Jüdisches Leben
in Bayern

Wiesenbronn Synagoge

Nachdem die Gemeinde 1718 die markgräfliche Erlaubnis erhalten hatte, gegen eine jährliche Abgabe einen Betsaal zu errichten, errichtete sie im Nordwesten Wiesenbronns auf dem Grundstück des Juden Samson (Anwesen 303 in der Uraufnahme, heute Badergasse 4) die erste nachweisbare Synagoge im Dorf. Das nur über einen schmalen Zugang erreichbare, wohl in Fachwerkbauweise errichtete Gebäude war als Anbau an ein jüdisches Wohnhaus erstellt worden und bildete mit den angrenzenden Gebäuden einen Hof. Um 1740 wurde das Grundstück Eigentum der jüdischen Gemeinde. 

Bereits 1751 wurde die Synagoge als baufällig beschrieben. Bis zur Errichtung eines Neubaus vergingen noch 40 Jahre. Nach der Erteilung der Baugenehmigung durch das Kastenamt Kleinlangheim ließ die jüdische Gemeinde 1792 eine neue Synagoge errichten, die im Februar 1793 feierlich eröffnet wurde. Aus der Erbauungszeit der Synagoge, die erstmals 1825 im Urkataster abgebildet wurde, sind keine schriftlichen Quellen überliefert, so dass das Bauwerk selbst als Primärquelle dienen muss.

Die Synagoge ist ein zweigeschossiger Massivbau aus dem örtlichen Schilfsandstein mit einem rechteckigen, rund 10 Meter langen und 8 Meter breiten Grundriss. Sie diente wie zahlreiche Landsynagogen dieser Zeit als Multifunktionsgebäude und Gemeindezentrum und enthielt neben dem Betsaal mit der Frauenempore eine Wohnung für den Kantor und eine Mikwe. Diese erste in Wiesenbronn nachweisbare Mikwe wurde vermutlich erst um 1830 eingerichtet.  

Die repräsentative Fassade der Synagoge ist nach den Grundsätzen des zur Erbauungszeit maßgeblichen Klassizismus symmetrisch gestaltet. Besonders aufwändig gehalten ist die verputzte Südfassade, die zwei über beide Geschosse reichende Pilaster mit ionischen Kapitellen rahmen.

Um 1890 wurde die Westwand erneuert, so dass schließlich drei Zugänge – ein Haupteingang, der Zugang für die Frauen und ein Zugang für die Männer – die Synagoge erschlossen.  

Im Erdgeschoss befanden sich auch die Vorsängerwohnung mit Stube, Kammer und Küche und die Mikwe. Da der Religionslehrer Friedsam es 1846 mit Verweis auf die Feuchtigkeit der Wohnung abgelehnt hatte, seine Dienstwohnung zu beziehen, vergab die Gemeinde die Räumlichkeiten ab 1849 an „jüdische Armenfamilien“.

Der Männerbetsaal im Obergeschoss erstreckte sich über einen quadratischen Grundriss mit rund 7 Metern Seitenlänge, während die rund 7 Meter breite und 3 Meter lange Frauenabteilung im Westen des Dachraums als Empore circa 2 Meter in den Betsaal hineinragte.

1886 schlug ein Blitz während des Gottesdiensts in die Synagoge ein, der zwei Personen betäubte. Bei der anschließenden Sanierung im Stil des Späthistorismus wurde der Betsaal bunt ausgemalt: Während die Wände großflächig gefeldert und in den Ecken von Quadraten und Halbkreisornamenten gerahmt wurden, wurde die Decke als blauer Sternenhimmel mit gelben Sternen gestaltet. Vermutlich orientierte sich die Bemalung an der wenige Jahre zuvor eingeweihten, im Innern ähnlich gestalteten Kitzinger Synagoge.

1938 verkaufte Sally Heippert, der letzte Vorstand der Kultusgemeinde Wiesenbronn, die Synagoge an den Schuhmacher Thomas Schmidt und übergab die Kultgegenstände dem Verband der Israelitischen Gemeinden Bayerns (VIGB) in München. In der „Reichspogromnacht“ wurde die profanierte Synagoge nicht zerstört.

 

2004 erwarb das Wiesenbronner Ehepaar Michaela und Reinhard Hüßner die ehemalige, mehrfach umgebaute Synagoge. Nach einer an den Grundsätzen der historischen Bauforschung orientierten Untersuchung des Gebäudes beschlossen die neuen Eigentümer, die nach 1938 erfolgten Eingriffe in die Bausubstanz rückzubauen und den früheren Raumeindruck des Betsaals und der Frauenempore wiederherzustellen. Ihr Engagement wurde 2011 mit dem „Förderpreis zur Erhaltung historischer Bausubstanz“ gewürdigt. Die Reste der Genisa wurden durch das „Genisa Forschungsprojekt Veitshöchheim“ ausgewertet.

Im Erdgeschoss der ehemaligen Synagoge dokumentieren zwei Räume die Geschichte der jüdischen Gemeinde Wiesenbronn und der Synagoge selbst, auch die im Original erhaltene Mikwe kann besichtigt werden (Privathaus, Öffnung auf Anfrage). Der Abschluss der Restaurierung wurde am 12. September 2013 mit einem Festakt gefeiert, bei dem der Würzburger Rabbiner Jaakov Ebert ein Grußwort vortrug.


Persönlicher Dank geht an Reinhard Hüßner, Wiesenbronn, für seine freundliche Unterstützung.

(Stefan W. Römmelt)

Adresse / Wegbeschreibung

Badergasse 4, 97355 Wiesenbronn

Literatur

  • Hans-Christof Haas: Wiesenbronn. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1282-1295.
  • Reinhard Hüßner: Ist die Synagoge ohnehin baufällig und nur mittelst Klammern und Rügeln zusammengebunden …“. Zur Baugeschichte der Wiesenbronner Synagoge. In : Jahrbuch für den Landkreis Kitzingen 2009. Dettelbach 2009, S. 239-254.
  • Reinhard Hüßner: Quellen zur Geschichte der Juden in Wiesenbronn. Unveröffentlichter Aufsatz. Wiesenbronn 1999, ergänzt 2016.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 780f.