Bis ins letzte Viertel des 17. Jahrhunderts gibt es keinerlei Informationen über ein jüdisches Gotteshaus oder einen Betsaal in Wallerstein. Erst unter dem Jahr 1679 wird berichtet, dass die „fünf Bücher Moses“ feierlich in die Synagoge des Ortes gebracht wurden. Dabei handelte es sich wohl um einen kleinen Betsaal im Turm des sog. "Judenthors" im Südosten der Siedlung (heute Hauptstraße 61, 1804 abgerissen), nahe der "Judengasse" (heute Felsengasse). Das Gebäude wurde offensichtlich von der Kultusgemeinde verwaltet, denn Ausbesserungen, die 1712 an diesem Tor anfielen, mussten die Gemeinschaft alleine finanzieren.
1725 plante man einen Neubau des Judentors und der Synagoge. Der baufällige Turm wurde teilweise abgetragen und neu aufgebaut. Über der Tordurchfahrt richtete die Gemeinde im ersten Stock eine Wohnung für den Chasan sowie Gemeinderäume ein, der Zugang lag im nördlichen Nachbarhaus. Im zweiten Stock befand sich der Betsaal, zu dem von unten her eine schmale Treppe führte. Die Verhältnisse waren sehr beengt. An der Fassade des Tores verwies im weiteren nichts auf seine sakrale Nutzung. 1755/56 wurde am Bau eine nicht näher bezeichnete „Reparation“ durchgeführt.
In den Jahren 1789/90 kam dann der Wunsch nach einer neuen, repräsentativen Synagoge auf, die der Bedeutung der jüdischen Gemeinde Wallerstein angemessen sein sollte. Dazu lieferte Bauinspektor Johann Georg Bergtold (Berchtold) aus Reutte in Tirol den eindrucksvollen Entwurf einer sehr großzügigen, palaisähnlichen Anlage mit Mansarddach und dreiachsigem Mittelrisalit, der jedoch nicht finanzierbar war.
Ein in allen Dimensionen reduzierter Plan, der vermutlich ebenfalls von Bergtold stammte, wurde von Fürst Kraft Ernst Judas von Oettingen-Wallerstein (1766–1802) in seinem letzten Lebensjahr genehmigt und kam zur Ausführung. Der Fürst stellte Baumaterialien zur Verfügung und gewährte ein Darlehen. Auch auswärtige Juden unterstützten mit Spenden das Bauvorhaben. 1804 konnte die Kultusgemeinde niederlegen und errichtete auf dem Baugrund eine von Grund auf neue Synagoge.
Das stattliche Anwesen auf rechteckigem Grundriss mit Krüppelwalmdach, je fünf hohen Rundbogenfenstern an den Längsseiten und je drei Fenstern an den Schmalseiten setzte einen völlig neuen Akzent im Ortsbild. Neben dem lichtdurchfluteten, nahezu quadratischen Betsaal, dessen Zentrum mit dem Almemor durch eine kleine Kuppel akzentuiert war, beherbergte das Gebäude auch eine Gemeindestube und Wohnungen für den Rabbiner und den Lehrer im Dachgeschoss.
In einer "Judenaktion" erfolgte zum Novemberpogrom 1938 unter Führung der Augsburger Gestapo ein Einbruch in die Wallersteiner Synagoge, wobei das Innere schwer beschädigt wurde. Die Einrichtung und wertvolle Ritualgegenstände, darunter u.a. einem Kiddusch-Becher aus dem Jahr 1750, wurden vernichtet. Gebetbücher, Torarollen, Geld und weitere Wertgegenstände überstellte man dem Gestapo-Sitz in Augsburg. Am nächsten Tag wurde das Gebäude versiegelt. Es fiel ein halbes Jahr später in den Besitz der Kommune.
1949 wurde die Synagoge unter Vermögenskontrolle gestellt. Damals waren ein Großteil der Fenster und das Dach beschädigt. Die Kellerräume dienten als Lager. Die JRSO erhielt das Gebäude 1950 zugesprochen und verkaufte es noch im gleichen Jahr an einen Wallersteiner Baumeister, der darin ein Kino einrichtete. 1979 wurde das Haus abgebrochen und durch den Neubau einer Sparkasse ersetzt. Seit 1989 erinnert hier eine Gedenktafel an die einstige Synagoge von Wallerstein.
(Christine Riedl-Valder)
1949 wurde die Synagoge unter Vermögenskontrolle gestellt. Damals waren ein Großteil der Fenster und das Dach beschädigt. Die Kellerräume dienten als Lager. Die Jewish Restitution Successor Organization, die das ehemalige Gotteshaus 1950 zugesprochen erhielt, verkaufte es noch im gleichen Jahr an einen Wallersteiner Baumeister, der darin ein Kino einrichtete. 1979 wurde das Haus abgebrochen und durch den Neubau einer Sparkasse ersetzt. Seit 1989 erinnert hier eine Gedenktafel an die einstige Synagoge von Wallerstein.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Literatur
- Benigna Schönhagen (Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ...". Synagogen in Schwaben. München 2014, S. 30f. u. 67.
- Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Wallerstein. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 530-539.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 752-765.
