Jüdisches Leben
in Bayern

Allersheim Gemeinde

Erste, spärliche Nachrichten über jüdisches Leben im Ort gibt es aus der Zeit um 1580 im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Reformation und der Vertreibung der Juden aus dem Hochstift Würzburg. Ende des 17. Jahrhundert lebten hier fünf jüdische Familien unter dem Schutz der Freiherren Geyer zu Giebelstadt. Ein weiterer jüdischen Haushalt existierte kurzfristig im Freihof des Klosters Bronnbach in Allersheim. Als Ortsvorgänger werden erstmals 1693 ein Jude namens "Sussmann" und 1697 sein Nachfolger "Leben" (Levi, Löw) genannt. Beide leisteten Zahlungen der jüdischen Kultusgemeinde an die Behörde. Weitere Gemeindevorsteher sind im Allersheimer Memorbuch, das vermutlich um 1700 angelegt wurde.

Besondere Bedeutung erlangte die Kultusgemeinde 1665 durch die Einrichtung eines Verbund-Friedhofs, der in der Folgezeit von rund 20 Orten, darunter auch vom Rabbinatssitz Heidingsfeld/Würzburg, als Begräbnisstätte genutzt wurde. Er entstand auf einem ehemaligen Acker des Klosters Bronnbach "im Hettinger Rain" und musste bis ins 19. Jahrhundert mehrmals vergrößert werden. Für das Gräberfeld wurde ein Aufseher bestimmt; später hat man auch einen Friedhofswärter eingestellt, der das Verzeichnis der Begräbnisse zu führen hatte. Seit 1741 besaß die Allersheimer Gemeinde ein neues Gemeindezentrum mit Synagoge, Schule und Wohnräumen. Es befand sich auf dem Grundstück Hausnummer 49 (heute Hauptstraße 20). Dort war auch der Friedhofswärter untergebracht. Zwischen 1750 und 1850 besaßen diese Friedhofswärter zumeist ein Rabbinerdiplom und konnten damit dem Oberrabbiner in Heidingsfeld viele Dienste abnehmen. Der erste namentlich bekannte Ortsrabbiner, der auch das Amt des Totengräber, bzw. Friedhofswärters ausübte, war Simeon. Er wirkte ab 1759 und starb 1788. 1768 erwarb die Kultusgemeinde das Anwesen Hausnummer 44, um es künftig als Schulhaus und Lehrerwohnung zu nützen.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder stark zu und erreichte 1797 die Anzahl von 18 Familien. Sie verdienten sich den Lebensunterhalt, wie in den ländlichen Gemeinden üblich, vor allem durch Klein- und Hausierhandel mit Waren des täglichen Bedarfs und in der Vermittlung von Geschäftsbeziehungen ("Schmusen"). Sie erzielten dabei gute bis mittelmäßige Einnahmen. Daneben gab es einen Totengräber mit mittelmäßigem Einkommen und einen "Judenschulmeister", der nur geringe Bezüge erhielt. 

Im 19. Jahrhundert konnte die Kultusgemeinde vorerst weiteren Zuwachs verzeichnen. 1833 umfasste sie 20 Familien mit rund 90 Personen und stellte damit mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Der Großteil der Haushaltungsvorstände war weiterhin im Handel tätig. Die meisten von ihnen gehörten der Unterschicht an und verfügten nur über geringen Besitz. Nach der Aufhebung des Matrikelparagraphen 1861 sank die jüdische Bevölkerung jedoch rasch ab, da viele in der Hoffnung auf bessere Lebensumstände in die Großstädte, v.a. nach Würzburg, abwanderten oder nach Amerika emigrierten. 1880 wurden nur mehr 8 Jüdinnen und Juden in Allersheim verzeichnet.

Da das eingerichtete Ritualbad seit 1829 den sanitären Ansprüchen nicht mehr entsprach, hat man im Hofraum der Synagoge bis 1847 eine neue Mikwe erbaut. 1844 wurde der jüdische Friedhof letztmals erweitert und dabei auch ein Taharahaus in Fachwerkbauweise errichtet. Die beiden Orte Heidingsfeld und Höchberg waren bereits 1810, bzw. 1820 aus dem Friedhofsverband ausgetreten, weil sie eigene Friedhöfe errichtet hatten; weitere Kultusgemeinden folgten. Die IKG Allersheim trat die Rechtsnachfolge dieses Friedhofsverbands an. Als letzter Ortsrabbiner, der zugleich als Friedhofswärter agierte, wird Samuel Weis(s)bart (+1868) in Allersheim genannt.

Das seit 1768 als jüdisches Schulhaus genutzte Anwesen Nr. 44 wurde aufgrund des fortschreitenden Schülermangels 1873 an Privatleute verkauft und im Folgejahr abgerissen. Der angestellte Lehrer übernahm zur Aufbesserung seines Gehalts künftig zusätzlich das Amt des Schochet und Chasan. 1885 gründeten die am Friedhof beteiligten Kultusgemeinden der Region eine neue "Israelitische Friedhofs-Corporation" mit einem dreiköpfigen Vorstand, der die Geschäftsführung übernahm. Da ein Ende der Kultusgemeinde Allersheim absehbar war, ging das jüdische Gemeindehaus bereits 1886 in das Eigentum der Friedhofskorporation über. 1901 entschieden sich die letzten drei Mitglieder zum Anschluss an die benachbarte IKG Bütthard. Die Friedhofskorporation sorgte im Jahr 1900 für den Schutz der Begräbnisstätte durch eine Umfassungsmauer und erwarb 1910 das Anwesen Nr. 55 in der Nähe des jüdischen Friedhofs. Ab 1921 wohnte hier der Friedhofswärter Heinrich Baumann mit seiner Familie. 1929 wurde auf dem jüdischen Gräberfeld ein neu errichtetes Taharahaus eingeweiht.

Im Frühjahr und Frühsommer 1938 schändeten unbekannte Täter zweimal den jüdischen Friedhof und warfen dabei eine Reihe von Grabsteinen um. Während des Novemberpogroms am 10. November 1938 demolierten Parteimitglieder der Nationalsozialisten die Wohnungseinrichtung des Friedhofsaufseher Heinrich Baumann. Baumann wurde verhaftet und mehrere Tage im Gefängnis von Ochsenfurt inhaftiert. Die Israelitische Friedhofskorporation wurde gezwungen, das Haus Nummer 55 zu verkaufen. Die beiden Töchter der Familie Baumann emigrierten nach England und in die USA; das Ehepaar Baumann konnte jedoch unter sehr erschwerten Lebensbedingungen weiterhin in dem Haus wohnen. Im März 1942 wurden sie nach Izbica bei Lublin deportiert und dort ermordet. Der jüdische Friedhof wurde 1942 geschlossen und fiel in den Besitz der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland", einer nationalistischen Zwangsvereinigung. 1944 erwarb die Kommune das Areal.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Verbandsfriedhof bis 1967 restauriert und mit einer neuen Umfassungsmauer geschützt. 1983 hat man die Fenster des Taharahauses zugemauert, nachdem sie vorher eingeworfen worden waren. Auf der jüdischen Begräbnisstätte befinden sich heute noch rund 2000 Grabsteine; die älteste Inschrift stammt aus dem Jahr 1699. Von der 1847 erbauten Mikwe existieren noch Mauerfragmente in dem Nebengebäude des Hauses Hauptstraße 18. 


(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Freilandmuseum Franken Bad Windsheim / Herbert May (Hg.): Lang gegrindet - Jüdisches Leben in Franken. Bad Windsheim 2022, S. 16.
  • Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Bütthard mit Allersheim. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 585-603.
  • Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt am Main 1937, S. 147-149.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 240.