Jüdisches Leben
in Bayern

Forchheim Gemeinde

Es gab hier bereits im 13. Jh. eine größere jüdische Siedlung. Dies ist durch das Nürnberger Memorbuch, einem jüdischen Totengedenkbuch, belegt. In ihm sind mehr als 84 Jüdinnen und Juden aus 18 Familien verzeichnet, die beim Rintfleischpogrom 1298 in Forchheim ums Leben kamen. 

Aufgrund der 1326/28 erstmals genannten Synagoge darf man davon ausgehen, dass sich spätestens zwei Jahrzehnte nach dem Massaker erneut eine jüdische Gemeinde gebildet hatte. Vermutlich lebten deren Mitglieder damals zusammen in einer Siedlung, da 1381 eine „Juden gazze“ erwähnt wird, bei der es sich um das heutige Huppmannsgässlein handelte. Westlich davon lag der jüdische Friedhof. Im folgenden Jh. siedelten sich die Forchheimer Juden auch außerhalb dieses Bereiches an, wie zwei 1459 verzeichnete jüdische Häuser beweisen. Schätzungsweise lebten Anfang des 15. Jh. rund 13 jüdische Familien mit etwa 100 Personen im Ort. Forchheim besaß damit nach Bamberg zeitweise die zweitgrößte jüdische Gemeinde im Hochstift Bamberg, von dessen Regenten Albrecht von Wertheim (Amtszeit 1398‒1421) sie in den Jahren 1400 und 1413 auch Schutz- und Schirmbriefe erhielten. Ab der Mitte des 15. Jh. kam es jedoch zunehmend zu ihrer Abwanderung. Gründe hierfür waren eine zunehmende Judenfeindlichkeit und die Tatsache, dass die Obrigkeit 1447 und 1450 Zinsreduktionen erlaubte, um die Schuldner der jüdischen Gläubiger zu entlasten. Damit verloren die Juden einen Teil ihrer Einnahmen. Unter anderem hatte die Forchheimer Stadtverwaltung bei ihnen hohe Schulden. Den vorhandenen Quellen zufolge waren 1485/86 keine Juden mehr in Forchheim ansässig. Fürstbischof Heinrich III. Groß von Trockau bestätigte dazu im Jahr 1499 in einem Schreiben, dass er wie seine Vorgänger im Bamberger Hochstift keine Juden akzeptieren würde.

Erst ab zirka 1645 bildete sich in Forchheim eine neue jüdische Gemeinde. Die städtischen Rechnungsbücher aus den Jahren 1654/55, in denen das Vertragsgeld, das jeder Jude entrichten musste, verzeichnet ist, lassen auf damals sieben Familien schließen. Ihre Häuser befanden sich im Raschenbach (damals „Judengasse“ genannt; heute Wiesentstraße).

Die jüdische Gemeinde hatte um 1820/30 rund 130 Mitglieder, die überwiegend in der heutigen Hornschuchallee wohnten. Ihre Toten konnten sie auf dem Friedhof in Baiersdorf bestatten. Aufgrund des 1813 erlassenen Judenedikts war die Anzahl der Familien in Forchheim auf 20 festgelegt. Daher verließen viele junge Erwachsene die Stadt und wanderten nach Amerika aus.

Die jüdischen Kinder besuchten die katholischen Schulen und erhielten nur den Religionsunterricht durch einen jüdischen Lehrer. Eine eigene israelitische Volksschule konnte trotz vielfältiger Bemühungen nicht verwirklicht werden. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ berichtete 1851, dass der Verdienst des Forchheimer Religionslehrers so gering war, dass er sich auch noch anderweitig um Arbeit bemühen musste.

Mit der Aufhebung des Judenedikts in Bayern im Jahre 1861 begann eine Zeit der rechtlichen Gleichstellung der Juden. Sie durften nun u.a. auch ihren Wohnort frei wählen. Größere Orte waren für sie ein attraktives Ziel, da dort eine jüdische Gemeinde samt zugehöriger Infrastruktur vorhanden war. Daher verließen viele Juden die Dörfer und wanderten in die Städte ab. So kam es auch in Forchheim zu einer steigenden Zahl an Gemeindemitgliedern. 1880 hatte sie mit 212 Personen ihren Höchststand erreicht.

Die jüdischen Mitbürger trugen maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung Forchheims bei. Anfang des 20. Jh. waren fünf Industriebetriebe, zwölf Handelsgeschäfte und zwei Bankhäuser in jüdischem Besitz. Einzelne Familien besaßen Häuser in der Hauptstraße. Laut einem Bericht aus dem Jahr 1909 befand sich ein Drittel der Forchheimer Juden in „günstigen Vermögensverhältnissen“ und ein weiteres Drittel hatte ein „entsprechendes Auskommen.“ Aus der Volkszählung im Jahr 1905 geht hervor, dass sich unter den insgesamt 110 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde 50 religionsmündige Männer befanden. Es wurde fast täglich Gottesdienst gefeiert. Der Religionslehrer, der ihn abhielt, wurde an hohen Feiertagen durch einen weiteren Lehrer ergänzt. Drei Metzger verkauften in Forchheim geschächtetes Fleisch.

Bereits vor der NS-Diktatur kam in Forchheim eine antisemitische Bewegung auf. Schon im Jahr 1922 wurde eine NSDAP-Ortsgruppe gegründet; ab 1924 erschienen in deren Kampfblatt „Streiter“ judenfeindliche Artikel. Am 24. August 1924 gab es in der Stadt eine Kundgebung mit Adolf Hitler. 

Auch die Forchheimer Juden litten ab 1933 zunehmend unter dem Boykott gegen jüdische Geschäfte und der immer stärker werdenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unterdrückung. Besonders schwer traf es sie in der Reichspogromnacht (9. auf 10.11.1938). Damals zog eine große Menschenmenge vom „Hotel National“ stadteinwärts. Einzelne Gruppen verwüsteten auf diesem Weg jüdische Geschäfte und Wohnungen, misshandelten die Besitzer und verschleppten sie auf die Polizeiwache. Die Synagoge wurde von dem Mob, unter denen sich auch uniformierte Parteigenossen befanden, erst im Innern zerstört und am nächsten Tag gesprengt. Alle Forchheimer Juden wurden inhaftiert und einige unter ihnen für mehrere Wochen im KZ Dachau eingesperrt.

Bis 1940 verließen 44 Juden ihre Heimatstadt. Sie zogen in andere Teile Deutschlands oder wanderten nach Amerika, Australien, Kuba und England aus. Ihr Besitz fiel in die Hände der Nazis. Die 15 Jüdinnen und Juden, die 1941 in Sammelunterkünfte eingepfercht noch in Forchheim lebten, wurden in den darauffolgenden Monaten deportiert und ermordet.

 

Nach dem 2. Weltkrieg lebten wieder vorübergehend einige Juden in Forchheim. Es handelte sich dabei v.a. um ehemalige politische Häftlinge. 1982 hat man gegenüber der einstigen Synagoge eine Gedenksäule aufgestellt, die der Bamberger Künstler Hermann Leitherer gestaltete. Ihre Inschrift erinnert an die Leistungen und Leiden der jüdischen Mitbürger und an die Zerstörung ihres Gotteshauses. 


(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hager, Angela / Haas, Hans-Christof: Forchheim, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 144-151
  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken (gff digital, Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien, 4), Nürnberg 2017
  • Kießling, Rolf Kilian: Juden in Forchheim: 300 Jahre jüdisches Leben in einer kleinen fränkischen Stadt, Forchheim 2004