Jüdisches Leben
in Bayern

Burghaslach Gemeinde

Eine erste organisierte Judenschaft wird 1614 erwähnt, jedoch lebten bereits vorher vereinzelt Juden im Ort. Aus dem Folgejahr stammt eine Liste von vierzehn Familien, die in Burghaslach unter dem Schutz der Freiherren von Münster-Lisberg standen. Auch die Freiherren von Vestenberg hatten mit hoher Wahrscheinlichkeit Schutzjuden in jener Ortshälfte aufgenommen, die seit 1412 zu ihrem Besitz gehörte. Als die Vestenberger 1687 ausstarben und die Grafen zu Castell das halbe Amt Burghaslach erbten, teilten sie das Gebiet innerhalb ihrer Familie auf. So gab es bis 1783 gleich drei Herren: Die Grafen zu Castell-Remlingen und Castell-Rüdenhausen sowie den Freiherren von Münster-Lisberg.

Im Jahr 1723 reagierten die Grundherren gemeinsam auf Beschwerden des christlichen Bevölkerungsanteils und begrenzten die Zahl der anwachsenden jüdischen Gemeinde auf zehn Haushalte im Münsterschen und jeweils fünf in den zwei Castellschen Besitztümern. Da die Schutz- und Sonderabgaben eine willkommene Einnahmequelle darstellten, hielten sich die Landesherren jedoch nicht lange an diese Vereinbarung. Als zwei Jahre später der Graf von Castell-Rüdenhausen einen sechsten Juden aufnahm, lebten auf Münsterschem Gebiet bereits fünfzehn jüdische Familien. Außerdem ist eine weitere kleine Gemeinde in Fürstenforst nachgewiesen. Das Dorf gehörte zum Besitz der Ansbacher Markgrafen und wurde erst 1972 eingemeindet. Das Triumvirat der Ortsherrschaft erschwerte auch den Alltag der Kultusgemeinde: Die Synagoge stand in der Münsterschen Ortshälfte, aber die Castellschen Verwalter untersagten „ihren“ Juden, der „fremden“ Synagoge Gebühren zu bezahlen. Der absurde Nachbarschaftsstreit im kleinen Burghaslach dauerte bis 1762, er gipfelte in der offenen Aufspaltung der Gemeinde und sorgte mitunter sogar für handfeste Prügeleien. Endlich wurden alle Seiten der festgefahrenen Situation müde. Der eigens angereiste Bamberger Oberrabbiner Michael Scheurer ordnete die grundlegenden Strukturen der Burghaslacher Juden neu und legte der Gemeinde und den herrschaftlichen Verwaltern nahe, einen eigenen Rabbiner für Burghaslach zu bestellen. Vier Jahre später wurde der in Diespeck tätige Moyses Guckenheim als erster Burghaslacher Rabbiner eingestellt. Bis 1775 bestattete[n] die Gemeinde[n] von Burghaslach ihre Toten in Zeckern und Ullstadt, teils auch im näher gelegenen Aschbach.

Die Zahl jüdischer Einwohner hatte im 18. Jahrhundert rapide abgenommen, bedrückt durch die hohe Steuerlast und frustriert von der Uneinigkeit ihrer Gemeinde. Nach der Beilegung des Konflikts stieg sie wieder an, bis man 1811 in einer Aufstellung 47 gräfliche bzw. freiherrliche Patrimonialschutzfamilien mit 233 Personen zählte. Als 1821 die Anzahl der Matrikelstellen für Burghaslach auf 36 limitiert wurde, gaben die meisten Hausväter ihren Beruf als Händler an: Neben Vieh, Wein, und Hopfen, gehörten optische Gläser, Schnittwaren, Kattun, Galanteriewaren, Rohleder, Riemen und Schreibmaterialien zu ihrem Warenangebot.

1828 schloss sich die Burghaslacher Kultusgemeinde dem Rabbinatsbezirk Uehlfeld an. Später wechselte die Gemeinde zu Uffenheim, dann nach Bamberg, und zuletzt 1883 nach Schwabach. 1841 lebten im Ort 41 jüdische Familien, von denen zwölf ihr Auskommen im „Gros- und Detailhandel“ fanden. Weitere zwölf Hausväter arbeiteten als Handwerker oder übten ein anderes reguliertes Gewerbe aus, während vierzehn im „Noth- resp. Hausirhandel“ tätig waren. Dazu kamen drei bezahlte Gemeindediener: Ein Lehrer, ein Schulklopfer und ein Vorsänger, der zugleich das Amt des Schochet ausübte. Es gab bereits eine jüdische Elementar- und Religionsschule, die sich in einem angemieteten Gebäude befand. Dieses wurde im Dezember 1868 bei einer staatlichen Schulvisitation als feucht und ungesund beanstandet. Ähnlich düster viel das Urteil über die marode Bausubstanz der Synagoge aus. Nicht zuletzt durch den Druck der Schulbehörde nahmen die Burghaslacher Juden das finanziell sehr anspruchsvolle Unternehmen auf sich, und errichteten im Sommer 1870 auf dem alten Synagogengrundstück einen Neubau. In der für fränkische Landgemeinden üblichen Form vereinte er Synagoge und Schule mit Lehrerwohnung unter einem Dach. Auch das Taharahaus musste 1884 einem Neubau weichen, der bis heute steht, und 1898/99 wurde der Friedhof mit einer (neuen?) Mauer umgeben. 

Die Zahl der jüdischen Burghaslacher sank durch die Abwanderung in größere Ballungsräume oder ins Ausland von 174 Seelen im Jahr 1867 auf 60 im Jahr 1933. Dennoch zeichnete sich die Kultusgemeinde bis zuletzt durch eine rege Beteiligung am sozialen Leben des Ortes aus. Als die jüdische Schule wegen Schülermangels 1921 schließen musste, gingen die Kinder wieder an die örtliche Gemeindeschule, nur der Religionsunterricht wurde separat in der Synagoge vermittelt.

Trotz der guten jüdisch-christlichen Nachbarschaft gab es bereits in den 1920ern erste antisemitische Straftaten, hinter denen zumeist die im Februar 1923 gegründete Ortsgruppe der NSDAP steckte. Hinzu kam, dass der Nationale Block bei den Kommunalwahlen 1924 die Stimmenmehrheit gewann und mit Georg Mühler einen überzeugten Nationalsozialisten als Bürgermeister stellte. Systematische Schikanen nahmen mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 rapide zu: „Als Hitler ans Ruder kam, waren viele Einwohner gleich Nazis geworden“, erinnerte sich 1998 die gebürtige Burghaslacherin Louise Scheurer aus den USA. Auch der Friedhof wurde 1936/37 beständet. Bis 1938 verließen 20 Jüdinnen und Juden den Ort.

In der Pogromnacht auf den 10. November demolierten SA-Leute die Synagoge und setzten sie anschließend in Brand. Die dreizehn verbliebenen jüdischen Häuser wurden vollständig verwüstet, die Bewohner kamen mehrere Tage in Haft. Die allermeisten Jüdinnen und Juden verließen den Ort, nur die Familie Eckmann harrte bis Februar 1940 aus. Von jenen, die zwischen 1934 und 1940 aus Burghaslach wegzogen, wurden siebzehn in Todeslagern ermordet.

Bis heute besuchen ehemalige Einwohner und ihre Nachfahren die verlorene Heimat am Steigerwald. Die letzte Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof fand 1985 statt. Seit 2007 geben eigens gestaltete Tafeln auf dem Weg zur Begräbnisstätte und am Nachbargebäude der ehemaligen Synagoge einen Einblick in die jüdische Ortsgeschichte. Eine bedeutende jüdische Tochter von Burghaslach ist die Historikern Ruth Lapide (1929-2022), die mit ihren Eltern nach Palästina auswandern konnte. Sie erhielt für ihr Engagement im Jahr 2000 das deutsche Bundesverdienstkreuz.


(Patrick Charell)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Cornelia Berger-Dittscheid: Burghaslach. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 130-145.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 155f.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 198.