Erste Zeugnisse jüdischen Lebens in Kempten stammen aus dem Jahr 1373, als Kaiser Karl IV. (reg. 1346-1378) der früheren Reichsstadt auf sechs Jahre das Judenregal verlieh. Sein Nachfolger Wenzel von Böhmen (reg. 1376-1400) genehmigte im Jahr 1385 Kempten zusammen mit 38 anderen Städten im Reich die zinslose Rückzahlung von Schulden, die sie bei Juden gemacht hatten, überließ diesen Städten für drei Jahre die Judensteuer und erteilte ihnen gleichzeitig gegen Gebühr das Judenregal. Im Jahr 1401 lebten in der Stadt keine Juden, jedoch siedelten sich nacht Jahre später nachweislich eine jüdische Familie an. 1418 wurden wieder Zahlungen einer jüdischen Gemeinschaft in Kempten an das Reich geleistet.
Ob hier in der Folgezeit jüdisches Leben stattfand, ist ungewiss. Fest steht jedoch, dass die Reichsstadt im Jahr 1561 Juden ausgewiesen hat und im Fürststift Kempten ab 1587 der Handel mit Juden verboten war. Dieses Gesetz wurde bald wieder aufgehoben, doch kam es auch im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts immer wieder zu ähnlichen Anordnungen. Deshalb hielten sich jüdische Geschäftsleute generell nur kurz in der Stadt auf und verließen sie nach Abschluss ihrer Geschäfte wieder. Lediglich der jüdische Hoffaktor Mayr Seligmann sicherte sich und seiner Familie von der Hofkammer im Jahr 1692 das Wohnrecht in einem der stiftseigenen Gebäude in der Herbststraße (später: Judengasse). Der Fürstabt genehmigte ihm auch die Feier von Gottesdiensten in seinem Haus. Der frühe Tod Seligmanns 1698 verhinderte wohl die Gründung einer jüdischen Gemeinde, auch im 18. Jahrhundert entstanden keine festen Strukturen.
Das säkularisierte Hochstift Kempten und die mediatisierte Reichsstadt fielen im Jahr 1803 an Bayern. Der einschränkende Matrikelparagraph des Bayerischen Judenedikts 1813 verhinderte jedoch weiterhin, dass sich jüdisches Leben in der Stadt etablieren konnte. Erst nach der Aufhebung des Matrikelparagraphen im Jahr 1861 für neues jüdisches Leben im Ort zogen viele Juden aus den Landgemeinden in die Stadt, die mit ihrem Eisenbahnanschluss und einer urbanen Infrastruktur bessere Perspektiven bot.
1869 ließen sich die jüdischen Bankiers Nathan und Hermann Ullmann sowie Moritz Löb Einstein mit ihren Familien in Kempten nieder. 1880 lebten bereits über 70 jüdische Mitbürger in der Stadt, de meisten stammten aus der Region. Viele arbeiteten weiterhin als Kaufleute, manche starteten auch eine neue Berufswege als Bankiers oder Fabrikant. Ab1875 gehörten sie zur IKG Memmingen, die vom Bezirksrabbinat Ichenhausen aus organisiert wurde. Dennoch hatte die Kemptener Gemeinschaft einen eigenen Vorstand und war weitgehend selbständig, verfügte aber über keine eigenen Einrichtungen bis auf einen "Guten Ort", der 1876 an der Westseite des katholischen Friedhofs eingerichtet wurde. Ab 1875 versammelten sie sich für Gottesdienste in einem Nebenraum des Landhaussaals (Residenzplatz 33). Den Religionsunterricht erteilten einzelne Gemeindemitglieder; erst 1897 hat man einen Religionslehrer eingestellt. Da man mit ihm nicht zufrieden war, übernahmen ab 1900 wechselnde jüdische Lehrer aus den Nachbarorten weitgehend seine Aufgaben.
"Die Familie Ullmann stammte aus Osterberg bei Babenhausen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zog die Familie nach Memmingen, wo der Vater Liebmann Ullmann (1812-1890) ein Bankgeschäft eröffnete. Er hatte drei Söhne: Hermann (1847-1917), Nathan (1849-1917) und Sigmund (1854-1942). Hermann und Nathan betrieben ab 1869 in Kempten an der Ecke Heinrichgasse/Gerberstraße ein kleines Bankgeschäft, in das Sigmund 1877 einstieg. Im Juli 1886 kauften die drei Brüder die westliche Hälfte des Ponickau-Hauses am Rathausplatz 12. Eine Anzeige aus dem Jahre 1895 umreißt das Geschäftsfeld der Ullmanns: 'Bank & Wechselgeschäft, Kauf und Verkauf von Staats & Eisenbahn-Obligationen, Industrieaktien, Pfandbriefen, Vermittlung von Bankkapitalien'. Die Brüder Nathan und Sigmund betrieben nach dem Tod des Vaters Liebmann Ullmann das Kreditgeschäft unter dem ursprünglichen Namen 'Ullmann & Söhne' fort. Hermann Ullmann hatte sich aus dem Geschäft zurückgezogen und war 1896 nach Augsburg umgezogen. Nach der Jahrhundertwende verkauften Nathan und Sigmund Ullmann das Geschäft an die Bayerische Handelsbank, die eine Filiale in der Bahnhofstraße betrieb. Fortan firmierte das Unternehmen unter 'Wechselstube (vormals Ullmann & Söhne)'. Sigmund Ullmann wurde übernommen und erhielt den Titel Bankdirektor. Zwischen 1909 und 1913 zog er sich aus dem aktiven Finanzgeschäft zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb der 'Spar & Vorschussverein Kempten' (heute Allgäuer Volksbank) das Ponickau-Haus, welches heute noch im Besitz der Genossenschaftsbank ist. Hermann Ullmann verstarb im Juli 1917 in Kempten. Dort starb auch sein Bruder Nathan im September des gleichen Jahres. Sigmund Ullmann wurde am 12.08.1942 über München nach Theresienstadt deportiert, wo er am 19.9.1942 verstarb. Das Haus am Rathausplatz 12 ist heute Teil der Stadtführung in Kempten zur NS-Zeit." (Quelle: Bavarikon)
1910 lebten über 90 Jüdinnen und Juden in der Stadt. Einer der einflussreichsten Bürger Kemptens war damals der jüdische Bankier Sigmund Ullmann (1854–1943), seit 1913 Vorstand der jüdischen Gemeinde, der ab 1912 sieben Jahre lang im Magistrat saß und ab 1922 zwei Jahre lang als Stadtrat wirkte. Zusammen mit seinen Glaubensbrüdern und -schwestern musste er in Kempten schon 1919 antisemitische Hetzkampagnen ertragen. Die NSDAP-Ortsgruppe wurde bereits 1922 gegründet; auch Adolf Hitler trat ab 1923 wiederholt in der Stadt auf.
Zu Beginn der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebten 50 Israelitinnen und Israeliten in Kempten. Sie wurden zunehmend geächtet und nach und nach aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben der Stadt ausgeschlossen. Jüdische Geschäfte und Betriebe mussten aufgegeben werden oder wurden "arisiert". Während des Novemberpogroms 1938 warfen SA-Leute Fenster jüdischer Wohnungen und Häuser ein, durchsuchten die Räume, vernichteten Torarollen, verhafteten die jüdischen Männer und inhaftierten sie wochenlang. 1939 musste Bankier Sigmund Ullmann (1854-1942) in seiner Funktion als Gemeindevorstand der Stadt den jüdischen Friedhof übereignen. Der Hälfte der Gemeinde gelang es noch, bis zu diesem Zeitpunkt auszuwandern. Seit Anfang 1941 wurde das "Ullmannhaus", das Wohnhaus der Familie (Immerstädter Straße 20), von den Nationalsozialisten als Sammellager beziehungsweise sogenanntes "Judenhaus" genutzt. Hier mussten mehr als die Hälfte der 23 Kemptener Juden leben, bevor sie von dort in verschiedene Konzentrationslager deportiert wurden. Zehn von ihnen wurden am 31. März 1942 nach Piaski (bei Lublin) verschleppt und dort ermordet. Fünf weitere deportierte man nach Theresienstadt, wo sie ebenfalls umkamen. 1943 entstanden in Kempten und Kottern-Weidach KZ-Außenlager. Nur wenige jüdische Mitbürger von Kempten hatten das Glück, auf die eine oder andere Weise dem von den Nationalsozialisten verübten Massenmord zu entgehen.
Neben einigen Heimkehrern strandeten nach dem Zweiten Weltkrieg viele jüdische DPs aus Polen in Kempten. Die US-Armee beschlagnahmte Wohnungen im Stadtgebiet für die kleine jüdische DP-Gemeinde, die sich durch ein gewähltes dreiköpfiges Komitee größtenteils selbst verwaltete und von der UNRRA versorgt wurde. Wegen der geringen Größe der säkular eingestellten Gemeinde gab es keine der sonst benötigten Einrichtungen wie etwa eine Schule oder eine koschere Küche. Soziale Zusammenkünfte, vielleicht auch Gottesdienste wurden im Nebenzimmer des des Gasthauses "Frühlingsstraße" (Ecke Frühling-/Bodmannstraße) abgehalten. Bis August 1947 lebten 68 DPs in Kempten, die meisten von ihnen in einer Villa in der Mozartstraße. Nach Gründung des Staates Israel im Mai 1948 wanderten die meisten DPs aus, die DP-Gemeinde Lager löste sich 1951 endgültig auf.
1962 waren nur noch vier Israeliten in Kempten ansässig, die der IKG Augsburg angehörten. Aufgrund der niedrigen Personenzahl, die sich auch in der Folgezeit nicht mehr erhöhte, konnten keine eigenen Veranstaltungen in der Stadt mehr durchgeführt werden. An die Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde Kempten erinnern heute der erhaltene jüdische Friedhof mit einer Gedenkstätte, sowie zwei Mahnmale auf dem Friedensplatz. Der "Sigmund-Ullmann-Platz" im Stadtzentrum wurde dem Bankier Sigmund Ullman gewidmet, der im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde. Die ehemalige Gemeinde ist auch Teil der digitalen Bavarikon-Sammlung Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens. Kultur und Alltag des Landjudentums von 1560-1945, die 2025 mit einem Festakt in der Augsburger Synagoge online gegangen ist.
(Christine Riedl-Valder)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Angela Hager: Kempten. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 488-493.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 246.
Weiterführende Links
- Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens: Kempten (Bavarikon)
- Gemeinde Kempten (Alemannia Judaica)
- Gemeinde Kempten (Alicke - Jüdische Gemeinden)
- Bankhaus der Familie Ullmann (Bavarikon)
- "Es geschah genau hier" – Stadtrundgang zum Nationalsozialismus (Stadt Kempten)
- Kempten - Jüdische DP-Gemeinde (After the Shoah)
