Jüdisches Leben
in Bayern

Westheim/Knetzgau Synagoge

„Seit unfürdenklichen Zeiten“ sei ein länglicher Fachwerkbau im Norden des Dorfes als Synagoge genutzt worden (heute circa Westheimer Hauptstraße 36), so zumindest verzeichnete es das Landgericht Haßfurt im Jahr 1817. Dieses Gebäude ist wohl mit jenem Gotteshaus identisch, welches 1740 von den Westheimer Juden „neuerlich … auferbaut“ wurde, vielleicht auf den Fundamenten eines noch älteren Vorgängerbaus (das Wort „neuerlich“ weist darauf hin). Bis ins 19. Jahrhundert lag die Frauenabteilung im Erdgeschoss und wurde durch eine vergitterte Trennwand vom Betsaal abgetrennt. Daher gab es auch zwei Eingänge, die nebeneinanderlagen. Auf einem Bestuhlungsplan des Jahres 1880 ist nur noch ein Eingang zu sehen, für die Frauen wurde eine Empore eingebaut. Frei vor der Ostwand stand der Toraschrein, davor eine trapezförmige Bima. Die Nähe zueinander, und die westlich zum Schrein aufführenden Treppen mit (vermutlich) einem Lesepult lassen in dieser Zeit eine „fortschrittliche“ Einrichtung im Sinne der modernen Gottesdienstordnung erkennen. Allerdings gab es neben vier Subsellien (Sitzbänken) noch immer einzelne Männerpulte entlang der Seitenwände, die sich noch an der traditionellen Aufteilung orientierten. An der Westwand neben dem Eingang stand der Beschneidungsstuhl. Ein Sachverständiger des Bezirksamts Haßfurt urteilte, dass es sich „um einen ganz primitiven, baufälligen Fachwerkbau ohne jegliches künstlerische oder sonstige Interesse“ handelte. 1913 wurde er aufgegeben. Die Kultusgemeinde verkaufte das Anwesen an Eugen und Anna Huttner. Als am 7. April 1926 eine Seitenwand einstürzte, ließen die neuen Eigentümer das ganze Gebäude niederlegen, um nicht die umstehenden Häuser zu gefährden. Der hochbarocke Toraschrein dieses Gotteshauses stammt aus dem 1. Drittel des 18. Jahrhunderts, er kam bis 1933 ins Fränkische Luitpoldmuseum Würzburg. Als die Nationalsozialisten die dortige Judaica-Abteilung schließen ließen, konnte der Eigentümer Arthur Heimann 1934 die Rückgabe erwirken und nahm den Schrein bei seiner Auswanderung nach New York mit, wo er ihn dem dortigen jüdischen Museum schenkte. 

Bereits 1880 fällten die Westheimer Gemeindemitglieder den Entschluss, eine neue Synagoge zu errichten. Allerdings dauerte es noch bis 1912, bis ernsthafte Pläne geschmiedet wurden. Zwar hatte die Gemeinde viele Mitglieder durch Wegzug und Emigration verloren, doch war dieser typische Schrumpfungsprozess weniger stark ausgefallen als in anderen fränkischen Gemeinden. Daher unternahm sie das Wagnis eines kostspieligen Neubaus, der direkt neben der Religionsschule auf demselben Grundstück entstehen sollte (heute Kirchgasse 4). Mehrere Entwürfe waren nötig, bis sich der Kunstausschuss der Obersten Baubehörde in München zufrieden zeigte. Im Dezember 1912 folgte die Baugenehmigung durch Prinz Ludwig, im 1913 konnte das neue Gotteshaus gebaut und schon am 13. September eingeweiht werden. Um Kosten zu sparen, übernahm man die Ausstattung der alten Synagoge. Auch die neue Synagoge behielt einen schlichten, länglichen Grundriss. Die Seitenwände wurden durch jeweils drei längliche fensterbahnen unterbrochen, im Westen lag die Frauenempore, der Zugange erfolgte unmittelbar am Eingang über zwei Treppen im Norden und Süden. Äußerlich war die Synagoge durch die auskragende Toranische, das Misrachfenster und durch einen Dachreiter mit dem Magen David als israelitischer Sakralbau erkennbar. Nach dem Novemberpogrom 1938 musste die Gemeinde ihr ausgeplündertes Gotteshaus aus Geldnot an einen Nachbarn verkaufen, der das Gebäude am 22. September 1939 erwarb und als Scheune nutzte. Nach dem Restitutionsprozess 1951/52 verkaufte die JRSO das rückerstattete Bauwerk an einen privaten Besitzer, der es zum Wohnhaus umbaute. Die originalen Außenmauern, das Dachgestühl und sogar die auskragende Toranische blieben dabei erhalten. 


(Patrick Charell)

Literatur

  • Axel Töllner /Cornelia Berger-Dittscheid: Westheim bei Haßfurt. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 577-593.
  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 95-97.