Jüdisches Leben
in Bayern

Gaukönigshofen Gemeinde

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde von Gaukönigshofen beginnen 1555 mit einem Rechtsstreit vor dem Ochsenfurter Gerich: Die Quellen nennen einen Schutzjuden aus dem Dorf, der vermutlich im Freihof des Domdekans Johann Konrad Kottwitz von Aulenbach wohnte. 1636 werden "Moises Jud und seine Hausfrau" als erste bekannte Schutzjuden des Hochstifts Würzburg aktenkundig. Spätestens 1644 wurden sie abgelöst durch "Aaron Jud", der 1655 zehn Gulden Schutzgeld an das Hochstift bezahlte und mit seiner Frau, zwei Söhnen und vier Töchtern ein eigenes Haus bewohnte. Die Familie bestritt ihren Lebensunterhalt durch den Handel mit Salz, Schwefel, Leinen, Tuch und gelegentlich Vieh. Lange Zeit gab es im Ort nur jeweils einen Schutzjuden des Hochstifts, während sich im Freihof bald weitere jüdische Familien ansiedeln konnten.

1689, nachdem das Anwesen in den Besitz des Rechtsanwaltes Dr. Haan aus Würzburg gefallen war, existierten dort bereits vier jüdische Haushalte. Unter den Herren von Rosenbach, die den Freihof 1716 erwarben, siedelten sich bis 1748 neun, bis 1790 sogar 13 jüdische Familien an. Sie bewohnten sehr beengt in kleinen, eingeschossigen Häuschen an der Ringmauer des großen Gehöfts. Das Hochstift erlaubte im 18. Jahrhundert ab 1731 die Niederlassung von 3 bis 4 Schutzjuden; 1799 werden 7 abgabenpflichtige jüdische Haushalte genannt. Moyses Hirsch (ca. 1740 Gaukönigshofen-1811 Würzburg), der Stammvater einer einflussreichen jüdischen Familie mit Nachkommen in Würzburg und München, lebte erst im Freihof der Rosenbachs und kam 1769 durch den Kauf des Hauses Nummer 44 (heute: Am Königshof 6) in den Bürgerstand und unter den Judenschutz des Hochstifts. Er war vermutlich als Viehhändler tätig. Auch die übrigen Israeliten im Ort arbeiteten überwiegend in diesem Beruf. Ihre Toten bestattete die Judenschaft des Dorfes auf dem seit 1665 bestehenden Friedhof in Allersheim, der eineinhalb Gehstunden entfernt lag. Im Friedhofsbuch von Allersheim sind ein Vorbeter, der bis 1784 wirkte, und ein Lehrer und Rabbiner, der 1796 starb, aus Gaukönigshofen verzeichnet.

Alle ehemaligen Schutzjuden des Hochstifts Würzburg und der Freiherren von Rosenbach in Gaukönigshofen erhielten nach der Eingliederung der Region in das Königreich Bayern einen der 22 für das Dorf festgelegten Matrikelplätze. Der Ortsrabbiner Abraham Sandel wurde dabei nicht mitgezählt. Bis zur Aufhebung des Matrikelparagraphen 1861 schwankten die Anzahl der jüdischen Haushalte zwischen 22 und 28. Insgesamt umfasste die Judenschaft rund 100 Personen; durch Auswanderung v.a. junger Leute nahm sie bis zur Jahrhundertmitte um zirka 11 Prozent ab. Da die Dorfverwaltung in der Furcht vor Konkurrenz nur sehr selten Handwerker- und Geschäftskonzessionen an Israeliten vergab, mussten sie sich ihren Lebensunterhalt überwiegend durch Hausieren mit Kurzwaren und dem Handel mit Häuten, Vieh und Pferden verdienen. In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in dieser Hinsicht nur wenige Ausnahmen. So erwarb Hirsch Lewi zwischen 1810 und 1817 von Jakob und Salomon Hirsch den ehemaligen Rosenbach'schen Freihof (Hausnummer 93) und eröffnete dort eine Lederfabrik. Sein Sohn Hayum siedelte auf dem Grundstück im Jahr 1823 die Werkstatt eines Rotgerbermeisters an. Auch der Viehhandel und die Metzgerei von Faust Werkersheimer und seinem Sohn Bär entwickelten sich später zu der erfolgreichen "Viehhandelscompanie Weikersheimer". Einen gewissen sozialen Aufstieg erreichten die jüdischen Geschäftsleute mit der Erlaubnis, Haus- und Grundbesitz erwerben zu dürfen. So kamen bis 1857 dreizehn Höfe des Dorfes in jüdischen Besitz. Vermutlich befand sich im Keller der 1790 errichteten Synagoge ein altes Ritualbad. Faust Seeligmann stellte um 1815 seiner Kultusgemeinde am Haus Nummer 75 (heute Am Königshof 16) den Platz für eine moderne Quellwasser-Mikwe zur Verfügung. Das kleine Bauwerk mit Satteldach war spätestens 1819 fertiggestellt und entsprach den neuesten hygienischen Richtlinien. Die jüdischen Kinder erhielten ab 1802 ihren Elementarunterricht durch Privatlehrer; ab 1827 gingen sie in die örtliche christliche Schule. Dafür musste Schulgeld bezahlt werden. 1860/61 besuchten 12 jüdische Kinder die Werktags- und sechs die Sonntagsschule; 1890/91 gab es 21 jüdische Werktags- und sieben Sonntagsschüler; 1902/03 hatte sich ihre Zahl auf elf Werktags- und fünf Sonntagsschüler reduziert. Nach Auflösung des Oberrabbinats Würzburg gelangte Gaukönigshofen 1839 mit allen anderen Kultusgemeinden der Landgerichte Ochsenfurt und Röttingen zum vierten Rabbinatsdistrikt, der zunächst von Marktsteft aus verwaltet wurde (später Rabbinatsbezirk Kitzingen; seit 1937 Bezirksrabbinat Würzburg).

Von 1817 bis 1831 war Abraham Stern als Ortsrabbiner, Religionslehrer und "Schulverweser" tätig. Nach dessen Tod erteilte ab 1833 Abraham Ellinger, Ortsrabbiner in Giebelstadt und Geroldshausen, aushilfsweise Unterricht. Die Kreisregierung verlangte von der Kultusgemeinde jedoch die Bildung einer gemeinsamen Religionsschule mit Acholshausen. Der Akademiker Maier Strauß eröffnete diese Einrichtung 1836 im Dorf, stieß jedoch auf erheblichen Widerstand in der Gemeinde, die einen traditionell ausgebildeten Lehrer bevorzugt hätten. Er musste sich seine Entlohnung auf dem Rechtswege erstreiten. Nach vielen Auseinandersetzungen mit der Kultusgemeinde konnte er erst ab 1842 die Lehrerwohnung und den Schulraum im Synagogenneubau nutzen. 1874 erfolgte die provisorische Vereinigung mit der Acholshausener Kultusgemeinde. Julius Lippmann, der bis 1890 als Religionslehrer, Schochet und Vorsänger in Gaukönigshofen wirkte, unterrichtete ab diesem Zeitpunkt auch die Kinder der Nachbargemeinde und versah die dort anfallenden Ämter. 1895 wurden die beiden Kultusgemeinden offiziell zusammengelegt. Lippmanns Nachfolger Julius Bravmann (Amtszeit 1891–1931) erteilte ab 1911 zusätzlich den Kindern der stark dezimierten Kultusgemeinde von Goßmannsdorf a.Main Unterricht. Mit Unterstützung der Kreisregierung erreichte er die Erbauung eines neuen Schul- und Gemeindehauses in Gaukönigshofen. Das vom örtlichen Architekten Kilian Höner geplante, parallel an die Synagoge anschließende zweigeschossige Walmdachhaus (Haus Nummer 101; heute: Am Königshof 22) wurde 1901 fertiggestellt. Mit ihm konnten die Unterrichts- und Wohnbedingungen des Lehrers erheblich verbessert werden. Die ehemalige Lehrerräume in der Synagoge dienten in der Folgezeit als Wohnung für mittellose Gemeindemitglieder. Auf der Grundlage neuer Gesetze kam es ab den 1860er Jahren zu einem zunehmenden gesellschaftliche Aufstieg und die Emanzipation der jüdischen Bürgerschaft. Nach Aufhebung des Matrikelparagraphen zogen einige Mitglieder der Kultusgemeinde in Großstädte um. Ab 1861 eröffneten jüdische Geschäftsleute die ersten "offenen" Läden im Ort. Nach der gesetzlichen Gleichstellung der Juden errangen jüdische Mitbürger von Gaukönigshofen auch Führungspositionen der Kommune und in den örtlichen Vereinen. Zum Beispiel befanden sich 1882 bei der Gründung der Freiwilligen Feuerwehr fünf jüdische Bürger im Komitee und 1888 kam der Vieh- und Immobilienhändler Heß Mainzer als erster Jude in den Gemeinderat. Die Anbindung an das Eisenbahnnetz 1899 beförderte die wirtschaftliche Entwicklung des Ortes. Großen Anteil daran hatte die 1898 gegründete Maschinenbaufabrik der Gebrüder Ignaz und Vitus Weikersheimer. Sie entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum größten Arbeitgeber in der Region und hatte Zweigniederlassungen für den Export in Berlin und Hamburg (1930 Konkurs). Auch die Viehhandelsgesellschaft von Bernhard Weikersheimer florierte in den 1920er Jahren und versorgte die gesamte Ochsenfurter Region mit Jungvieh, Zugochsen, Milchkühen und Schlachtvieh. Bis 1925 sank jedoch die Anzahl der jüdischen Mitbürger um rund ein Drittel auf 67 Personen. Sinkende Geburtenraten und der Wegzug junger Leute waren die Ursache dafür.

1933 wurden noch 54 jüdische Einwohner gezählt. Die Zahl blieb zunächst konstant. Trotz zunehmenden antisemitischen Ausschreitungen und Schikanen entschlossen sich in den folgenden fünf Jahren nur vier hier wohnhafte Juden zur Auswanderung. Die jüdische Viehhandels-Compagnie und Gewerbebetriebe bestanden größtenteils bis 1938. Beim Novemberpogrom 1938 fiel in der Nacht vom 10. auf 11. November ein Trupp von zirka 30 SS- und SA-Männern aus Ochsenfurt in das Dorf ein. Zusammen mit etlichen Dorfbewohnern zog der Mob dann durch die Straßen und schlug in den jüdischen Anwesen und Geschäften alles kurz und klein. Die beteiligten katholischen Bürger plünderten hemmungslos die jüdischen Läden und Häuser und bereicherten sich an den Wertsachen. Auch die Synagoge und das jüdische Gemeindehaus wurden aufgebrochen und verwüstet. Das Büro der jüdischen Viehhandels-Compagnie wurde zerstört und alle Geschäftsunterlagen verbrannt. Die Parteimitglieder nahmen die jüdischen Männer fest. Einzelne wurden brutal verprügelt. Zusammen mit den Juden von Aub, Acholshausen und Goßmannsdorf a.Main hat man sie in das Gefängnis nach Ochsenfurt, später teilweise in das KZ Dachau verbracht und dort bis Anfang 1939 inhaftiert. Das Novemberpogrom 1938 in Gaukönigshofen endete in einem Saufgelage mit den aus den jüdischen Häusern gestohlenen alkoholischen Getränken.

Nach diesen schrecklichen Ereignissen stellten fast alle jüdischen Gemeindemitglieder Ausreiseanträge, doch nur 25 durften den Ort verlassen. Die meisten wanderten nach England, in die USA und nach Palästina aus. Nach der Pogromnacht 1938 hat man auch die acht jüdischen Kinder aus dem Dorf von der örtlichen Schule ausgeschlossen. Für sie wurde eine jüdische Volksschule eingerichtet, in der bis 1940 Unterricht erteilt werden durfte. Noch 1938 entzog man den jüdischen Gewerbetreibenden ihre Lizenzen und zwang sie so zur Geschäftsaufgabe. Vieh, Futtermittel, Landmaschinen und Autos wurden beschlagnahmt. Die jüdischen Grundbesitzer wurden gezwungen, ihre Immobilien weit unter Wert zu verkaufen. Auf diese Weise fielen auch die landwirtschaftlichen Nutzflächen aus ehemaligen jüdischen Besitz, einschließlich der Häuser, Wirtschaftsgebäude und Nutztiere zu einem Spottpreis an die Bayerische Bauernsiedlung GmbH München. Die Israeliten mussten ihre Wohnungen verlassen und wurden in „Judenhäusern“ untergebracht. Ab dem Frühjahr 1941 mussten sie Zwangsarbeit leisten. Im März 1942 erfolgte die Deportation von 27 der jüdischen Einwohner über Kitzingen und Würzburg nach Izbica bei Lublin. Dort verliert sich ihre Spur. Die letzten vier jüdischen Einwohner wurden im Juli 1942 nach Würzburg verbracht und von dort im September in das KZ Theresienstadt transportiert und ermordet.


Obwohl sich ein großer Teil der katholischen Dorfbewohner an dem Novemberpogrom 1938 in Gaukönigshofen aktiv beteiligt hatte und es auch eine Liste der Täter gab, stand nach dem Zweiten Weltkrieg nur einer von ihnen deswegen vor Gericht in Würzburg. Im einstigen jüdischen Schulgebäude aus dem Jahr 1901 wurden Büros und Dienstwohnungen der Landpolizei untergebracht. Das ehemalige Ritualbad war unter dem neuen privaten Besitzer zur Garage geworden. Das darin befindliche Tauchbecken diente dabei als Werkstattgrube. Im alten Anwesen der Freiherrn von Rosenbach, das im 19./20. Jahrhundert in jüdischem Besitz war, wurde zeitweise ein Kriegsgefangenenlager stationiert.

Bis heute haben sich die wichtigsten Gebäude der jüdischen Kultusgemeinde – Synagoge, Gemeindehaus und Mikwe – erhalten. Die einstige Synagoge wurde renoviert und 1988 als Kreisgedenkstätte eröffnet. Auch die Mikwe (Am Königshof 16), die der Gemeinde von der Besitzerin kostenlos übereignet wurde, hat man wiederhergestellt. Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 erstellte das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion in der Würzburger Umgebung. Die Route erschließt vier jüdische Landgemeinden in Unterfanken (Heidingsfeld-Gaukönigshofen-Höchberg-Veitshöchheim). Stolpersteine an einigen ehemaligen Häusern der Schutzjuden halten die Erinnerung an die ermordeten jüdischen Mitbürger wach. Die Kommune beteiligt sich am Projekt DenkOrt Deportationen mit zwei Gepäckstücken: Eines erweitert das zentrale Mahnmal auf dem Würzburger Bahnhofsplatz, das Gegenstück wird vor Ort an die deportierten Opfer der Shoah erinnern. 

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Gaukönigshofen mit Acholshausen. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 613-639.
  • Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken. In: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012, S. 95-113.
  • Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt am Main 1937, S. 82-84.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 240.