert, was man zertrümmern konnte. Die Ware warf man auf die Straße, wo sie wieder aufgelesen und fortgeschleppt wurde. Die Juden selbst hatten sich versteckt und dadurch ihr Leben gerettet. Die arme  Familie Dornheimer allein war verschont geblieben".

Gemeinsam mit Ostheim und Pflaumheim unterhielt die jüdische Gemeinde zeitweise eine kleine Religionsschule, wo ein jüdischer Lehrer abwechselnd in Mömlingen und Großostheim Unterricht erteilte. Die Aschaffenburger Zeitung schrieb von "Demolirung und Beraubung von sechs Judenhäusern, deren Besitzer in den letzten Jahren bedeutende Geschäfte im Fruchthandel machten". Das Würzburger Abendblatt schrieb: "In Mömlingen trieb man die Juden aus dem Orte". Daraufhin wurden zur Wiederherstellung der Sicherheit Soldaten aus der Aschaffenburger Garnison nach Mömlingen verlegt und zehn an den Gewalttaten Beteiligte wurden in das Aschaffenburger Gefängnis gebracht. Die Gewalttätigkeiten hatten einen klaren wirtschaftlichen Hintergrund. In den nächsten Jahren ging die Zahl der jüdischen Einwohner im Mömlingen stark zurück. Bereits 1845 war Rebekka Schloß nach dem Tod ihres Mannes Abraham mit allen Kindern nach Nordamerika ausgewandert. Jakob Schloß verkauft nach 1848 seinen Besitz in Mömlingen und beantragte 1850 mit dem Hinweis auf die "bekannten Vorgänge zu Mömmlingen" das Bürgerrecht in Aschaffenburg. In der Folge konnte er zwar in Aschaffenburg wohnen, das Bürgerrecht wurde ihm vom Stadtrat verwehrt. Gab es 1848 noch 37 Juden, so betrug die Zahl 1853 noch 24 Juden und 1862 nur noch 17 Juden. Im Jahr 1868 starb mit dem 61jährigen Seifensieder Josef May der letzte jüdische Einwohner von Mömlingen.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Matthias Klotz: Die Juden in Mömlingen bis 1868 und das Schicksal ihrer Nachfahren. In: Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes 28 (2010), S. 233-259.
  • Dirk Rosenstock (Bearb.): Die Unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Würzburg 2008 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg 19), S. 221.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 102.