Jüdisches Leben
in Bayern

Dormitz Gemeinde

Eine Ansiedelung jüdischer Familien ist in Dormitz erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts gesichert: 1603 wird ein "Jud David" genannt, der sein neu erbautes Haus wegen fehlender Genehmigungen wieder einreißen musste, und 1611 sind sechs jüdische Häuser belegt. Nach 1720 wurden die Verstorbenen der Dormitzer Gemeinde auf dem jüdischen Friedhof in Baiersdorf bestattet. Spätestens im 18. Jahrhundert etablierte sich eine kleine Gemeinde, da 1728 sechs und 1771 bereits zehn Familien gezählt wurden.

Die Matrikel von 1813 nennen 17 jüdische Familien und weitere drei mit einer besonderen Erlaubnis. In den Listen der 1820er Jahren sind 15 Stellen ausgewiesen. Die Hausväter ernährten sich und ihre Familien als Hausierer, Händler von Schnittwaren oder Viehhändler. Die jüdische Gemeinde war seit 1825 dem Distriktsrabbinat Hagenbach zugeteilt und nach dessen Auflösung 1894 dem Distrikt Bamberg.

Neben der Synagoge besaß die kleine Gemeinde ein Schulhaus und eine Mikwe, sie beschäftigte auch fest angestellte Religionslehrer. Um 1840 erreichte die jüdische Gemeinde mit 104 Mitgliedern, etwa zwanzig Prozent der Gesamtgemeinde, einen Höchststand. Durch die Auswanderung nach Amerika und den Wegzug in größere Orte sank die Zahl der Gemeindemitglieder in der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts dramatisch und zählte 1900 nur noch 27 Personen. 1912 war kein Vorsänger mehr vorhanden, es fehlte der Nachwuchs für die Religionsschule und die Mikwe war bereits angebrochen. Eine Vereinigung mit der jüdischen Gemeinde von Ermreuth musste sich aufgrund der schlechten Verkehrsanbindung wieder auflösen. 1919 wurde die wenigen verbliebenen Dormitzer Juden und das Vermögen der Gemeinde der Kultusgemeinde Erlangen eingegliedert.

Im bayerischen Denkmal-Atlas ist ein ehemaliges jüdischen Wohnhaus mit einer Mikwe aus dem frühen 19. Jahrhundert aufgeführt.

   

Von den in Dormitz geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Herrschaft umgekommen: Sofie Bachmann geb. Rosenfels (*1856), Babette Ehrlich geb. Schulherr (*1867), Luise Kohn geb. Freitag (*1880), Meier Männlein (*1869), Jette Priester (*1861), Karoline Priester (*1875), Babette Sommerhäuser geb. Freitag (*1882), Jonas Uhlfelder (*1883), Josef Uhlfelder (*1881), Ignatz Wild (*1879), Philipp Wild (*1870).

Sofie Wild (*1918) und Joseph Wild (*1882) überlebten die Shoah. Sofie emigrierte nach Israel und später nach England, Joseph baute sich in Uruguay eine neue Existenz auf (Hinweis von Betty Wild's Enkelin Elizabeth Ida Posva, São Paulo).


(Patrick Charell)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs. (eihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
  • Rolf Kießling: Schulisches Leben in Dormitz: Christliche und jüdische Lehrer und Schüler im 19. Jahrhundert. Forchheim 2015.
  • Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken. In: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken, München 2012, S. 95-113.
  • Falk Wiesemann: "Gott möge gedenken der Seele ..." Das unbekannte Memorbuch der jüdischen Gemeinde von Dormitz in Franken. In: Birgit E. Klein und Christiane E. Müller (Hg.) in Verbindung mit dem Vorstand des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte, Memoria – Wege jüdischen Erinnerns. Festschrift für Michael Brocke zum 65. Geburtstag. Berlin 2005, S. 193-208.
  • Hans Striedl / Staatsbibliothek Bamberg (Hg.): Der "Bamberger Siddur"(Msc.add.43 der Staatsbibliothek Bamberg). Bamberg 1993.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 216f.
  • Klaus Guth: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800–1942), ein historisch-topographisches Handbuch. Bamberg 1988 (= Landjudentum in Oberfranken. Geschichte und Volkskultur 1), S. 136-144.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 149.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 138.
  • Max Siebert: Das Königreich Bayern topographisch-statistisch in lexicographischer und tabellarischer Form dargestellt. München 1840, S. 256.