Jüdisches Leben
in Bayern

Hüttenheim Gemeinde

Spätestens Ende des 15. Jahrhunderts lebten Juden in Hüttenheim, denn laut der Dorfordnung von 1498 hatten Juden als Bürgergeld den doppelten Satz zu entrichten, den Christen zu zahlen hatten. Drei Träger öffentlicher Rechte nahmen Juden gegen die Zahlung von Schutzgeld auf: der Deutsche Orden, die Grafen von Schwarzenberg und das Hochstift Würzburg.

1586 werden in einem Schutzbrief des Deutschen Ordens mit Joseph, Schmude und Schimel erstmals jüdische Hüttenheimer namentlich erwähnt.

Ein Rabbiner wird erstmals 1694 in einem Verzeichnis der Ämter Hüttenheim-Dornheim, Seehaus und Wässerndorf genannt. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts stieg die Zahl der Fürstlich Schwarzenberg'schen Schutzjuden in Hüttenheim erheblich an. 1720 entrichteten 20 jüdische Haushalte Schutzgeld, 1740 waren es doppelt so viele. Die Familien lebten vor allem Vieh-, Klein- und Landhandel. Die merkantilistisch begründete Ansiedlungspolitik der Schwarzenberger hatte neben dem Schutzgeld auch die Vermögens- und Handelssteuern, die Förderung des Kreditwesens und des ländlichen Handels und die Sicherung der Zahlungsfähigkeit im Blick. Dadurch sollte die Steuerkraft der Untertanen gehoben und der Wohlstand der Bevölkerung in der Region gemehrt werden. Ein schwarzenbergischer Schutzbrief vom 6. Oktober 1740 deutet darauf hin, dass die Schulmeisterstelle einträglich war, denn die Kanzlei setzte das jährliche Schutzgeld des Lehrers auf 6 Reichstaler und die Handelschaftssteuer auf 50 Gulden fest. 

Nach der Säkularisation des Hochstifts Würzburg durch Kurbayern existierten in Hüttenheim 21 Haushalte schwarzenbergischer Schutzjuden, die ihren Lebensunterhalt als Vermittler meist landwirtschaftlicher Waren, Kleinhändler, Bettler, Güterhändler, Fleischhacker, Viehhändler, Kapitalienverleiher und Vieh- und Warenhändler erwirtschafteten. Als 1813 das Bayerische Judenedikt in Kraft trat, lebten in Hüttenheim 173 Jüdinnen und Juden in 31 Haushalten. Zu dieser Zeit war die Hüttenheimer Judenschaft in zwei Gruppen, die Anhänger und Gegner des damaligen Gemeindevorstehers Schlom Sondel Friedmann, gespalten. Der Barnos, dessen amtliche Bezeichnung jetzt "Judenvorsteher" lautete, war nur noch für Religions-, Kultus- und Schulangelegenheiten zuständig. 1813 hatte die IKG auch ihren Höchststand erreicht. Die jüdische Gemeinde gehörte von 1838 bis 1880 zum Distriktsrabbinat Welbhausen (heute Gemeindeteil von Uffenheim), danach zum Distriktsrabbinat Kitzingen und zuletzt seit 1937 zu Würzburg). An jüdischen Vereinen bestand insbesondere die Chewra Kadischa, die 1821 gegründet wurde. In der Mitte des 19. Jahrhunderts ließen Auswanderung und Wegzug die jüdische Gemeinde in Hüttenheim schrumpfen: 1851 wurden noch 118 Juden gezählt.

Wie bereits in den früheren Jahrhunderten spielte der Lehrer in der Gemeinde weiterhin eine wichtige Rolle. 1870 gehörte das benachbarte Bullenheim zu Schulsprengel Hüttenheim. Zu den wichtigsten Lehrerpersönlichkeiten gehörten Abraham Faber, der mehrere Jahrzehnte in dem Dorf wirkte, und Samuel Seligsberger. Der Absolvent der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg konnte wegen seiner Kurzsichtigkeit nicht die erforderliche Anstellungsprüfung ablegen, blieb aber als "Schulexspektant" nach Erstellung mehrerer Gutachten trotzdem im Dienst.

Während Seligsbergers Amtszeit erwarb die jüdische Kultusgemeinde ein Baugrundstück für die Elementarschule, die 1898 erbaut wurde.

Nach der Aufhebung der israelitischen Elementarschule wegen des akuten Schülermangels diente das Schulhaus nurmehr als Religionsschule. 1921 bestand die Hüttenheimer Lehrerstelle laut einem Bericht des Kultusvorstehers Süslein Liebenstein nicht mehr und wurde vom jüdischen Lehrer in Scheinfeld vertreten. 1933 lebten nur noch 23 Jüdinnen und Juden in Hüttenheim. Ungesühnt blieb das Pogrom vom 10. November 1938, als Männer aus dem Landkreis Kitzingen die Hüttenheimer Synagoge verwüsteten und jüdische Wohnungen plünderten. Am 24. März 1942 wurden die drei Seniorinnen Rosa Hahn, Jette Liebenstein und Betty Mann von Kitzingen aus nach Izbica deportiert und dort getötet.  

Nach 1945 zogen zunächst Heimatvertriebene in das Synagogengebäude, das sich heute in Privatbesitz befindet. Der Familie Kalbhenn-Link gehört auch das benachbarte "Vorsängerhaus" mit Mikwe. Für die sorgfältige Restaurierung der ehemaligen Synagoge wurden die Eigentümer 2009 mit der bayerischen Denkmalschutzmedaille ausgezeichnet. Eine Hinweistafel verweist auf die Geschichte des Gebäudeensembles.

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Hüttenheim mit Bullenheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1020-1038.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 228.