In dem an der Straße von Fulda nach Kissingen gelegenen Ort sind erstmals im Jahr 1650 vier jüdische Familien bezeugt. Sie standen unter dem Schutz des Reichsritters Heinrich von der Tann. Beim Verkauf des von der Tann´schen Lehens an Fürstabt Placidus von Fulda 1692 werden drei Schutzjuden genannt, die zusammen mit den übrigen Untertanen die Herrschaft wechselten. Zwei von ihnen erscheinen 1703 in den Quellen als Hausbesitzer. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wuchs die jüdische Bevölkerung des Dorfes weiter an und umfasste 1785 zwölf Familien. Vier jüdische Haushalte wohnten 1789 in eigenen Anwesen. Der Kern der jüdischen Gemeinde von Geroda lag im Oberdorf im Umfeld der wohl 1717 eingeweihten Synagoge (Haus-Nr. 93).
Die Hausnummern 92 und 94 befanden sich noch im 19. Jahrhundert in jüdischem Besitz. Eine Beschwerde des Würzburger Fürstbischofs über Aktivitäten der örtlichen Juden im Territorium des Hochstifts im Jahr 1715 weist darauf hin, dass Juden aus Geroda im weiten Umkreis mit Rindern und Schafen handelten. 1787 wurde der Vieh- und Schnittwarenhändler Salomon Isaac/Isaak (Hess) aktenkundig, da man ihm den Vorwurf machte, für ein Darlehen wucherische Zinsen zu verlangen. Aus dem Jahr 1790 ist die Anstellung des Samuel Löser Stern als Vorsänger und Schächter der jüdischen Gemeinde überliefert. Er bewohnte mit seiner Familie das Haus-Nr. 42 (heute Pfarrer-Schödel-Straße 2) und erteilte dort ab 1801 auch den Religionsunterricht. Ihre Toten bestatteten die jüdischen Familien von Geroda auf dem Verbandsfriedhof von Pfaffenhausen bei Hammelburg.
Im Jahr 1806 lebten in Geroda 15 jüdische Familien (rund 75 Personen) unter dem Schutz des Fürstabts von Fulda. Die zehn Häuser, in denen sie wohnten, lagen fast alle südwestlich der Kirche Richtung Ortsausgang. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verteilten sich Jüdinnen und Juden im ganzen Dorf an. 1816 fiel das Amt Brückenau, zu dem Geroda gehörte, an das Königreich Bayern. Die IKG Geroda wurde dem Oberrabbinat Würzburg zugeteilt. 1840 kam sie an das neu gegründete Distriktsrabbinat Gersfeld (Hessen) und nach dessen Auflösung 1892 an den Rabbinatsbezirk Bad Kissingen.
Von 1816 an war das bayerische Judenedikt in Geroda gültig. Das Dorf erhielt 1817 vierzehn Matrikelstellen zugeteilt, durch die die Anzahl der jüdischen Haushalte festgelegt wurde. 1824 genehmigte man eine weitere Matrikelstelle für Männlein Abraham Schiff, der sich als Landwirt im Dorf niedergelassen hatte. Der Mitgliederstand der Kultusgemeinde nahm dennoch kontinuierlich zu, 1848 erreichte sie mit 20 Familien und fast 100 Personen einen Höchststand.
Die Juden in Geroda waren wie der Großteil der restlichen Bevölkerung im Amt Brückenau sehr arm und lebte in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Die meisten von ihnen hatte nur kümmerliche Einkünfte aus dem Vieh-, Kleinwaren- und Schacherhandel. Daneben gab es sieben jüdische Landwirte und zwei Handwerker. Um den von der Regierung geforderten qualifizierten Religionslehrer bezahlen zu können, bildete man nach dem Ausscheiden des Lehrers Stern 1832 einen gemeinsamen Schulsprengel mit den Kultusgemeinden von Platz und Schondra. Ab 1833 unterrichtete der Lehrer Wolf Klein 27 Werktagsschüler in den Elementarfächern und in Religion und an den Feiertagen 18 Jugendliche in Religion. Daneben übte er noch das Amt des Vorsängers abwechselnd in den drei Synagogen von Geroda, Platz und Schondra aus. Ein Teil der Gemeindemitglieder war jedoch nicht zufrieden mit seiner Tätigkeit und forderte von der Regierung einen anderen Lehrer, der zugleich als Schächter arbeiten sollte. Die Israeliten von Platz verweigerten schließlich die Zahlung ihrer Beiträge. Nur auf massiven Druck des Schulinspektors hin konnte der Unterricht fortgeführt werden. Über all den Streitigkeiten erkrankte Lehrer Wolf Klein und verstarb 1837. Auch die Nachfolger im Amt gaben immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen im Schulsprengel Geroda. Den Elementarunterricht besuchten die jüdischen Kinder aus den drei Orten in den christlichen Volksschulen in ihren Dörfern.
Ende der 1830er Jahre war die alte Synagoge so schadhaft, dass man sie kaum mehr benutzen konnte. Gleichzeitig brauchte man dringend ein eigenes Schulhaus, da sich die Anmietung geeigneter Räume im Dorf immer schwieriger gestaltete. Die Kultusgemeinde, die über keinerlei Vermögen verfügte, war mit diesen Projekten finanziell völlig überfordert. Sie beantragte deshalb bei der Regierung die Erlaubnis, für beide Bauvorhaben eine Kollekte bei den israelitischen Gemeinden in Bayern durchführen zu dürfen. Diese Geldsammlung war die erste ihrer Art im Königreich und erzielte ein sehr gutes Ergebnis. 1841 wurden die Reparaturen an der alten Synagoge vorgenommen. Für den Schulhausbau wurden in der Folgezeit mehrere Planungen wieder verworfen. Nachdem die 1833 gegründete Religionsschule fünfmal umgezogen war, mietete die jüdische Gemeinde 1852 das Haus-Nr. 29 (Kirchberg 1) an. Hier standen erstmals ein geräumiges Schulzimmer und eine separate Lehrerwohnung zur Verfügung. 1868 erwarb die Judenschaft schließlich ein Bauernhaus (Haus-Nr. 24, heute Kirchberg 3) und baute das eingeschossige, aus der Barockzeit stammende Fachwerkhaus zum jüdischen Gemeindehaus mit Religionsschule und Lehrerwohnung aus.
Das alte Ritualbad der jüdischen Gemeinde, das sich in dem an der Thulba gelegenen Haus des Samuel Hess (Haus-Nr. 47, heute Am Weierich 4) befand, konnte nicht beheizt werden. Aufgrund seiner mangelhaften Ausstattung erklärte es der Landgerichtsarzt 1827 für gesundheitsschädlich und forderte die Schließung. Vorsteher Nathan Stern beauftragte daraufhin den Maurermeister Fläschner (Flaschner) mit dem Plan für einen Neubau, der anschließend vom königlichen Landgericht Brückenau genehmigt wurden. Das Bauvorhaben verzögerte sich aber aufgrund von Protesten der christlichen Dorfbewohner über den Standort der neuen Mikwe. Das Ritualbad durfte schließlich 1829 auf einem Gemeindegrundstück zwischen dem Mühlweg und der Thulba (Plan-Nr. 300) errichtet werden.
Durch die Abschaffung des Matrikelparagraphen im Jahr 1861 sank die Mitgliederzahl der Kultusgemeinde bis 1867 auf nur mehr 60 Personen. Da die Israeliten nun u.a. das Recht hatten, sich überall niederzulassen, zogen viele von ihnen in die Großstädte um, weil sie sich dort bessere Lebens- und Verdienstmöglichkeiten erhofften. Da die jüdische Gemeinde von Schondra im selben Zeitraum auf nur mehr drei Familienvorstände geschrumpft war, entschloss sie sich 1879 zur Fusion mit Geroda. Ein Jahr später gaben die Israeliten aus Platz ebenfalls ihre Selbständigkeit auf, da sie nur mehr sechs religionsmündige Juden in ihren Reihen hatten. Von diesem Zeitpunkt an wählten die Mitglieder der Verbandsgemeinde Geroda-Platz-Schondra einen gemeinsamen Kultusvorstand und benutzten hauptsächlich die Gemeindeeinrichtungen in Geroda. In den anderen beiden Synagogen veranstaltete man nur noch Jahrzeitfeiern.
1904 fielen alle jüdische Immobilien und Stiftungen aus den drei Orten in das Eigentum der Gesamtgemeinde. Im selben Jahr bestätigte die Regierung die Zusammenlegung der drei jüdischen Gemeinden und ihrer Besitztümer. Die Gesamtgemeinde Geroda-Platz-Schondra konnte 1892 mit 106 Mitgliedern ihren Höchststand verbuchen. Auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. blieb die angespannte Finanzlage, in der sich die Kultusgemeinde von Anfang an befand, unverändert. Sie durfte deshalb bei der Regierung Zuschüsse beantragen und erhielt Darlehen vom VBIG. Um 1900 stellte man Überlegungen an, wie man Beerdigungen jüdischer Mitbürger zukünftig leichter vornehmen und den mühsamen Transportweg zu dem weit entfernt liegenden Verbandsfriedhof von Pfaffenhausen vermeiden könnte. Zusammen mit der IKG Unterriedenberg wurde dann 1910 ein Grundstück am Waldrand in Geisfeld (Flur-Nr. 278 ½) erworben, eingezäunt und 1911 durch Distriktsrabbiner Bamberger zum Friedhof geweiht. Im selben Jahr entstand in der Nordwestecke der Anlage ein eingeschossiges Taharahaus (1966 wegen Baufälligkeit abgetragen). Eine 1910 eingesetzte Friedhofskommission, der Vertreter aus Geroda, (Unter-)Riedenberg, Platz und Schondra angehörten, verwaltete die Einrichtung. Vier Mitglieder der jüdischen Gemeinde bezahlten ihren Einsatz im Ersten Weltkrieg mit dem Leben. Auf einer Gedenktafel, die neben der evangelischen Kirche angebracht wurde, hat man ihre Namen verzeichnet. Um 1924 gehörten zur Gesamtgemeinde 54 Mitglieder. Zwölf von ihnen lebten in Platz und drei in Schondra. Damals gab es zwei jüdische Vereine, den Verein Ez Chajim (Lebensbaum) und den Israelitische Frauenverein. In jüdischem Besitz befanden sich eine Schneiderei, ein Eisenwaren-, Fahrrad-, Kurzwaren- und Lebensmittelgeschäft, sowie eine Bäckerei. Der 1920 eingestellte Lehrer, Kantor und Schochet Siegfried Strauß erteilte damals 13 jüdischen Kindern den Religionsunterricht. Die Kultusgemeinde beabsichtigte in dieser Zeit, die Religionsschule in eine Israelitische Elementarschule umzuwandeln, da man dafür eine staatliche Förderung erhalten hätte. Die Regierung und der Distriktsrabbiner befürworteten das Vorhaben. Der dazu benötigte Umbau des Gemeindehauses erfolgte 1923. Da aber Siegfried Strauß, der in unkündbarer Stellung war, die Anstellungsprüfung nicht bestand, verzichtete die Gemeinde auf die Einrichtung der Volksschule. 1926 kamen am Gemeindehaus noch ein Anbau mit einer neuen Mikwe und ein Schuppen für den Leichenwagen dazu.
Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 hatte die Kultusgemeinde Geroda-Platz-Schondra noch 43 Mitglieder. Sie waren von Anfang an Schikanen, Diffamierungen und tätlichen Übergriffen der Parteimitglieder ausgesetzt. Gleich im März 1933 wurden die Viehhändler Lazarus Hess und Abraham Katzmann aus ungeklärten Gründen in "Schutzhaft" genommen. Ein Jahr später stand auf einer von der NSDAP aufgestellten Tafel am Ortseingang die Aufschrift: "Juden sind in diesem Orte nicht erwünscht". Trotzdem emigrierten bis 1938 nur vier Juden aus Geroda in die USA und fünf nach Palästina. Nathan Kahn erteilte 1937 noch fünf Kindern Religionsunterricht.
Das Novemberpogrom im Jahr 1938 ging von der NSDAP-Kreisleitung Brückenau aus. Rund 35 SA-Leute fuhren mit einem Bus nach Geroda und Platz und zerstörten dort unter den Augen vieler Schaulustiger systematisch die Einrichtungen, Ausstattungen und Vorräte in allen jüdischen Wohnungen, Häusern, Geschäften, jüdischen Gemeindeeinrichtungen und Synagogen. In Geroda trafen sie am 10. November mittags ein und zogen dann in mehreren Trupps durch den Ort, um ihr sinnloses Vernichtungswerk auszuführen. Die jüdischen Männer wurden anschließend im Gerichtsgefängnis Brückenau inhaftiert, von dort ins Konzentrationslager Dachau deportiert und viele von ihnen bis zum Frühjahr 1939 eingesperrt. Durch die Vernichtung ihrer Waren und Geschäfte und dem nachfolgenden Zwangsverkauf ihres Ackerlandes konnten die Israeliten kaum mehr Einkünfte zum Lebensunterhalt erzielen. Auch der Lehrer Nathan Kahn wurde verhaftet, so dass der Religionsunterricht ausfallen musste.
Vom 9. auf 10. September 1939 fand eine weitere brutale Hetzjagd auf die jüdischen Mitbürger statt. Die Familien wurden von SS-Männern aus dem Ort im Schlaf überfallen und verprügelt, aus ihren Häusern gezerrt und gnadenlos zusammengeschlagen. Fünf von ihnen erlitten schwere Verletzungen und wurden in das jüdische Krankenhaus nach Würzburg gebracht. Die übrigen, auch unter ihnen drei Verletzte, flohen aus dem Ort, um ihr Leben zu retten. Die Gestapo verhaftete anschließend drei der Täter, ließ sie aber nach sechs Tagen wieder frei. Unter dem Eindruck dieses Pogroms bemühten sich nun alle verbliebenen Gemeindemitglieder um Ausreisepapiere. Einige zogen Anfang 1940 in andere deutsche Orte, zwei konnten noch im Mai 1941 in die USA emigrieren. Im November 1940 wurden die noch arbeitsfähigen Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die politische Gemeinde erwarb 1940 das jüdische Schulhaus, das Ritualbad, die Synagoge und den Friedhof zu einem Spottpreis. Kultusvorstand Karl Strauß musste diesen Verkauf 1941 genehmigen.16 jüdische Bürger wohnten im Februar 1942 noch in Geroda. Von ihnen wurden neun Ende April über Würzburg in die Region Lublin deportiert und umgebracht. Die letzten fünf jüdischen Bewohner von Geroda kamen im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt und wurden ermordet.
1950 hat man drei ehemalige SS-Leute wegen ihrer Beteiligung beim Septemberpogrom 1939 in Geroda vor der Großen Strafkammer des Würzburger Landgerichts zu acht, zwölf und 27 Monaten Haft verurteilt.
Im Obergeschoss des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses (Kirchberg 3) wohnten nach dem Krieg Flüchtlinge. Im Erdgeschoss befand sich bis in die 1980er Jahre das Büro der Gemeindekanzlei. 1982 verkaufte die Kommune das Haus mit der angebauten Mikwe, erwarb es aber 2010 erneut. Eine neue Nutzung des barocken, unter Denkmalschutz stehenden Fachwerkhauses, das eng mit der Geschichte der Kultusgemeinde von Geroda verbunden ist, wird seitdem diskutiert. Von der alten Mikwe aus dem Jahr 1829, die zwischen dem Mühlweg und der Thulba lag (Plan-Nr. 300), haben sich weder Ansichten noch Reste erhalten. Auf dem jüdischen Friedhof (1911 eröffnet) stehen noch rund 60 jüdische Grabsteine. Spuren der Zerstörung und Schändung, z.B. beschädigte Inschriften und Grabsteine, die während der NS-Zeit erfolgten, sind noch heute sichtbar. Die Taharahalle wurde 1966 abgerissen.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid / Axel Töllner: Geroda mit Platz und Schondra. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 130-165.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 211.
