Jüdisches Leben
in Bayern

Burgau Gemeinde

Burgau gehörte als größter und namensgebender Ort der Markgrafschaft Burgau vom 14. Jahrhundert bis 1805 zu den Habsburger Erblanden. Hier existierte wohl seit dem Hochmittelalter eine jüdische Gemeinde, die während der Pestpogrome 1348/49 ausgelöscht wurde. Anschließend ließen sich wieder Juden im Ort nieder – oder kehrten zu ihrem Besitz zurück – und es entstand eine neue Gemeinde. Im 16. Jahrhundert wuchs sie zu einer relevanten Größe und besaß sowohl eine Synagoge, vielleicht auch ein Ritualbad, sowie einen Friedhof, dessen Einzugsbereich die ganze Umgebung erfasste (Binswangen, Buttenwiesen, Fischach, Hürben in Baden-Württemberg).

Die Markgrafschaft Burgau nahm Schutzjuden auf und kodifizierte 1534 die Bedingungen der Habsburger Gerichtsbarkeit mit der "Judenordnung für die Jüdischait der Markgrafschaft Burgau, der Grafschaft Kirchberg und der Herrschaften Biberbach, Seifriedsberg, Bischof und Stadt Augsburg". Als Markgraf Karl von Burgau (1560–1618), illegitimer Spross Erzherzog Ferdinands und Philippine Welser, im Jahre 1617 mit einem Erlass die Juden verbannen wollte, sicherte ihnen ein ranghöheres kaiserliches Privileg das Wohnrecht. Dafür hatten die betroffenen Juden einen jährlichen Opferpfennig an den Kaiser zu bezahlen. Lediglich in der markgräflichen Residenzstadt Günzburg konnte Karl seinen Willen durchsetzen. Mit seinem Tod fiel die Herrschaft an eine Tiroler Nebenlinie der Habsburger, und wurde nach deren Aussterben 1665 bis in das frühe 19. Jahrhundert durch einen Landvogt verwaltet.

In den Pestjahren 1634/35 erlosch die jüdische Gemeinde von Burgau, weil viele Mitglieder starben oder flohen. In einem Vergleich der Privilegien beschlossen das Hochstift Augsburg, die Stände der Markgrafschaft Burgau und Erzherzog Ferdinand Karl (1628–1662) mit Urkunde vom 3. April 1653 unter anderem, dass keine neuen Schutzjuden im Territorium aufgenommen und "den Insassen aufgedrungen werden". Die bereits in der Markgrafschaft verstreut lebenden Juden wurden Christen juristisch gleichgestellt, das alte Privileg des "Marktschutzrechtes" (Straffreiheit bei unwissentlichem Ankauf von Hehlerware) aus dem Schwabenspiegel jedoch abgeschafft. Im Jahr 1660 erwarb ein Hafner namens Michael Neuner die seit Jahrzehnten leer stehende Synagoge. Ihre weitere Geschichte sowie der Standort sind heute unbekannt. Noch 1725 sollen zwei Grabsteine auf dem aufgelassenen jüdischen Friedhof gestanden haben, von dem heute keinerlei Spuren mehr geblieben sind.

Bei der Uraufnahme (1808–1864) heißt eine landwirtschaftlich genutzte Anhöhe im Norden Burgaus, links der Landstraße "Ober der Judenbegräbniss". Der heute noch gültige Flurname weist eindeutig auf den Friedhof hin, was laut Israel Schwierz (*1943) auch nachgewiesen werden konnte. Eine jüdische Gemeinde bildete sich nicht mehr. Nach dem recht auf freie Wohnortswahl durch die Aufhebung des Bayerischen Judenedikts im Jahr 1861 lebten nur vereinzelt jüdische Personen in der Stadt. So sie denn überhaupt religiös lebten, gehörten sie der IKG Buttenwiesen und ab 1894 dem Distrikt Ichenhausen an. Bis 1933 gab es jedoch gar keine Juden mehr im Ort.

Vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges richtete das NS-Regime im Februar 1945 ein Konzentrationslager für männliche Zwangsarbeiter und im März ein weiteres für Frauen ein. Sie gehörten als Außenlager zum weit gespannten Netzwerk des Konzentrationslagers Dachau. Die über 1000 Häftlinge, darunter 500 jüdische Frauen und Mädchen aus Polen und Ungarn, wurden aus den KZs Dachau, Bergen-Belsen und Ravensbrück hierher verlegt, um unter unmenschlichen Bedingungen in den Kuno-Flugzeugwerken zu arbeiten. 18 Menschen kamen dabei ums Leben und wurden auf dem jüdischen Friedhof in Ichenhausen begraben. Die meisten der verbliebenen Häftlinge, vor allem die jüdischen Frauen, wurden im März und April 1945 über das KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim auf einen sog. "Todesmarsch" nach Allach geschickt und dort schließlich befreit. Heute erinnert ein Gedenkstein nahe dem einstigen Lagerareal an das Leid der Gefangenen des Außenlagers Burgau.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Stefan Rohrbacher: Medinat Schwaben. Jüdisches Leben in einer süddeutschen Landschaft der Frühneuzeit. In: Rolf Kießling (Hg.): Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches. Berlin 1995, S. 80-109.
  • Katia Guth-Dreyfus: Eine süddeutsche jüdische Textilie aus dem frühen 17.Jahrhundert. In: Rolf Kießling / Sabine Ullmann (Hg.): Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit. Berlin 1999, S. 220-233.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 253.
  • Historischer Atlas von Bayern, Teil Schwaben, Heft 12: Krumbach, hg. von Joseph Hahn. München 1982, S. 129-135.
  • Karl Bosl (Hg.) / Peter u. Renate Blickle: Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern, Abt. II: Franken und Schwaben vom Frühmittelalter bis 1800, Bd. 4: Schwaben von 1268 bis 1803. München 1979, S. 461f.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 254.