Erste Hinweise auf jüdisches Leben in Coburg gibt es bereits ab Mitte des 13. Jahrhundert und dann fünfzig Jahre später in einer Urkunde König Albrechts I. (reg. 1298-1308) aus dem Jahr 1301, in der eine Verpflichtung des Würzburger Bischof Manegolts gegenüber Coburger Juden erwähnt wird. Man vermutet, dass sie zwar vom Rintfleischpogrom 1298 verschont geblieben sind, jedoch eine größere Anzahl von ihnen während des Pestpogroms 1349 ihr Leben lassen musste. Markgraf Friedrich III. von Meißen, dem Coburg 1353 zugefallen war, erlaubte 1362 aus wirtschaftlichen Interessen den unbegrenzten Zuzug von Juden in die Stadt.
Ortsbezeichnungen wie "Villa Judaeorum" (1321), Judentor (1321, 1338), Judengasse (1394), Judenkirchhof (1413) und Judenberg (1429) verweisen auf eine anwachsende jüdische Gemeinde im 14. und 15. Jahrhundert. Man darf davon ausgehen, dass sich spätestens ab den 1390er Jahren im Umfeld des Judentors ein eigenes jüdisches Wohnviertel befand. Ende des Jahrhunderts ist auch von zwei "Judengruben" die Rede, bei denen es sich wohl um Begräbnisstätten handelte. Markgraf Wilhelm II. erlaubte dann 1413 die Anlage eines Friedhofes beim Anwesen Judengasse 50.
1423 fiel Coburg an das Kurfürstentum Sachsen. Seitdem verschlechterten sich die Lebensbedingungen für die Juden permanent und mündeten in eine gezielte Vertreibungspolitik. Auch das Bistum Würzburg, zu dem das Coburger Land bis zur Einführung der Reformation 1524 gehörte, war antijüdisch eingestellt. Fürstbischof Johann II. von Brunn (Amtszeit 1411‒1440) verbot jeglichen Handel mit Juden. Daraufhin verließen viele von ihnen die Stadt. Mitte des 15. Jahrhunderts löste sich die Gemeinde auf, und für fast 400 Jahre erlosch in Coburg das jüdische Leben.
Im Jahr 1850 schuf der Coburger Landtag eine gesetzliche Regelung zur rechtlichen Gleichstellung der Juden, die u.a. Eheschließungen zwischen Christen und Juden erlaubte. Acht Jahre später wurden auch die 1815 eingeführten Handelsbeschränkungen für Juden zurückgenommen. Dies hatte zur Folge, dass sich in der Stadt langsam wieder eine kleine jüdische Gemeinschaft bildete. 1869 zählte sie 68 Mitglieder. Die Juden, die damals in Coburg sesshaft wurden, stammten zum Großteil aus den umliegenden fränkischen und thüringischen Dörfern. 1872 erfolgte die Gründung einer eigenen Kultusgemeinde. Im Jahr darauf wurde erstmals der Vorstand gewählt und ein Grundstück, das an den christlichen Friedhof auf dem Glockenberg angrenzte, als Begräbnisstätte erworben. In der Folgezeit fanden hier insgesamt 119 Juden ihre letzte Ruhestätte.
Bis 1910 war die jüdischen Gemeinde auf 313 Mitglieder angewachsen. Viele von Ihnen gehörten als erfolgreiche Geschäftsleute, Ärzte und Juristen der Mittel- und Oberschicht der Bevölkerung an. Ab 1914 wirkte Hermann Hirsch, ein liberal eingestellter Religionslehrer, als Prediger in Coburg. Er richtete 1918 in seiner Villa (Hohe Straße 30) ein Internat ein, das v.a. auswärtige jüdische Schüler aufnahm und bald einen hervorragenden Ruf genoss. Nachdem die Stadt 1920 an Bayern gefallen war, trat die jüdische Gemeinde zwei Jahre später dem Verband der Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern bei. Ab den 1920er Jahre breitete sich auch in Coburg eine antijüdische Gesinnung aus. Schon 1919 wurden in der Stadt Flugblätter mit judenfeindlichen Parolen verteilt und deutschvölkische Gruppen trafen sich zu Versammlungen. Nachdem Adolf Hitler am „Deutschen Tag“ im Oktober 1922 in Coburg aufgetreten war, erfolgte die Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe. Als sich in den Folgejahren die Angriffe gegen jüdische Mitbürger häuften und die Synagogenfenster wiederholt eingeworfen wurden, kam es zur Gründung eines „Vereins zur Abwehr von Antisemitismus“. Ihm gehörten auch Christen an. Eine Hetzkampagne der NSDAP gegen den jüdischen Kommissionsrat Abraham Friedmann führte dazu, dass Coburg 1929 als erste deutsche Stadt eine nationalsozialistische Mehrheit im Stadtrat hatte. Der Hauptinitiator der Verleumdungsaktion, Franz Schwede, erhielt 1933 das Amt des Oberbürgermeisters.
Aufgrund der massiven Anfeindungen und der Schließung der Synagoge 1933 verließen immer mehr Juden ihre Heimatstadt. Bis 1942 übersiedelten 61 ehemalige Mitglieder der Kultusgemeinde Coburg in andere Orte in Deutschland, 85 wanderten in andere Länder aus. Der jüdische Religionslehrer Hermann Hirsch bemühte sich um eine Umwandlung seines Internats in eine Privatschule und erhielt 1934 die Erlaubnis zur Führung einer privaten jüdischen Volksschule. Als Schulhaus kaufte er dafür das Anwesen in der Hohen Straße 16. Nachdem 1936 den jüdischen Schülern im ganzen Reich verboten worden war, öffentliche Schulen zu besuchen, hatte sein Institut großen Zulauf und verzeichnete im selben Jahr 76 Schüler, darunter 16 aus Coburg.
In der Nacht vom 9. zum 10. November (Reichspogromnacht) wurden mehrere jüdische Geschäfte beschädigt und geplündert. Die Schüler der jüdischen Privatschule wurden gezwungen, die Fenster ihrer Unterrichtsräume selbst zu zerstören. Im Haus von Hermann Hirsch wurde die Betstube zertrümmert, die Torarollen verbrannt und alle Wertgegenstände gestohlen. Der Hausherr selbst wurde am nächsten Tag verhaftet, seine Schule aufgelöst. In den Morgenstunden des 10. November hat man die jüdischen Bürgerinnen und Bürger zusammengetrieben und durch die Stadt zum Marktplatz geführt. Während die Frauen und Kinder dann nach Hause geschickt wurden, hat man die Männer erst in der Turnhalle festgesetzt, dann 16 von ihnen in das Gefängnis nach Hof verbracht. Insgesamt wurden in den Jahren 1941/42 von Coburg aus 37 Juden in die Todeslager im Osten deportiert. Nur vier jüdische Frauen, die aufgrund ihrer Ehe mit Christen der Deportation entgangen waren, wohnten Ende Dezember 1942 noch in Coburg.
Nach Ende des 2. Weltkriegs lebten 28 DPS und zwei jüdische Einheimische, die dem Massenmord entkommen war, in Coburg. Daraus entwickelte sich jedoch keine DP-Gemeinde und auch keine neue IKG. Ehemalige Coburger Juden, die vor allem nach Israel, den USA und Südamerika ausgewandert sind, pflegen jedoch weiterhin ihre Verbindung.
Heute erinnern noch die Judengasse und das Judentor an die jüdischen Mitbürger in der Stadt. An der Nikolauskapelle, die seit 1963 von der Altkatholischen Gemeinde genutzt wird, weist seit 1989 ein Schild an der Außenwand darauf hin, dass sie einst als Synagoge diente. Ein Steinrelief mit zwei Löwen, die eine hebräische Inschrift halten, das sich früher in der Apsis des jüdischen Gotteshaues befand, wurde 2005 an der Südwand der Vorhalle angebracht. Es stammte der zerstörten Synagoge von Autenhausen. Ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhofverzeichnet die Namen der Coburger Juden, die in der Shoah ermordet wurden.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Coburg. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 118-128.
- Gerhard Amend, Christian Boseckert, Gert Melville: Im Fokus: Juden und Coburg. Rückkehr, Ausgrenzung und Integration im 19. Jahrhundert. Im Fokus: Juden und Coburg. Rückkehr, Ausgrenzung und Integration im 19. Jahrhundert. Coburg 2021 (= Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft Coburg e.V. 31).
- Staatsministerium Sachsen-Meiningen, Staatsministerium Sachsen-Coburg-Gotha (Hg.): Ortsverzeichnis der Thüringischen Staaten vom Statistischen Bureau Vereinigter Thüringischer Staaten. Weimar 1912, S. 52.
