Jüdisches Leben
in Bayern

Wallerstein Synagoge

Bis ins letzte Viertel des 17. Jahrhunderts gibt es keinerlei Informationen über ein jüdisches Gotteshaus oder einen Betsaal in Wallerstein. Erst unter dem Jahr 1679 wird berichtet, dass die „fünf Bücher Moses“ feierlich in die Synagoge des Ortes gebracht wurden. Dabei handelte es sich wohl um einen kleinen Betsaal im Turm des sog. „Judenthors“, der sich an der Südostecke des Marktes befand. Das Gebäude wurde offensichtlich von der Kultusgemeinde verwaltet, denn Ausbesserungen, die 1712 an diesem Tor anfielen, mussten von der Gemeinschaft bezahlt werden. 1725 plante man einen Neubau des Judentors und der Synagoge. Der baufällige Turm wurde teilweise abgetragen und neu aufgebaut. Über der Tordurchfahrt wurden im ersten Stock die Wohnung des Vorsängers sowie Gemeinderäume eingerichtet, deren Zugang über das nördliche Nachbarhaus erfolgte. Im 2. Geschoss befand sich der Betsaal, zu dem vom 1. Stock aus eine schmale Treppe führte. Es handelte sich um sehr beengte Verhältnisse, unter denen die jüdische Gemeinde von Wallerstein hier ihre Gottesdienste abhalten musste. An der Fassade des Markttores verwies nichts auf seine sakrale Nutzung. 1755/56 wurde an dem Bau eine nicht näher bezeichnete „Reparation“ durchgeführt.

In den Jahren 1789/90 kam dann der Wunsch nach einer neuen, repräsentativen Synagoge auf, die der Bedeutung der jüdischen Gemeinde Wallerstein angemessen sein sollte. Dazu lieferte Bauinspektor Johann Georg Bergtold (Berchtold) aus Reutte in Tirol den eindrucksvollen Entwurf einer sehr großzügigen, palaisähnlichen Anlage mit Mansarddach und dreiachsigem Mittelrisalit, der jedoch nicht finanzierbar war. Ein in allen Dimensionen reduzierter Plan, der vermutlich ebenfalls von Bergtold stammte, wurde von Fürst Kraft Ernst Judas (1766–1802) 1802 genehmigt und kam zur Ausführung. Der Fürst stellte Baumaterialien zur Verfügung und gewährte ein Darlehen. Auch auswärtige Israeliten unterstützten mit Spenden die jüdische Gemeinde bei ihrem Bauvorhaben. Da die Synagoge am alten Standort errichtet werden musste, hat man 1804 das Judentor abgerissen und auf seinem Grundstück (früher: Haus-Nr. 238, Plan-Nr. 246; heute: Hauptstraße 61) den neuen Sakralbau erbaut. Er stand nahe der ehemaligen Judengasse (heute: Felsenstraße). Das stattliche Anwesen auf rechteckigem Grundriss mit Krüppelwalmdach, je fünf hohen Rundbogenfenstern an den Längsseiten und je drei Fenstern an den Schmalseiten setzte einen völlig neuen Akzent im Ortsbild. Neben dem lichtdurchfluteten, nahezu quadratischen Betsaal, dessen Zentrum mit dem Almemor durch eine kleine Kuppel akzentuiert war, beherbergte das Gebäude auch eine Gemeindestube und Wohnungen für den Rabbiner und den Lehrer im Dachgeschoss.

In einer „Judenaktion“ erfolgte am 10. November 1938 unter Führung der Geheimen Staatspolizei Augsburg ein Einbruch in die Wallersteiner Synagoge, wobei das Innere schwer beschädigt wurde. Die Einrichtung und wertvolle Ritualgegenstände, darunter u.a. einem Kiddusch-Becher aus dem Jahr 1750, wurden vernichtet. Gebetbücher, Torarollen, Geld und weitere Wertgegenstände hat man der Gestapo Augsburg übergeben. Am nächsten Tag wurde das Gebäude versiegelt. Es fiel ein halbes Jahr später in den Besitz der politischen Gemeinde Wallerstein.

1949 wurde die Synagoge unter Vermögenskontrolle gestellt. Damals waren ein Großteil der Fenster und das Dach beschädigt. Die Kellerräume dienten als Lager. Die Jewish Restitution Successor Organization, die das ehemalige Gotteshaus 1950 zugesprochen erhielt, verkaufte es noch im gleichen Jahr an einen Wallersteiner Baumeister, der darin ein Kino einrichtete. 1979 wurde das Haus abgebrochen und durch den Neubau einer Sparkasse ersetzt. Seit 1989 erinnert hier eine Gedenktafel an die einstige Synagoge von Wallerstein.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Literatur

  • Hager, Angela / Berger-Dittscheid, Cornelia. Wallerstein, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 530-539
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 3, 752-765
  • Schönhagen, Benigna Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ..." Synagogen in Schwaben mit Beiträgen von Henry G. Brandt, Rolf Kießling, Ulrich Knufinke und Otto Lohr, München 2014, S. 30f., 67