Möglicherweise lebten hier bereits um 1300 jüdische Familien, denn es werden unter den Opfern des Rintfleisch-Pogroms im Jahr 1298 auch Juden aus „Ostheim“ erwähnt. Jedoch fehlen weitere Nachweise aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit.
Laut Rechnungen der Aschaffenburger Finanzverwaltung gab es um die Mitte des 17. Jahrhunderts einzelne jüdische Haushalte im Ort. Spätestens ab dem frühen 18. Jahrhundert existierte eine Kultusgemeinde, weil diese im Jahr 1719 zur Miteigentümerin am jüdischen Bezirksfriedhof „am Erbig“ in Schweinheim/Aschaffenburg wurde. Die jüdische Gemeinde gehörte damals zum Rabbinat Mainz. Ein Hinweis auf gemeinschaftliche Toralesungen, die im Ort veranstaltet wurden, geht aus einer Mahnung zum Einhalten der Gottesdienstordnung hervor, die Ende 1753 erfolgte. Anfang 1758 wird ein Betraum im Haus des Marx Isac erwähnt. Ein Großostheimer Jude wurde 1769 zum Mitglied einer Gruppe des Mainzer Oberrabbiners bestimmt, zuständig für innerjüdischen Angelegenheiten im Mainzer Oberstift (Weltliches Herrschaftsgebiet der Mainzer Kurbischöfe im Untermaingebiet mit dem Zentrum Aschaffenburg).
Steuerverzeichnisse aus den 1770er Jahren beweisen die Ansiedlung von neun bis zwölf jüdischen Familien im Ort. 1787 sind 15 jüdische Haushalte genannt. Jüdische Hausväter verdienten sich ihren Lebensunterhalt überwiegend als Viehhändler. Auf das Vorhandensein einer Mikwe verweist die Gemeinderechnung aus dem Jahr 1771. Der Standort ist jedoch nicht überliefert. Das zweistöckige Anwesen neben der 1787 neuerbauten Synagoge (Plan-Nr. 300a, Rückgebäude Breite Straße 53) diente in der Folgezeit als Gemeindehaus und wurde mehrfach umgebaut.
Über die Geschichte der Judenschaft in Großostheim im 19. und 20. Jahrhundert gibt es nur spärliche Informationen. 1817 zählte die Kultusgemeinde 54 Personen in 17 Familien, zuzüglich einer Familie mit elf Personen in Pflaumheim. Ihre Mitgliederzahl steigerte sich 1835 noch auf 22 Familie (65 Personen in Großostheim + 7 Personen in Pflaumheim), sank dann bis 1857 auf fünf Familien und erreichte ihre Höchstzahl von 80 Personen im Jahr 1885. Die jüdischen Mitbürger arbeiteten zu jener Zeit v.a. als Händler und Hausierer. Die IKG Großostheim gehörte zum neu gegründeten Distriktsrabbinat Aschaffenburg, die Verstorbenen wurden auf dem Friedhof in Schweinheim beigesetzt.
Die kleine und finanzschwache Gemeinde konnte sich keinen staatlich geprüften jüdischen Religionslehrer leisten. Da es einigen umliegenden Kultusgemeinden ähnlich erging, plante das zuständige Aschaffenburger Rabbinat eine Religionsschule für mehrere Gemeinden mit Sitz in Großostheim. Doch der Schulverband funktionierte nur bedingt, denn die Nachbargemeinden widersetzten sich wegen der teils sehr weiten Schulwege dieser Regelung. Für den notwendigen Bau eines modernen Ritualbades erwarb die jüdische Gemeinde 1877 ein Grundstück an der Ecke Wildgraben / Bachstraße und musste sich bis zu dessen Fertigstellung hoch verschulden. Auch die 1912 nötig gewordene, grundlegende Renovierungen des Gemeindehauses und der Synagoge sowie der Mikwe 1916/17 waren finanziell kaum noch zu stemmen. Aufgrund fehlender Quellen lässt sich nicht mehr feststellen, welche der geplanten Reparaturen tatsächlich durchgeführt wurden.
1932 lebten noch 32 Jüdinnen und Juden im Ort. In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft ab 1933 kam es auch in Großostheim zu antisemitischen Ausschreitungen, die sich ab 1936 zunehmend häuften. Jüdische Häuser und Geschäfte wurden beschmiert und beschädigt. Angesichts der wachsenden Drangsalierung entschlossen sich mehrere jüdische Familien zur Emigration. Während des Novemberpogroms 1938 rottete sich eine größere Menschenmenge im Ort zusammen. Der Mob plünderte und demolierte anschließend jüdische Häuser und Wohnungen und zerstörte dann auch die Inneneinrichtung des jüdischen Gemeindehauses und der Synagoge. Einige Israeliten wurden von der Gendarmerie in „Schutzhaft“ genommen. Bis zum August 1939 wanderten erneut einige Familien aus, so dass nur noch neun jüdische Bürger im Ort lebten. Die fünf letzten Juden wurden 1942 in die Vernichtungslager Theresienstadt, Auschwitz und Treblinka verschleppt und ermordet.
1949 kam es vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Aschaffenburg zum Prozess gegen sechs Tatverdächtige im Hinblick auf die Vorfälle während der Pogromnacht 1938 in Großostheim. Fünf der Angeklagten hat man anschließend zu Gefängnisstrafen zwischen drei und 15 Monaten verurteilt. 1991 wurde in Gegenwart des Vorsitzenden der IKG Würzburg und Unterfranken, David Schuster, eine Gedenktafel mit den Namen der verfolgten jüdischen Mitbürger von Großostheim enthüllt. Auch am Ehrenmal für die gefallenen Soldaten der Weltkriege, das sich an der Pfarrkirche St. Peter und Paul befindet, erinnert ein Gedenkstein an die insgesamt 16 jüdischen Opfer der Shoah, die in Großostheim geboren wurden oder bis zuletzt gelebt hatten. Die Kommune beteiligt sich am Projekt DenkOrt Deportationen mit zwei Gepäckstücken: Eines erweitert das zentrale Mahnmal auf dem Würzburger Bahnhofsplatz, das Gegenstück wird vor Ort an die deportierten Opfer der Shoah erinnern.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Axel Töllner / Cornelia Berger-Dittscheid: Großostheim. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 83-91.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 209.
