Jüdisches Leben
in Bayern

Hofheim Gemeinde

Die Geschichte einer jüdischen Gemeinschaft in Hofheim begann erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Kleinsteinach beigesetzt. Die Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Burgpreppach. Mit der allgemeinen großen Aus- und Abwanderungswelle in Franken verlagerte sich dörfliche Kultusgemeinde des benachbarten Lendershausen zunehmend in die Kleinstadt hinein. Meistens waren es junge Familien, die sich zum Umzug entschlossen. Ihre Motive waren überwiegend pragmatisch: Hofheim war ein lokales Verwaltungszentrum, bot wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten, eine bessere Infrastruktur, und besaß ab 1892 einen Anschluss an das bayerische Eisenbahnnetz. Lendershausen liegt nur 20 Gehminuten vom Hofheimer Stadtzentrum entfernt und wurde 1978 als Vorort eingemeindet. 1861, als den bayerischen Juden endlich Freizügigkeit gewährt wurde, äußerte sich der Hofheimer Amtsgerichtsarzt Dr. Michael E. Goy optimistisch: "Es mag die zugleich ein Beweis sein, daß trotz der gestatteten freieren Bewegung der Juden eine Überwachsung der Christen nicht zu fürchten ist, vielmehr nur ihrer Thätigkeit zum Nutzen der ganzen Volkswirthschaft ein weiteres Feld eröffnet wird. Auch wird durch den Wohlstand der Christen zu Lendershausen die Annahme, daß die Juden thätige und sparsame Christen aussaugen würden, glänzend widerlegt".   

Hofheimer mit jüdischem Glauben engagierten sich in der Politik, in Vereinen, stellten einmal auch das Faschingsprinzenpaar. Allerdings gab es zwischen 1879/81 im Zuge einer deutschlandweiten aufbrandenden antisemitischen hetze auch in Hofheim zu Entgleisungen, die zur Anzeige gebracht wurden. Sowohl die Verwaltungsbehörden, als auch der katholische Ortspfarrer Dr. Michael Wielandt setzten sich nachdrücklich für den Schutz der jüdischen Minderheit ein. Wielandt äußerte von der Kanzel den Wunsch, die Hofheimer sollten sich vielmehr "ein Beispiel an der Mäßigkeit, Nüchternheit, Sparsamkeit der isr. Mitbürger zu nehmen". Dank diesem beherzten Engagement von Staat und Kirche war dem Spuk bald ein Ende gemacht, die weiteren Jahrzehnte verliefen im ruhigen Miteinander. Mit der Einweihung eines neuen Betraums im historischen Lendershäuser Tor (Landgerichtsstraße 17) setzte die Kehillah, die offiziell noch immer "Israelitische Kultusgemeinde Lendershausen" hieß, im Jahr 1911 einen weiteren Schritt zur Etablierung in Hofheim. Ab April fanden dort an Wochentagen "Privatgottesdienste" statt, die großen Festtage wurden noch weiterhin in der alten Lendershauser Synagoge gefeiert. Federführend war dabei Moses Reus (1858-1926), der nicht nur lange Zeit als Kultusvorstand amtierte, sondern in Hofheim auch sieben Jahre lang als Stadtrat das Gemeinwesen mitgestaltete. Seit 1915 sammelte die jüdische Gemeinde Geld, um in Hofheim ein neues ambitioniertes Kultuszentrum mit Synagoge, Schule, Lehrerwohnung und Ritualbad zu errichten. Das voranschreitende Projekt verzögerte sich jedoch durch die Kriegswirtschaft, Rohstoffmangel und politische Unruhen. Im Ersten Weltkrieg fielen aus den Reihen der Gemeinde Hofheim-Lendershausen die Männer Julius Fleischmann, Max Reuss, Julius Rosenbach, Moritz Schuster, Jakob und Max Strauß. Theodor Vandewart kehrte als Kriegsgeschädigter mit einer schweren Verletzung am Unterkiefer zurück. Insgesamt wurden aus der 80 Personen zählenden Kultusgemeinde bis Ende 1917 achtzehn Männer einberufen. Bereits im August 1919 erwarb die Kehillah für 12.000 Mark eine ehemalige Färberei in der Kirchgasse 11 und baute das Anwesen zwischen 1922 und 1924 zum neuen Kultuszentrum um. Das Alltagsleben in den 1920ern blieb durch die wirtschaftliche Lage belastet, zusätzlich erschwert durch erstarkende völkisch-nationalistische Bestrebungen.

Im Zusammenhang mit dem ungeklärten Todesfall des vierjährigen Karl Keßler aus Manau im Jahr 1929, den die nationalsozialistische Propaganda hartnäckig als angeblichen jüdischen "Ritualmord" verstanden wissen wollte, gerieten mit Lehrer Simon Blumenthal, Theodor Levor, Joseph und Justin Oppenheimer sowie Julius Schloß auch Mitglieder der Hofheimer Kultusgemeinde vorübergehend unter Verdacht. Bereits in den ersten Monaten nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 kamen die ersten jüdischen Hofheimer in Haft – unter ihnen Theodor Vandewart, der vergebens seine zahlreichen Auszeichnungen aus dem Krieg präsentierte. Sein Anwesen wurde zwangsversteigert, um den "unverschämtesten Juden des Landkreises" endlich mundtot zu machen. Hingegen wurde Justin Oppenheimer bis 1936 im KZ Dachau festgehalten, zog anschließend nach Köln, heiratete dort und wanderte nach Palästina aus. Die Gründerin der ersten Hofheimer Bank, Rösschen Reuss, wurde nach der Reichstagswahl 1936 öffentlich gedemütigt und auf einem Mistwagen durch die Stadt gefahren – sie hatte sich der zur Farce gewordenen Wahl enthalten.   Auch die übrigen Jüdinnen und Juden wichen der Drangsalierung, zunehmend kehrten sie ihrer Heimat den Rücken. Zwischen 1933 und 1938 schrumpfte die Gemeinde von 45 auf 17 Personen. Das Novemberpogrom brach im üblichen Muster über die Kehillah von Hofheim-Lendershausen herein. Die Männer wurden verhaftet und mussten einige Zeit Zwangsarbeit ausüben, die Häuser wurden gestürmt, geplündert und demoliert, die Inneneinrichtung der Synagoge verbrannt. Anschließend verließen weitere jüdische Familien den Ort, emigrierten oder zogen in vermeintlich sicherere Großstädte. Theodor Vandewart und Felix Kuhn mussten als letzter Vorstand die Auflösung ihrer Kultusgemeinde betreiben. Bis Anfang August 1940 verließen die letzten Jüdinnen und Juden Hofheim. Die meisten von ihnen wurden von ihren neuen Wohnstätten aus deportiert und kamen in den Konzentrationslagern ums Leben. Andere starben noch in Deutschland und begingen Suizid. 

Eine Gedenktafel hinter dem Rathaus erinnert an die jüdische Gemeinde und ihre Synagoge (Obere Senningstraße 4). Eine Ausstellung in der früheren Schule in Lendershausen widmete sich den Zeugnissen „aus der jüdischen Vergangenheit von Lendershausen und Hofheim“ präsentierte. Zusammengestellt hatte sie Cordula Kappner, Chronistin zahlreicher jüdischer Gemeinden im Landkreis Haßberge.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Lendershausen-Hofheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 514-527.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 222.