Man vermutet, dass bereits im 13. Jahrhundert in Burgkunstadt Juden ansässig waren. Im sogenannten Nürnberger Memorbuch werden nämlich mindestens fünf Juden aus "Kundstadt" genannt, die während des Rintfleisch-Pogroms 1298 ums Leben kamen. Im 15. Jahrhundert erwähnen Quellen jüdische Geldhändler, die aus dem Ort stammten. 1637 wurde in der Judengasse neben der Synagoge ein Gemeindehaus errichtet. Während des antijüdischen Bauernaufstands von 1699 wurden im Mai in Burgkunstadt vierzehn jüdische Anwesen geplündert. Bis 1785 wuchs die Gemeinde auf 327 Personen an. Die meisten Hausväter verdienten ihren Lebensunterhalt im Handel. Sie standen teils unter dem Schutz des Bamberger Fürstbischofs, teils waren sie reichsritterlichen Familien zugeordnet.
Die Matrikelaufstellungen der 1820er Jahre weisen für den Ort 80 Matrikelstellen aus.1825 hat man in Burgkunstadt ein Distriktsrabbinat eingerichtet, zu dem neben der örtlichen jüdischen Gemeinde noch Ebneth, Weidnitz, Altenkunstadt, Maineck, Fassoldshof und ab 1906 auch Aschbach gehörten (1914 aufgelöst). Seit 1822 besuchten die jüdischen und christlichen Kinder eine gemeinsame städtische Schule. Dieser Umstand führte immer wieder zu Streitigkeiten zwischen der jüdischen Gemeinde und dem Magistrat. Daneben kam es im März 1848 zu größeren Randalen, die von Kronach ausgingen, und bei denen rund 80 jüdische Haushalte in Burgkunstadt terrorisiert und geplündert wurden. Um die Auseinandersetzungen um das Unterrichtswesen beizulegen, erwarben die Brüder Moses und Zacharias Sack 1851 das Anwesen Nr. 100 (heute Feuerweg 19), das von da an als Schul- und Gemeindehaus genutzt wurde. Seitdem gab es in Burgkunstadt ein eigenes Gebäude für die jüdische Volksschule und die Feiertagsschule. Das Zusammenleben von Juden und Christen verlief im 19. Jh. jedoch größtenteils harmonisch. Der Distriktrabbiner Dr. Leopold Stein, tätig von 1835 bis 1844, war ein bedeutender Vertreter der gemäßigten jüdischen Reformbewegung. Er stieg 1845 zum Vorsitzenden der Zweiten Rabbinerversammlung in Frankfurt auf. Die Juden von Burgkunstadt leisteten eine bemerkenswerten Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung der Region. Beispielsweise verfügte der Essig- und Senffabrikant Leopold Lindner in seiner Senfmühle seit 1862 über die erste 5-PS-Dampfkesselanlage am Obermain und Joseph Weiermann steigerte mit seiner maschinellen Schuhfabrikation erheblich die Schuhproduktion in der Region. 1890 wurde der seit 1864 an der israelitischen Volksschule tätige Hauptlehrer Jonas Löbenstern zum Ehrenbürger von Burgkunstadt ernannt.
Um 1830 hatte die jüdische Bevölkerung in Burgkunstadt mit 416 Personen ihren Höchststand erreicht. Sie verringerte sich in der Folgezeit auf 150 Personen im Jahr 1900. Dies entsprach einem Bevölkerungsanteil von etwa 10 Prozent. Grunde hierfür war der Matrikelparagraf, der viele junge Juden zur Auswanderung in die USA zwang. Nach Abschaffung dieses Paragrafen im Jahr 1861 zogen viele Juden in größere Städte um. Der etwa gleichzeitige Zustrom von Juden aus den umliegenden Dörfern nach Burgkunstadt konnte diesen Schwund nicht ausgleichen. Als Begräbnisstätte nutzten die Burgkunstadter Juden den Distriktsfriedhof etwa einen Kilometer nördlich auf dem Ebnether Berg. Dort begruben zahlreiche jüdische Gemeinden aus der Region um Bayreuth, Kronach und Lichtenfels ihre Toten. Er musste daher im Jahr 1844 erweitert werden. Auf ihm sind heute rund 2000 Grabsteine erhalten.
Aufgrund von Anfeindungen und Repressalien seit Beginn der NS-Diktatur kehrten zehn Juden bis 1938 ihrem Heimatort den Rücken. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 informierte der NSDAP-Kreisleiter aus Lichtenfels die Ortsgruppe der Partei von den geplanten Gewaltmaßnahmen gegen Juden. Deren Mitglieder versammelten sich daraufhin vor der Synagoge (damals: Adolf-Hitler-Straße) und zerstörten sie. Am selben Tag wurden auch die Fenster der jüdischen Häuser in Burgkunstadt eingeschlagen, alle jüdischen Familienväter verhaftet und teils wochenlang eingesperrt. Nur das ehemalige jüdische Schulgebäude hat man verschont, da Kultusvorstand Max Kraus das Grundstück wenige Tagen zuvor, am 7. November 1938, an die Stadt verkauft hatte. Der Kaufpreis von 1.000 Reichsmark musste jedoch von der jüdischen Gemeinde zinslos gestundet werden als Sicherheit für eventuell entstehende Aufwendungen der Stadt für die Juden. In der Folgezeit nahmen die Schikanen an den Juden überhand. Aus nichtigem Grund wurde Max Nebel eingesperrt. Nach seiner Freilassung übersiedelte er mit seiner Familie nach Breslau, von wo aus sie später in ein Konzentrationslager verschleppt wurden. Nur Max Nebel überlebte die Deportation. Zehn weitere Juden aus Burgkunstadt wurden Opfer der Deportation am 25. April 1942 nach Krasniczyn; der jüngste unter ihnen war der fünfjährige Hans-Peter Steinbock. Als einzige Jüdin überlebte Clothilde Gebhard, geborene Thurnauer, die aufgrund ihrer Ehe mit einem Christen verschont wurde. Auf diese Weise setzten die Nazis der über 700 Jahre währenden Geschichte einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden im Bamberger Raum ein grausames, menschenverachtendes Ende. Der jüdische Friedhof fiel 1943 in den Besitz der Stadt. Auf Antrag des „Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschland“ wurde er nicht zerstört. Man plante, die dort erhaltenen Relikte zu erforschen, um daraus Erkenntnisse über das Judentum zu dessen gezielter Bekämpfung zu gewinnen. Dazu kam es jedoch nicht mehr.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt verpflichtet, an die Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) für das jüdische Schulhaus und die Synagoge nachträglich zur Entschädigung 11.500 DM plus 6,5 Prozent Zinsen zu bezahlen. 1973 sorgte die Nachricht über mehrere hundert Grabsteine, die in einer Faschingsnacht von einer Gruppe betrunkener junger Männer umgeworfen worden waren, weltweit für Entsetzen. Die Stadt hat den Friedhof daraufhin mit Unterstützung des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern wieder renovieren lassen. 1987 wurde auf dem Platz, auf dem einst die Synagoge stand, ein Denkmal errichtet. Es trägt die Inschrift „Den Opfern der Gewalt 1933-1945“. Darunter steht: „Hier stand die Synagoge, zerstört in der Pogromnacht 1938 und im gleichen Jahr abgebrochen". Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 erstellte das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion zum Thema Landgemeinden in Oberfranken, am Beispiel Altenkunstadt-Burgkunstadt.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Angela Hager / Hans-Christof Haas: Burgkunstadt. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 106-111.
- Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien, 4).
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 158.
