Jüdisches Leben
in Bayern

Altenmuhr Gemeinde

Eine des 18. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde fasst zweihundert Personen. Sie standen unter dem Schutz der Freiherren von Hardenberg.1933 lebten noch 29 jüdische Einwohner in Altenmuhr.

Obwohl Altenmuhr bereits im Jahr 888 urkundlich erwähnt wird und zu den ältesten Siedlungen im Altmühltahl zählt, ist erst 1593 ein jüdischer Bewohner namens Abraham belegt.

Bei der frühen jüdischen Gemeinde in Altenmuhr handelte es sich möglicherweise um Flüchtlinge aus dem Markgrafentum Brandenburg-Ansbach, die vom „Ausschaffungsedikt“ des Jahres 1561 betroffen waren. Zu jener Zeit saßen die Ritter von Lentersheim auf dem trutzigen Wasserschloss. In ihrer Funktion als Schutzherr siedelten sie rund fünfzig Jüdinnen und Juden auf dem Gelände der abgegangenen Burg Mittelmuhr an, wo eigens für ihre Unterbringung ein Gebäudekomplex errichtet wurde. Im Volksmund ist er bis heute als „Judenhof“ bekannt. 1744 konnte die jüdische Gemeinde das Anwesen erwerben und selbst verwalten. Die zunehmend beengte Wohnsituation besserte sich erst zum Ende des 18. Jahrhunderts, weil sich die Altenmuhrer Judenschaft nun auch im Ort selbst niederlassen und eigene Häuser erbauen konnte. Die Herrschaft Altenmuhr ging 1796 im Königreich Preußen auf und kam 1806 an das neu gegründete Königreich Bayern. Zwei Jahre später wurde eine Volkszählung durchgeführt, die 188 jüdische Einwohner im Ort auflistet.

Altenmuhr hatte nie einen eigenen Rabbiner. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte die Gemeinde dem Rabbinat Gunzenhausen an, das sich aber 1845 auflöste. Nach heftigem Ringen entschied man sich danach mehrheitlich für den Anschluss an das Rabbinat Wassertrüdingen, dem Altenmuhr am 3. Oktober 1847 offiziell zugeteilt wurde. Kurzzeitig gehörte die Gemeinde 1932/33 auch zum Distirktsrabbinat Ansbach. Als Begräbnisstätte diente jahrhundertelang der große jüdische Friedhof in Bechhofen, aber ab 1875 fanden Altenmuhrer auch in Gunzenhausen ihre letzte Ruhe. Ein eigenes Taharahaus mit Leichenwagen erbaute die Gemeinde im Jahr 1849 zwischen dem alten Waag- und Torhaus.

Spätestens ab 1811 besuchten die jüdischen Kinder in Altenmuhr den gemeinsamen Elementarunterricht in der Volksschule, ihren Religionsunterricht unterhielten sie in der Synagoge. In den 1820ern nahm die Idee einer eigenen jüdischen Elementarschule Gestalt an. Der Unterricht fand zunächst in einem nicht näher beschriebenen Wohnhaus statt, bis 1832 nahe der Synagoge ein eigenes Schulgebäude (Judenhof 21) mit einer modernen Warmwasser-Mikwe im Erdgeschoss errichtet wurde. Das Gebäude steht noch immer und befindet sich in Privatbesitz.

1831 erreichte die Altenmuhrer Gemeinde ihren Höchststand, die erfassten 263 Jüdinnen und Juden machten 37,9 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Ein zu Beginn des 19. Jahrhunderts erbautes Wohnhaus einer jüdischen Familie ist in die bayerische Denkmalliste aufgenommen worden. Es handelt sich um einen zweigeschossiger giebelständiger Bau mit Halbwalmdach und einem Zwerchhaus.

Zwischen 1845 und 1864 wanderten über hundert vornehmlich junge Jüdinnen und Juden aus Altenmuhr ab und suchten ihr Glück in der Fremde. Zu ihnen gehörten die Brüder Joseph und Lyman Blumenthal, die 1861 in New York das weltberühmte Kaufhaus Bloomingdales gründeten. Die verbliebenen jüdischen Familien engagierten sich verstärkt im Vereins- und politischen Gemeindeleben des Ortes; sie waren besonders in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv und setzten sich für den Kindergarten ein, außerdem unterhielten sie zwei wohltätige Stiftungen, die Bronemann- und die Seller-Stiftung.1876 wurde Kaufmann Simson Richard als erster Jude in den Gemeinderat gewählt. Dennoch schrumpfte die Kultusgemeinde bis zur Mitte der 1930er Jahre unaufhaltsam, und 1923 musste die jüdische Elementarschule wegen Schülermangels schließen.

Vor allem der „Blutige Palmsonntag“ im nur wenige Kilometer entfernten Gunzenhausen (s.d.) hatte ab 1934 die weitere Abwanderung beschleunigt. 1936 lebten zwanzig Juden im Ort, im November 1937 vierzehn, ein Jahr später waren es nur noch acht. In der Synagoge konnte man keine Gottesdienste mehr abhalten. Daher wurden die Ritualien wohl von den Gemeindemitgliedern selbst entfernt, wonach sich ihre Spur leider verliert. Am Morgen des 10. November rissen SA-Leute die Altenmuhrer Juden aus den Betten und sperrten sie ins Taharahaus. Später wurden sie in das Amtsgerichtsgefängnis von Gunzenhausen abtransportiert. Der jüdischen Leichenwagen landete in der Altmühl, wo ihn ein Bauer später herauszog und für seine Zwecke umbaute. Dem „Altmühl-Boten“ zufolge wohnte in Altenmuhr ab dem 23. November 1938 kein Jude mehr.

Von dreißig in Altenmuhr geborenen oder länger dort ansässigen Jüdinnen und Juden ist bekannt, dass sie mehrheitlich in die Konzentrationslager Theresienstadt und Piaski gebracht wurden, wo sie bis 1945 ums Leben kamen.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hager, Angela / Haas, Hans-Christof / Berger-Dittscheid, Cornelia: Altenmuhr, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 39-44
  • Wiesemann, Falk: Simon Krämer (1808–1887), ein jüdischer Dorfschullehrer in Mittelfranken, in: Treml, Manfred / Weigand, Wolf Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern: Lebensläufe (Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 18), München 1988, S. 121-128