Jüdisches Leben
in Bayern

Zirndorf Synagoge

Zwar erholte sich das Dorf nur langsam von den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges, doch konnte die Gemeinde 1685 eine erste eigene Synagoge errichten und zahlte dem Landesherrn für das Nutzungsrecht einen Taler jährlich. Der Bauplatz lag auf dem Anwesen 148 (heute Kleinstraße 2), am nördlichen Siedlungsrand von Zirndorf. Dem Memorbuch der Gemeinde zufolge stiftete Abraham Schneior aus Fürth (geb. 1700) eine Torarolle und einen Leuchter. In den 1740er Jahren legten Juden mehrfach juristische Eide in dieser Synagoge ab, von der leider keine Abbildung oder genauere Beschreibung bekannt ist.

Das barocke Gotteshaus wurde um 1764/65 durch das noch heute bestehende Gebäude ersetzt. Auf das Erbauungsdatum lässt die von Theodor Harburger und Johann Michale Fuchs belegte Jahreszahl am Türpfosten des südlichen Eingangs schließen. Das Gebäude war ein Massivbau aus Sandsteinquadern. Zum Anwesen gehörte auch ein Hofraum, der als „Judenschulhof“ bezeichnet wurde. An der Ostseite trat der Toraschrein als Standerker hervor, darüber war das Misrachfenster eingelassen. Die sakrale Funktion der östlichen Gebäudehälfte wird außerdem durch je drei hohe Fensterachsen betont, die den Betsaal erhellten. Die Männer betraten den Saal mit seiner flachen Kassettendecke durch einen Vorraum im Westen. Die hölzerne Treppe zur darüberliegenden Frauenempore führte zunächst über die Küche, 1848 wurde sie auf Wunsch des Religionslehrers an die Außenwand verlegt und begann unmittelbar vor der Schwelle des Männereingangs. An der nördlichen Hauswand lag ein weiterer Eingang, dessen Türsturz die Jahreszahl 1652 aufwies – hierbei handelte es sich wohl um eine Spolie, denn das Datum steht in keinem nachweisbaren Zusammenhang mit der Synagoge. Später ließ die Gemeinde an der Nordseite eine große Satteldachgaube mit zwei Fenstern aufsetzen; wahrscheinlich diente die Kammer ebenfalls als Wohnraum.

1859 entdeckte die Gemeinde schwere Schäden am hundert Jahre alte Dachstuhl, auch die Kassettendecke im Betsaal war akut einsturzgefährdet. Die Regierung genehmigte 1861 eine Kollekte zur Finanzierung der Renovierungsmaßnahmen, außerdem erhob die Kultusgemeinde ab 1862 auch ein Abzugsgeld in Höhe von 100 Gulden von jedem Gemeindemitglied, dass den Ort verlies. 1889 ließ die israelitische Kultusgemeinde neue Reparaturen an der Decke der Synagoge vornehmen, da aufgrund Feuchtigkeit eingedrungen war.

Eine weitere Baumaßnahme ist durch Harburger für das Jahr 1909 belegt: Die in Zirndorf geborenen Brüder Schwabacher, die „sich in Amerika ein großes Vermögen erworben haben“, finanzierten die Arbeiten durch eine namhafte Spende. Nach wochenlangen Generalsanierung feierte die Kultusgemeinde Zirndorf im Jahr 1929 die Wiedereinweihung ihrer Synagoge. Architekt Stamm aus Nürnberg hatte die Arbeiten geleitet, Bezirksrabbiner Dr. Behrens aus Fürth leitete die Zeremonie. Das Vorhaben wurde vom VBIG, der Gemeinde selbst sowie durch private Spenden finanziert.

Nach dem Novemberpogrom 1938 kaufte die Bürgergemeinde Zirndorf das inzwischen leerstehende Gebäude für einen Spottpreis von 200 RM. In das ehemalige Gotteshaus zog das Rote Kreuz ein und blieb auch nach der NS-Zeit. Beim Umbau in eine Sanitätswache wurde eine Zwischendecke in den Betsaal eingezogen und im ersten Stock eine neue Wohnung eingerichtet.


Nach dem Auszug des Roten Kreuzes im Jahr 1984 kam eine Genisa unter dem Dach zutage. Neben Fragmenten von 20 bis 30 Büchern enthielt sie ein Packet Zeitschriften von „Der Israelit“ und eine rituell unbrauchbare Schriftrolle mit dem Buch Esther. Gleichzeitig mit der Genisa entdeckte man auch den desolaten Zustand des Dachstuhls. Da eine denkmalgerechte Sanierung eine sehr hohe Summe verschlungen hätte, einigte sich der Zirndorfer Stadtrat mit dem Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern 1995 auf einen endgültigen Umbau zu einem Wohnhaus, in dem sich heute vor allem Arztpraxen eingemietet haben. Durch die Vermauerung vom Misrachfenster und der Toranische ist der ursprüngliche Zweck des Gebäudes kaum mehr erkenntlich.


(Patrick Charell)

Adresse / Wegbeschreibung

Kleinstraße 2, 90513 Zirndorf

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas: Zirndorf. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 771-785.