Jüdisches Leben
in Bayern

Kempten Gemeinde

In Kempten lebten bis zur zweiten Hälfte des 19. Jh. nur wenige Jüdinnen und Juden. Erste Zeugnisse ihrer Existenz in der Reichsstadt stammen aus dem 14. Jh.. Kaiser Karl IV. verlieh Kempten 1373 für sechs Jahre das Recht des Judenschutzes, verbunden mit der Forderung, Juden und Christen gleichberechtigt zu behandeln. König Wenzel genehmigte im Jahr 1385 Kempten zusammen mit 38 anderen Städten im Reich die zinslose Rückzahlung von Schulden, die sie bei Juden gemacht hatten, überließ diesen Städten für drei Jahre die Judensteuer und erteilte ihnen gleichzeitig gegen Gebühr das Recht, Israeliten aufzunehmen. Im Jahr 1401 lebten in der Stadt keine Juden, da König Ruprecht damals von Kempten keine Einnahmen aus der Judensteuer erzielen konnte. Acht Jahre später siedelte sich nachweislich erneut eine jüdische Familie an. 1418 wurden wieder Zahlungen von Kemptener Juden an das Reich geleistet

Ob hier in der Folgezeit jüdisches Leben stattfand, ist ungewiss. Fest steht jedoch, dass die Reichsstadt im Jahr 1561 Juden ausgewiesen hat und im Fürststift Kempten ab 1587 der Handel mit Juden verboten war. Dieses Gesetz wurde bald wieder aufgehoben, doch kam es auch im Laufe des 17. und 18. Jh. immer wieder zu ähnlichen Anordnungen. Deshalb hielten sich die jüdischen Händler generell nur kurz in der Stadt auf und verließen sie nach Abschluss ihrer Geschäfte wieder. Lediglich der jüdische Hoffaktor Mayr Seligmann erhielt im Jahr 1692 für sich und seine Familie von der Hofkammer das Wohnrecht in einem der stiftseigenen Gebäude in der Herbststraße (später: Judengasse) und eine Handelserlaubnis. Der Fürstabt genehmigte ihm auch die Feier von Gottesdiensten in seinem Haus. Der frühe Tod Seligmanns 1698 verhinderte wohl die Gründung einer jüdischen Gemeinde. Auch im 18. Jh. konnten sich keine Israeliten in Kempten niederlassen.

Nachdem Stadt und Stift Kempten 1803 an das Königreich Bayern gefallen waren, sorgte erst die Aufhebung des Matrikelparagraphen 1861 für jüdisches Leben im Ort. Denn nun durften die Israeliten ihren Wohnsitz frei wählen. Viele siedelten nun aus den Dörfern in größere Städte um, weil sie sich dort bessere Lebensbedingungen erhofften. Kempten, das damals bereits über einen Eisenbahnanschluss und aufstrebende Industrieunternehmen verfügte, bot reizvolle Perspektiven. 1869 zogen daher die drei jüdischen Bankiers Nathan und Hermann Ullmann sowie Moritz Löb Einstein mit ihren Familien hierher; 1880 lebten bereits über 70 jüdische Mitbürger in der Stadt. Die meisten von ihnen stammten aus der Region. Viele arbeiteten weiterhin als Kaufleute, manche starteten auch eine neue Karriere als Bankiers oder Fabrikbesitzer. Seit 1875 waren sie Mitglieder der Kultusgemeinde Memmingen, die von Ichenhausen aus organisiert wurde. Dennoch hatte die Kemptener Judenschaft einen eigenen Vorstand und war weitgehend selbständig. Sie verfügten jedoch weder über eine eigene Synagoge, noch eine Mikwe oder eine Schächterei. 1876 wurde an der Westseite des katholischen Friedhofs eine jüdische Begräbnisstätte eingerichtet. Den Religionsunterricht erteilten einzelne Gemeindemitglieder; erst 1897 hat man einen Religionslehrer eingestellt. Da man mit ihm nicht zufrieden war, übernahmen ab 1900 jüdische Lehrer aus den Nachbarorten weitgehend seine Aufgaben. 

1910 lebten über 90 Jüdinnen und Juden in der Stadt. Einer der einflussreichsten Bürger Kemptens war damals der jüdische Bankier Sigmund Ullmann (1854–1943), seit 1913 Vorstand der jüdischen Gemeinde, der ab 1912 sieben Jahre lang im Magistrat saß und ab 1922 zwei Jahre lang als Stadtrat wirkte. Zusammen mit seinen Glaubensbrüdern und -schwestern musste er in Kempten schon 1919 antisemitische Hetzkampagnen ertragen. Die NSDAP-Ortsgruppe wurde bereits 1922 gegründet; auch Adolf Hitler trat ab 1923 wiederholt in der Stadt auf.

Zu Beginn der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebten 50 Israelitinnen und Israeliten in Kempten. Sie wurden zunehmend geächtet und nach und nach aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben der Stadt ausgeschlossen. Jüdische Geschäfte und Betriebe mussten aufgegeben werden oder wurden „arisiert“. Während des Novemberpogroms 1938 warfen Nazis Fenster jüdischer Wohnungen und Häuser ein, durchsuchten die Räume, vernichteten Thorarollen, verhafteten die jüdischen Männer und inhaftierten sie wochenlang. 1939 musste Sigmund Ullmann der Stadt den jüdischen Friedhof übereignen. Der Hälfte der Judenschaft gelang es bis zu diesem Zeitpunkt auszuwandern. Die verbliebenen Israeliten wurden gezwungen, in das sog. Judenhaus, das Mehrfamilienhaus Sigmund Ullmanns (Immerstädter Straße 20) umzuziehen. Zehn von ihnen wurden am 31. März 1942 nach Piaski (bei Lublin) verschleppt und dort ermordet. Fünf weitere deportierte man nach Theresienstadt, wo sie ebenfalls umkamen. 1943 entstanden in Kempten und Kottern-Weidach KZ-Außenlager. Nur wenige jüdische Mitbürger von Kempten hatten das Glück, auf die eine oder andere Weise dem von den Nationalsozialisten verübten Massenmord zu entgehen.

Neben einigen Heimkehrern strandeten nach dem 2. Weltkrieg auch etliche Israeliten aus Polen in Kempten. 1947 betrug der jüdische Bevölkerungsanteil 54 Personen. Ein Großteil von ihnen bewohnte eine Villa in der Mozartstraße. Ein jüdisches Komitee wurde gegründet und man traf sich in einem Nebenzimmer des Gasthauses „Frühlingsstraße“ (Ecke Frühling-/Bodmannstraße). In den folgenden Jahren wanderten die meisten der Jüdinnen und Juden nach Amerika und Israel aus. 1962 waren nur noch vier Israeliten in Kempten ansässig. Sie hatten sich der Kultusgemeinde Augsburg angeschlossen. Aufgrund der niedrigen Personenzahl, die sich auch in der Folgezeit nicht mehr erhöhte, konnten keine eigenen Veranstaltungen in der Stadt mehr durchgeführt werden. An die Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde Kempten und das schreckliche Schicksal vieler Israeliten erinnern heute der erhaltene jüdische Friedhof mit einer Gedenkstätte, sowie zwei Mahnmale auf dem Friedensplatz.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hager, Angela: Kempten, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 488-493